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„Die Kontrolle sollte bei den Städten liegen“

Von Leonie Sontheimer / 20. Oktober 2017
Credits: Lluis tgn - Own work; Lizenz CC BY-SA 4.0

Im Vorfeld zum FES-Kongress “Digitaler Kapitalismus -Revolution oder Hype?” fragen wir uns, wohin internetbasierte Unternehmen führen, wie die Zukunft des Internets aussehen sollte. Sozialforscherin Mayo Fuster Morell hat interessante Antworten parat.

sagwas: Frau Morell, als das Internet entworfen wurde, sollte es dezentral und kostenlos sein. Heute müssen wir uns oft registrieren oder bezahlen, um Dienste zu nutzen. Ist das Projekt des freien Internets gescheitert?

Mayo Fuster Morell: Die Kontrolle über das Internet sollte von Anfang an nicht nur bei der Regierung liegen, sondern ebenso bei privaten Unternehmen und der Zivilgesellschaft – ein Multi-Stakeholder-Modell. In den 1990ern, als die Debatte über „Internet Governance“ laut wurde, war man der Meinung, dass die private Verwaltung effizienter sei als die öffentliche. 25 Jahre später befinden wir uns in einer sehr bedenklichen Situation, in der Privatunternehmen das Internet kontrollieren und wir für fast alle Dienste bezahlen müssen. Mit Geld oder unseren Daten.

Warum finden Sie das bedenklich? Privatunternehmen wie Google beeinflussen die Entwicklung des Internets auch positiv mit ihren digitalen Innovationen. Digitaler Kapitalismus hat ja auch Vorteile für den Verbraucher.

Es geht nicht mehr nur um die Kontrolle des Internets. Große Unternehmen wie Airbnb und Uber kontrollieren mittlerweile unsere Städte, indem sie das gesamte Wissen über Wohnraum und Mobilität konzentrieren. Damit sind wichtige Bereiche der analogen Welt, die eigentlich der öffentlichen Kontrolle unterliegen sollten, in die Hände von Unternehmen gewandert.

Mayo Fuster Morell, 41, leitet die Forschungsgruppe zu Digital Commons und kollaborativer Wirtschaft an der Universitat Oberta de Catalunya in Barcelona sowie die Forschungsgruppe Internet, Politics and Commons an der Autonomen Universität Barcelona. Sie sitzt im Beirat der Open Knowledge Foundation sowie im Forschungsausschuss der Wikimedia Foundation. (Foto: Wikimedia Foundation [CC BY-SA 3.0], via Wikimedia Commons)

Wie sollten wir diesen digitalen Monopolen begegnen?

Wir sollten wegkommen von dem Multi-Stakeholder-Modell, hin zu einem öffentlichen Commons-System – der Partnerschaft von öffentlicher Verwaltung und einer zivilgesellschaftlichen, commonsbasierten Produktion. Zu dieser Partnerschaft gehören globale Institutionen, nationale Regierungen, Städte und die Zivilgesellschaft, aber keine Privatunternehmen. Solche Formen der Organisation gibt es im Energiesektor bereits in vielen Städten.

Die Städte selbst sollten also mehr Handhabe haben.

Das Internet sollte alle politischen Ebenen anbelangen, aber die meiste Kontrolle sollte bei den Städten liegen. Momentan hat vor allem die EU die Möglichkeit, das Internet zu gestalten, während Städten die Hände gebunden sind. Dabei zeigen die Entscheidungen, die auf EU-Ebene getroffen werden, in den Städten am meisten Effekt. Die Menschen, die in den Städten leben, sollten mehr Einfluss haben können. Wir haben uns sehr an die repräsentative Demokratie gewöhnt: Partizipation bedeutet für die meisten, wählen zu gehen. Aber wir müssen Partizipation neu begreifen – als Ökosystem, in dem jede Person abhängig von Fähigkeiten, Zeit und Interesse beiträgt. Commons leben von der Beteiligung der Gemeinschaft.

Wie können wir aus dem jetzigen System in eine commonsbasierte Produktion umsteigen?

Es gibt bereits eine commonsbasierte Produktion. Sie ist oft nur nicht als solche sichtbar. Guifi.net beispielsweise ist ein commonsbasiertes Netzwerk für drahtloses Internet. Es wurde in den 1990ern von den Bewohnern einer dünn besiedelten Bergregion initiiert. Damals hatten die Menschen in den katalanischen Pyrenäen keinen Internetzugang. Den Telefongesellschaften war der Netzausbau nicht rentabel genug. Die Kommunalverwaltung hat sich auch nicht gekümmert. Da haben sich die Bürger zusammengetan, um ein öffentliches Bedürfnis zu erfüllen. Heute deckt Guifi.net ganz Katalonien ab und hat Projekte in Asien, Afrika und Amerika.. Die Infrastruktur wird von der Foundation verwaltet, die aus der Gemeinschaft heraus entstanden ist. Drumherum bieten kleine und mittelgroße Unternehmen zusätzliche Services. Alle zusammen fördern die wirtschaftliche Entwicklung auf dem Land.

Wie können wir das Commons-Prinzip generell auf das Internet ausweiten?

Wir müssen jene Aktivitäten im Internet reduzieren, die lediglich auf Geldaustausch basieren. Das heißt nicht, dass Geld nicht wichtig ist. Es heißt, dass daneben weitere Impulse für Aktivität und Innovation gestärkt werden: zum Beispiel Open-Source-Technologien, freier Zugang zu Wissen und freiwilliges Engagement der Nutzerinnen und Nutzer.

Und woher soll das Geld dafür kommen?

Commonsbasierte Kooperationen können all jene Geschäftsmodelle anwenden, die wir heute von Privatunternehmen kennen: Werbung, Premium-Modelle, Mitgliedschaft oder Crowdfunding. Es gibt auch noch die Möglichkeit, die Daten, die ein Dienst generiert, auf transparente Art und Weise zu verkaufen.

Das klingt nach einem digitalisierten Kapitalismus der Commons. Ein Widerspruch?

Commons gab es schon vor dem Kapitalismus. Ihre Einhegung hat eine wichtige Rolle in seiner Gründung gespielt. Commons können im digitalen Kapitalismus funktionieren, aber auch ohne ihn. Wir sollten uns eine gemischte Wirtschaft vorstellen. Für manche Bereiche der Wirtschaft kann der Markt eine gute Lösung sein. Aber wenn es darum geht, Rechte oder Zugänge zu garantieren, dann sollten Dienste durch Commons geschaffen werden. Es geht darum, ein gutes Gleichgewicht zwischen verschiedenen Produktionsweisen zu finden.

Sind wir auf einem guten Weg zu einem solchen Gleichgewicht?

Mich beunruhigt momentan, wie sich alle auf die Blockchain stürzen. Die allgemeine Annahme ist, dass Blockchain die Probleme des Internets dadurch lösen wird, dass sie noch dezentraler ist als das Internet. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht den gleichen Fehler wiederholen, den wir zu Beginn des Internets gemacht haben. Eine dezentralere Technologie ist nicht per se demokratischer. Wir müssen uns stets fragen, wer die Technologie nutzen wird und mit welcher Absicht.

HINTERGRUNDINFOS

*Internet Governance

Internet Governance ist laut der UN Working Group on Internet Governance „die Entwicklung und Anwendung durch Regierungen, den Privatsektor und die Zivilgesellschaft, in ihren jeweiligen Rollen, von gemeinsamen Prinzipien, Normen, Regeln, Vorgehensweisen zur Entscheidungsfindung und Programmen, die die Weiterentwicklung und die Nutzung des Internets beeinflussen.“

*Commons

Digital Commons sind Gemeinschaften, die nicht-exklusive digitale Informations- und Wissensressourcen teilen, die gemeinsam produziert wurden. Die Ressourcen gehören der Gemeinschaft und können von allen Mitgliedern der Gemeinschaft sowie von Dritten genutzt werden. Wikipedia ist ein Digital Common – eine Gemeinschaft von Redakteuren, die eine Ressource produzieren, auf die jeder zugreifen kann, ohne dafür bezahlen zu müssen.

*Blockchain

Blockchain ist eine dezentrale Technologie zur Speicherung und Verifizierung von Daten. Man kann sich Blockchain als eine Kette von Datenblöcken vorstellen, die Transaktionen speichert. Die Kette ist so etwas wie eine sich ständig aktualisierende Datenbank, deren Reiz darin liegt, dass sie dezentral gespeichert und verifiziert wird und somit schwer fälschbar ist.

Für mehr Infos zum Thema, siehe: http://www.fes.de/de/digitalcapitalism/

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