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Museum der Hoffnung

Von Tim Krause / 28. Februar 2013

Benedikt XVI. war ein bedeutender Papst – denn aus Sicht seiner hermetischen Welt hat er alles richtig gemacht: die Muslime attackiert; die Distanz zum Judentum vergrößert; Fortschritte in der Ökumene zwar von den Protestanten eingefordert, eigene Schritte auf sie zu faktisch aber verhindert und die radikalkatholische Piusbruderschaft rehabilitiert. Wer sein Pontifikat als Ansammlung von Ungeschick, […]

Benedikt XVI. war ein bedeutender Papst – denn aus Sicht seiner hermetischen Welt hat er alles richtig gemacht: die Muslime attackiert; die Distanz zum Judentum vergrößert; Fortschritte in der Ökumene zwar von den Protestanten eingefordert, eigene Schritte auf sie zu faktisch aber verhindert und die radikalkatholische Piusbruderschaft rehabilitiert. Wer sein Pontifikat als Ansammlung von Ungeschick, Pannen und mangelndem Einfühlungsvermögen abtut, macht es sich zu einfach. Denn in einer Zeit zunehmenden Bedeutungsverlustes der Kirchen in faktisch allen modernen Gesellschaften, handelte Benedikt seinen eigenen Überzeugungen und Ankündigungen entsprechend: Eher solle die Kirche ein kleiner Kreis wahrer Gläubiger sein, als ein, durch Kompromisse verwässertes, Massenphänomen.

Dass Benedikt eine wirkliche Aufklärung des monströsen, weitläufigen und teilweise systematischen Kindesmissbrauchs in vielen kirchlichen Institutionen nicht mit aller nötigen Konsequenz vorangetrieben hat, ist ein Zeichen seiner Führungsschwäche und vielleicht haben ja all jene Recht, die seinen Rücktritt als Eingeständnis der Hilflosigkeit angesichts der Vatileaks-Affäre betrachten, in deren Verlauf die Kirchenspitze als eine von Korruption, Günstlingswirtschaft und Amtsmissbrauch durchsetzte Organisation enthüllt wurde.

Benedikt XVI. hat nie verheimlichen können, welche Probleme er mit der ihn umgebenden Welt hat. Er hat die Moderne nie verstanden, sich mit allen Mitteln gegen den Relativismus gewandt und im Zeitalter der Deutungshoheit der Naturwissenschaften seine Hardliner für die bevorstehenden Ideologiekämpfe in Stellung gebracht. Schon allein deswegen hat er die größte, von ihm erwartete Aufgabe, eine wirkliche Reform der Kurie, nie in Angriff genommen. Und genau da liegt das Problem; es ist ebenso ein strukturelles wie ein substanzielles: Ein Establishment reproduziert sich immer selbst, umso mehr in einem quasi-absolutistischen System wie dem der katholischen Kirche.

Der Theologe und Papst Ratzinger war ebenso dogmatisch frauen-, homosexualitäts- und naturwissenschaftsfeindlich wie seine Vorgänger; und er hat keinen Zweifel daran gelassen, dass die katholische Lehre keinerlei Interpretationsspielräume zulässt. Die Mitglieder der Kurie, inklusive aller papstfähigen Kandidaten, haben das abgeschlossene Gedankengebäude ihrer „reinen Lehre“ verinnerlicht. Wer vom nächsten Papst also ein Ende des Zölibats, ein Priestertum für Frauen oder einen Wiedereinstieg in die Schwangerenkonfliktberatung erwartet, wird enttäuscht werden. Benedikts zentrales Thema war sein Postulat, dass Glaube und Vernunft nicht nur vereinbar seien, sondern einander unabdingbar ergänzten. Was nämlich erfreulich aufgeklärt klingt, ist in Wahrheit nichts anderes als eine geradezu aberwitzige Beugung des Vernunftsbegriffs, wie sie in dieser Form wohl nur religiösen Menschen zu eigen ist.

Religion und Vernunft?

Die Petersbasilika im Vatikan, hierzulande gerne und fälschlicherweise Petersdom genannt, ist ein atemberaubendes Beispiel für das immerwährende Streben des Menschen nach endgültigen Wahrheiten. Bramante, Maderno, Michelangelo, Raffael und Bernini waren nur einige der bedeutenden Künstler, die dieser Suche Ausdruck verliehen – doch wäre es nicht das Christentum gewesen, das sie zu ihren bedeutenden Beiträgen zur Kunst beflügelt hätte, sondern irgendein anderes Glaubensystem, sie wären nicht minder schöpferisch gewesen.

Denn die Entstehung des Christentums, seine Ausbreitung und heutiger Einfluss sind ebenso sehr von Zufall und Konvergenzen der Weltgeschichte getragen worden, wie die des Islams, des Judentums und aller anderen großen und kleinen metaphysischen Deutungssysteme. Sie alle stammen aus einer Zeit, in der die Vernunft im Sinne der Wissenschaftlichkeit noch nicht die tragende Bedeutung der Welterklärung innehatte, wie es heute zweifellos der Fall ist. Denn die wirklichen Antworten auf die Fragen nach der Substanz der Welt kommen schon lange nicht mehr von den Kanzeln – sie kommen aus den Labors der Physiker.

Auch hat die Wissenschaft längst die Funktionsmechanismen des Religiösen durchleuchtet: Menschen sind dort besonders religiös, wo die gesellschaftliche Ungerechtigkeit in Form einer Ungleichverteilung von Wohlstand und Perspektiven besonders ausgeprägt ist. Dort dienen Religionen den Habenden als Legitimation ihres Status’, den Nicht-Habenden als Trost und Erklärung ihrer Perspektivlosigkeit. Dass die Hirnforschung längst nachgewiesen hat, dass und wie religiöse Gefühle, bis hin zur kollektiven Psychose, vom Gehirn erzeugt werden, spielt für den getrösteten Gläubigen natürlich keine Rolle. Es ist die Gemeinschaftserfahrung, die die eigentliche Intensität religiöser Erlebnisse schöpft.

Kein gebildeter Mensch wird heute ernsthaft bestreiten, dass alle religiösen Schöpfungsmythen falsch sind. Der Kreationismus, in welcher Form auch immer, ist die letzte Bastion institutionalisierten Aberglaubens. Dennoch scheinen seine Verteidiger, all jene, die lieber glauben als wissen, lieber beten als denken wollen, weltweit auf dem Vormarsch zu sein. Sie gründen fundamentalistische christliche Schulen oder predigen salafistische Abgrenzungsideologien, erheben Alleinanspruch auf die Wahrheit – und das in einer Welt, in der ihr Irrtum längst bewiesen ist. Doch die Zunahme der Religiösen ist keine Zunahme durch Mission – sondern eine durch Demographie. Die Katholische Kirche ist die größte christliche Glaubensgemeinschaft der Welt. Rund 17,5 Prozent der Weltbevölkerung gehören ihr an, das sind fast 1,2 Milliarden Menschen. Doch die weit überwiegende Mehrzahl ihrer Angehörigen lebt in Ländern mit teils extrem ungleicher Verteilung des Wohlstands, was fast immer mit einer hohen Geburtenrate einhergeht. Allein deswegen werden Papstkandidaten aus Afrika und Südamerika diskutiert. Dass sich mit einem außereuropäischen Papst längst überfällige Modernisierungsschritte vollzögen, ist eine weitere, bereits jetzt, museumsreife Hoffnung. „Die Vorstellung, dass ein Papst aus Afrika die katholische Kirche weiter und weltoffener macht, ist schlicht eine Illusion“, sagt etwa der Münchner evangelische Theologe Friedrich Wilhelm Graf, „da würde sich mancher deutsche Reformkatholik bald nach Papst Benedikt zurücksehnen.“

Wie dem auch sei, der nächste Papst wird ein schweres Erbe antreten: In Afrika werben verstärkt radikale wahhabitische Gruppen um Anhänger: Wo es früher ein gutes Miteinander von Muslimen und Christen gab, ist heute ein Dialog kaum mehr möglich. Bei den koptischen Christen in Ägypten etwa ist die Tendenz zu beobachten, selbst Parallelgesellschaften zu bilden. Das Ziel ist, eine stabile, nach außen abgeschlossene Gruppe zu bilden, um dem Ansturm der Islamisten gewachsen zu sein. Eine typische Reaktion religiöser Systeme – und ein Indikator  auch für das Handeln des Vatikan unter Benedikt XVI. und seinem Nachfolger.

Die Petersbasilika ist, wie alle anderen alten Tempel der Welt, ein Museum der Hoffnung auf Sinn, Antworten und Ewigkeit. Doch je mehr der Mensch über das Wesen der Natur weiß, desto mehr werden auch Kirchen, Moscheen und Synagogen den Weg der alten griechischen und römischen Tempel gehen. Religionen werden zu Mythen. Sie haben keine Deutungsmacht mehr, sind aber wichtiger und wertvoller Teil unseres kulturellen Gedächtnisses. Bis dahin ist es natürlich noch ein langer Weg. Doch der Weg ist beschritten, weltweit und unumkehrbar, wenn es auch noch Jahrhunderte dauern mag, dass die Vernunft letztlich die alten Mythen verdrängt.

Titelbild: kallejipp / photocase.com

5 Antworten zu “Museum der Hoffnung”

  1. Von Faudel am 28. Februar 2013

    Für Religionen mag vielleicht gelten „Game oever!“. ABER:
    Und dann? Diktatur der Wissenschaft? Planet der Affen?
    Und macht es wirklich Sinn, auf die gleiche Art und mit ähnlicher Intensität auf den Glauben zu hauen, wie man es (zurecht) den religiösen Narren vorwirft?

  2. Von Walter Abt am 1. März 2013

    Der Artikel ist ein treffendes Kompendium des abgelaufenen Pontifikats mit all seinen Bedauerlichkeiten der reaktionären Handlungen eines Papstes, der darin sogar seinen Vorgänger übertroffen hat.
    Ein Lob an seinen tiefsinnigen Verfasser!

  3. Von Herbert Kienker am 5. März 2013

    Die Analyse hinkt! Wer Religion durch Vernunft ersetzt, sollte zunächst einmal erklären, was er unter „Vernunft“ versteht. Ist es vernünftig, Naturwissenschaften zur „Ersatz-Religion“ zu deklarieren? Ist es vernünftig, den Menschen ausschließlich als „rationales Wesen“ zu begreifen? Ist es „un-vernünftig“, über Dinge nachzudenken wie „Seele, Psyche, Transzendenz“? Wenn man Mythos als „Vorstellung eines Volkes über die Entstehung der Welt“ versteht, dann hat man noch nicht den Stellenwert einer Religion beschrieben! Ich empfehle, noch einmal nachzudenken.

  4. Von Tim am 5. März 2013

    Hallo Herbert,

    danke für Deinen Kommentar! Möglicherweise haben wir uns missverstanden: Ich wende mich nicht grundsätzlich gegen die Suche nach Transzendenz und begreife den Menschen auch nicht rein biologisch. Meine Bedenken richten sich gegen bestehende religiösen Institutionen und ihre Wissenschaftsfeindlichkeit. Hierbei muss man Religiosität und Religion sauber voneinander abgrenzen. Der zugrundeliegende Vernunftbegriff basiert auf den logischen Axiomen der Mathematik und damit der Naturwissenschaften. Der Mensch ist schließlich Teil jener Natur, die wir erst zu verstehen beginnen.

  5. Von Tim am 5. März 2013

    Hallo Faudel,

    auch Dir vielen Dank für Deinen Kommentar. Vielleicht habe ich mich wirklich nicht präzise genug ausgedrückt. Lies doch bitte auch mal meine Antwort auf Herberts Kommentar. Natürlich kann ich nicht verheimlichen, dass ich die großen Religionssysteme ablehne (aus genannten Gründen); andererseits ist die menschliche Suche nach Transzendenz und Ewigkeit damit nicht diskreditiert. Bestehende Religionen behindern sie jedoch durch ihren Anspruch auf Endgültigkeit. Vielleicht ist ein wissenschaftlich-humanistisches Weltbild erstrebenswert, das mehr Fragen als Antworten bietet?

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