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Nehmt den Regisseuren die Macht!

Von Tim Krause / 16. Februar 2012

Die Berlinale ist nicht nur Festival internationaler Film­kultur, sondern auch die wichtigste Austauschzone der deutschen Fernsehbranche. Nicht nur weil der heimische Kinofilm viel zu häufig Spalt-, Neben- oder gar Ausscheidungsprodukt der Fernsehindus­trie ist, sondern vor allem, weil es sich bei dieser um den größten, wichtigsten und alles entscheidenden Arbeitsmarkt der Filmschaffenden in diesem Land handelt, […]

Die Berlinale ist nicht nur Festival internationaler Film­kultur, sondern auch die wichtigste Austauschzone der deutschen Fernsehbranche.

Nicht nur weil der heimische Kinofilm viel zu häufig Spalt-, Neben- oder gar Ausscheidungsprodukt der Fernsehindus­trie ist, sondern vor allem, weil es sich bei dieser um den größten, wichtigsten und alles entscheidenden Arbeitsmarkt der Filmschaffenden in diesem Land handelt, scheint in­mitten des ersten großen Prosecco-Orkans des Branchen­jahres mal wieder die Frage angebracht, warum die meisten deutschen TV-Movie- und Serienproduktionen noch immer so abgrundtief fürchterlich und unerträglich schlecht erzählt sind. Die wichtigsten Gründe sind altbekannt. Abseits ein­zelner Perlen von Drehbuchautoren, wie beispielsweise Annette Hess, Marc Terjung, Bora Dagtekin, Gregor Edel­mann oder Mizzi Meyer, ist es das alte Lied: Schale Zweit­aufgüsse amerikanischer Formate kuscheln sich an Love-and-Landscape-Banalitäten mit pikiert hininszenierten Blondinen, die in zumeist albern-infantilen, grunzober­flächlichen Liebesgeschichts-Imitaten unbegreiflich dämliche Plattitüden in die Kamera sprechen müssen; vor allem aber wird der Zuschauer von einer Kaskade mal betroffen nickender, mal entschlossen dreinblickener Kommissare/innen ersäuft, die in Malen-nach-Zahlen-Krimiplots umherstehen, welche sehr häufig dröger, vorher­sagbarer und spannungsärmer nicht erzählt sein könnten. Seit Jahren steht die Vermutung im Raum, dass neun von zehn „Tatort“-Werke nur deswegen so gute Quoten ein­fahren, weil der Zuschauer vor Langeweile ins Koma kippt, noch bevor seine Hand die rettende Fernbedienung erreicht. Dafür gibt es viele Gründe. Und einiges, das dagegen getan werden kann. Es hat nichts mit Geld zu tun. Nur mit einem Richtungswechsel in den Köpfen all derer, die wir in diesem Land Filme und Serien machen. Hier ein paar Vorschläge:

kallejipp / photocase.com

Nehmt den Regisseuren die Macht!
Jeder Drehbuchautor kennt diesen Vorgang: Man entwickelt, bei Serien gerne auch gemeinsam im Autoren-Team, Ge­schichte(n) für einen Fernsehfilm oder eine ganze Serien­staffel; greift Wünsche und Anregungen der Redaktion, der Produzenten und Producer auf, schleift unter Berück­sichtigung aller Befindlichkeiten und Möglichkeiten ein Buch unter Absonderung von Blut, Schweiß und Tränen bis zur Drehreife – und dann kommt der Regisseur (der noch kurz zuvor den Auftrag aufgrund eben dieses Buches ange­nommen hatte, weil er es ja so toll fand), der nicht selten das Buch während des Flugs zur Besprechung oder einer inten­siveren Stoffwechsel-Sitzung mal flink überflogen hat und will plötzlich alles anders machen. Die Figuren, der ganze Plot und überhaupt das Genre: Das ginge ja so alles auf einmal überhaupt nicht mehr.

Jeder in unserer Branche kennt die berühmte Anekdote von Billy Wilder: „Ich bin einmal gefragt worden, ob Regisseure denn auch schreiben können müssten. Und habe geant­wortet, es wäre schon sehr gut, wenn sie wenigstens lesen könnten. Ich bin Regisseur geworden, weil ich mir meine Drehbücher nicht mehr verhunzen lassen wollte.“ Das ist leider nicht Ausnahme, sondern die Regel; was natürlich all jene Regisseure unangetastet lässt, die gekonnt und publikumsnah erzählen und mit ihren Schauspielern wirklich arbeiten können. (Hinweis: Jeder Regisseur, der zu einem Schauspieler im Hinblick auf die Interpretation einer Rolle sagt: „Biet doch mal was an!“ gehört mit einem Kamerastativ vom Set geprügelt.) Bei jeder US-Produktion würde zudem ein Regisseur, der zwei Tage vor Dreh an­fangen möchte, seine eigenen, selbstverständlich hyper­brillanten, Ideen ins Buch einarbeiten zu wollen, von Produzentenseite mit einem ultimativen Satz konfrontiert: „Du drehst, was im Buch steht, oder wird werden jemanden finden, der das kann.“ Regisseure sind Umsetzer der Geschichte, nicht deren Urheber. Das sind die Autoren.

Hinzu kommt ein grundlegendes Missverständnis über die Bedeutung des Begriffs „Autorenfilm“ innerhalb der deutschen Film- und Fernsehlandschaft: Er bedeutet nämlich eben gerade nicht, dass Autoren ihre eigenen Filme drehen, sondern, entsprechend der Definition Truffauts und Goddards, dass der Regisseur zum alleinigen Urheber des Filmwerks erklärt wird. Was im, oft als solchem dekla­rierten, „Arthouse“-Kino von größter Bedeutung ist, gerät beim Erzählen fürs breite Fernsehpublikum zur Sollbruch­stelle: Es fehlt oft an Erzähldichte, Dramaturgie und Handwerk – von Charme, Liebe zu den Figuren und Humor einmal abgesehen. Fernsehen ist kein Egotrip der Regisseure oder Autoren, sondern Teamarbeit. Es ist eine Plattform für, im besten Fall, berührende, spannende und geistvolle Unterhaltung. Wir machen sie für unser Publikum, jenen hart arbeitenden Bevölkerungsteil, der unsere Geschichten konsumiert und uns dafür bezahlt. Und dieses Publikum gekonnt zu unterhalten, ist leider ganz erheblich schwie­riger, als einen betroffen-selbstreflexiven Befindlich­keitsfilm über die Orientierungslosigkeit der Post-Postmoderne zu drehen, der – selbst wenn überaus gelungen – dann leider eben doch nur von 37 Zuschauern bei den Hofer Filmtagen gesehen wird.

kallejipp / photocase.com

Gebt die Macht den Autoren!
Das Geheimnis US-amerikanischer Fernsehproduktionen ist, dass ihre Autoren das Sagen haben – und hiermit sind insbesondere jene großartigen Serien gemeint, die in den letzten Jahren die erzählerischen Möglichkeiten der meisten Kinofilme zum Teil weit hinter sich gelassen haben. Vom David-E.-Kelley-Universum über Aaron Sorkins Genie­streiche bis hin zu den Erzählerserien der US-Pay-TV-Sender: Überall gibt es einen oder mehrere Headwriter, die die Serien nicht nur erfinden und erzählen, sondern auch als Executive Producer Verantwortung dafür übernehmen. Nur dann bleibt eine einzigartige Handschrift und Wiedererkenn­barkeit einer Geschichte erhalten. In den Worten von David Simon, Schöpfer von „The Wire“: „Sie wollen Sachen wie The Wire? Das ist ganz einfach. Dann müssen Sie alle Macht dem Autor geben. Den kann man dann mit einem Regisseur zusammenbringen, mit einem Produzenten und mit einem Mann, der dafür sorgt, dass das Budget nicht platzt. Aber der Autor muss das letzte Wort haben. Ich sage das nicht, weil ich selbst einer bin. Regisseure verlieben sich in Technik, Einstellungen und Stil. Nichts davon ist die Raison d’être, um eine Geschichte zu erzählen. Es ist notwendig, aber Regis­seure sind nicht die Anwälte der Geschichte, auch nicht Schauspieler oder die Crew. Im amerikanischen Fernsehen von heute gehört dem Geschichtenerzähler die Show.“

Schreibt bessere Drehbücher!
Doch die Wurzel allen Übels sind weder die Regisseure, die Redakteure (die ja, da herrscht Konsens unter den Kreativen, grundsätzlich sowieso an allem schuld sind, inklusive Steuererhöhungen, Ehekrisen und Artensterben) oder das Publikum, das natürlich in seiner breiten Mehrheit einen kollektiven Sinn dafür entwickelt zu haben scheint, anspruchsvollerem Programm mit großer Geschicklichkeit weiträumig auszuweichen. Nein, die Wurzel allen Übels sind wir, die Autoren. Wie oft ertappen wir uns dabei, gewissermaßen schon in einer Art von vorauseilender innerer Redaktionsbesprechung und gefangen im ewigen Quoten-Samsara, Geschichten, Figuren und Dialoge bereits vor der eigentlichen Schreibarbeit an das anzupassen, was wir als Massengeschmack schmerzlich identifiziert zu haben glauben?

Das Fernseh-Erzählen hat sich verändert. Wir haben heute mehr Möglichkeiten denn je, denn selbst der vorsichtigste Sender-Verantwortliche erkennt, dass wir uns neues Publikum nur mit neuen Ideen erschließen. Für Mediennutzer unter 35 hat sich das Netz längst zum Primärmedium entwickelt; sie sehen die Serien und Filme aus internationaler Produktion bereits kurz nach Ausstrahlung auf ihrem Rechner oder Hybrid-Fernsehern und werden vom klassischen Film- und Serienangebot der etablierten Sender zunehmend weniger oder gar nicht mehr erreicht. Diesen Trend aufzuhalten, helfen nur originellere Geschichten, die trotz allem publikumsnah erzählt sind. Wie gut dies gelingen kann, zeigen Serienklassiker wie „The Practice“, „Boston Legal“, „Sex and the City“, „Extras“ oder „The Shield“. Während sie vordergründig in keiner Szene ihren Unterhaltungswert verlieren, liefern sie doch im Hintergrund und gewissermaßen unbemerkt auch, oft fein beobachtete, Kulturkritiken und Gesellschaftspsycho­gramme unserer Zeit. Sicher ist jedenfalls eines: Es sind unsere eigenen, ganz persönlichen Antworten auf jene alte, vielleicht typischste aller deutschen Fragen: „Wer sind wir?“, die wir in Zukunft auch in unseren Serien und Fernsehfilmen anbieten müssen, wollen wir gegen die US-Konkurrenz bestehen.

Artikelbild (oben):
kallejipp / photocase.com

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