Twitter Icon Facebook Icon

debattePRO: Die Mauer muss weg

Von kamilachilewski / 15. Mai 2014

Die Überbleibsel der Mauer sind heute vor allem eine Touristenattraktion. In den Köpfen der Menschen jedoch ist die Mauer viel bedeutsamer: Sie ist noch sehr präsent im Alltag der Verständigung zwischen „Ostdeutschen“ und „Westdeutschen“. Um sie abzutragen, brauchen wir eine gute Erinnerungskultur. von Manuel Steiger   Oft bemerkt man die Mauer heutzutage erst, wenn man […]

Die Überbleibsel der Mauer sind heute vor allem eine Touristenattraktion. In den Köpfen der Menschen jedoch ist die Mauer viel bedeutsamer: Sie ist noch sehr präsent im Alltag der Verständigung zwischen „Ostdeutschen“ und „Westdeutschen“. Um sie abzutragen, brauchen wir eine gute Erinnerungskultur.

von Manuel Steiger

 

Oft bemerkt man die Mauer heutzutage erst, wenn man sich auf den Weg macht, rüber über die ehemalige Grenze. Etwa weil man dort, im „anderen Deutschland“, studieren möchte – so wie ich. Gerade für die jüngere Generation, sollte man meinen, ist die DDR weit zurückliegende Vergangenheit. Sie kennt die Mauergeschichten hauptsächlich aus Erzählungen von Eltern und Großeltern. Und natürlich aus den zahlreichen Dokumentationen, in denen der Ulbricht-Satz „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ mantraartig wiederholt wird. Die DDR ist nur für wenige wirklich greifbar. Differenzen zwischen Ost und West scheinen schlichtweg unwichtig geworden zu sein.

Vorurteile beherrschen das innerdeutsche Verhältnis

So zumindest die Theorie. Überquert man jedoch in der Praxis die alte innerdeutsche Grenze, wird man mit Vorurteilen überschwemmt. „Wie kannst du nur in den Osten gehen?“, hörte ich nicht nur einmal, als ich mich entschied, in Rostock zu studieren. Und das war noch eine der harmloseren Aussagen.

Schnell branden die üblichen, falschen Vorurteile auf: Die Wessis werden mit dem Solidaritätszuschlag ständig zur Kasse gebeten und die Ossis sind grundsätzlich arbeitslos und sitzen den ganzen Tag vor dem Fernseher.

Dass diese Vorurteile Bestand haben, zeigt eine Umfrage des Instituts infratest dimap. „Auch 20 Jahre nach der deutschen Einheit halten sich bestimmte Vorurteile hartnäckig. Denn bereits 1990 gaben gut 50 Prozent der Ostdeutschen bei einer Umfrage an, die beiden Eigenschaften (überheblich und geltungssüchtig) würden eher auf Westdeutsche als auf Ostdeutsche zutreffen“, heisst es in der Studie. Auch bei den Klischees, Wessis seien egoistisch und spießig, habe sich nicht viel geändert. Damals wie heute seien fast 40 Prozent der Ossis der Ansicht, dass Wessis beides sind. „Jeder dritte Ostdeutsche hält Westdeutsche nach wie vor für rücksichtslos.”

Lieber keinen Kontakt nach drüben

Die Konstanzer Arbeitsgruppe Hochschulforschung führte bereits Anfang der 2000er Jahre Umfragen unter Studenten zur Verständigung zwischen Ost und West durch. Das Ergebnis: 80 Prozent der ostdeutschen Studenten verfügten über Kontakte in den Westen, andersherum belief sich der Prozentsatz auf nur 55 Prozent. Nur 50 beziehungsweise 60 Prozent der Studenten gaben an, dass sie den Kontakt ausbauen wollten. Warum aber ist die Verbindung so dünn?

Ein Grund: Wir beschäftigen uns nicht miteinander. Wir fragen nicht: Wo liegen Unterschiede, was sind unsere Gemeinsamkeiten? Wie nehmen wir die Teilung, die Wende, das heutige Deutschland wahr? Welche Rolle spielt unsere Geschichte – die doch zu weiten Teilen einen gemeinsame ist? Eine gute Erinnerungskultur, die sich mit diesen Fragen beschäftigt und Menschen aus Ost und West zusammenbringt, könnte leicht zu gegenseitigem Verständnis beitragen und die Mauer in den Köpfen verschwinden lassen.

Beispiel Fußball

Besonders eindrucksvoll wird die gegenseitige Abneigung bei Deutschlands liebster Nebensächlichkeit, dem Fußball. Ein Beispiel: Zum traditionellen Standardprogramm bei Begegnungen zwischen dem FC Hansa Rostock und einem Verein aus den alten Bundesländern gehört die Verunglimpfung und Bedrohung des Gegners. Der Fanblock grölt mit Inbrunst Gesänge à la „Wessis jagen und schlagen“. Im Gegensatz dazu werden ost-ostdeutsche Duelle grundsätzlich mit einer besonderen Romantik (aber gleichzeitig auch Gewaltbereitschaft) belegt.

Diese Nostalgie spürt man auch in vielen anderen Situationen des täglichen Lebens. Nicht selten wird proklamiert, wie schön die DDR doch gewesen sei. Man hätte sich stets auf den Zusammenhalt untereinander verlassen können, das Wir-Gefühl sei stärker ausgeprägt gewesen. Die Nachteile der Diktatur werden zu oft unter den Teppich gekehrt.

Erinnerungskultur fördern

Deutschland ist auch 2014, ein Vierteljahrhundert nach der politischen Wiedervereinigung, auf der gedanklichen Ebene noch nicht völlig geeint. Es ist daher heute wichtiger als jemals zuvor, dass wir uns mit unserer Vergangenheit beschäftigen, selbst wenn sie nicht unsere persönliche ist, sondern die der Gesellschaft, in der wir leben.

Wir müssen versuchen, mit den Steinen, die einst eine Mauer bildeten, eine Brücke über unsere Vorurteile zu bauen. Natürlich mag die Erinnerung an diese Zeiten manchmal unbequem sein. Dennoch müssen wir uns mit unserer Vergangenheit häufiger auseinandersetzen, um die Teilung in den Köpfen zu überwinden, zum Beispiel im Schulunterricht. Aber es sollte nicht bei dieser theoretischen Ebene bleiben. Vorurteile können nur abgebaut werden, wenn wir „im echten Leben“ aufeinander zugehen. Vorstellbar sind hier etwa Diskussionen unter Zuhilfenahme der neuen Medien. Seien wir mal ehrlich: Es war nie einfacher, miteinander in Kontakt zu treten.

3 Antworten zu “PRO: Die Mauer muss weg”

  1. Von AnnaR am 21. Mai 2014

    Spannende Befunde in den Artikeln und eines wird mir klar: traue keiner Statistik, die du nicht gefälscht hast:) Beide Autoren der Pro und Contra Artikel nennen jeweils Studien zum gleichen Thema mit unterschiedlichen Befunden, die ihre Position auch belegen können.
    Und so scheint mir es auch in der Debatte um die Deutsche Einheit zuzugehen: sie wird sehr emotional geführt und kommt oft nicht zusammen. Es beginnt schon mit den Begrifflichkeiten Friedliche Revolution, Wende, politischer Umbruch. Schon hier scheiden sich die Gemüter, wie die Ereignisse ab dem Sommer 89 nun zu bewerten seien.
    Positiv ist für mich hier in der Tat die Generation der 30- 40 Jährigen und auch der noch jüngeren Generation: für sie in die jüngste Geschichte der Teilung Deutschlands schon weiter weg und sie beschäftigt nicht mehr so das Stasiunterlagengesetz, sondern wie Deutschland in Europa und der Welt agiert.
    Ich bin gespannt auf den Livestream am Freitag!

  2. Von Silke Lehmann am 21. Mai 2014

    Ich bin auch gespannt auf Iris Gleicke! Ich finde, sie geht das Thema Deutsche Einheit richtig an: sie stellt nämlich immer Bezüge zum Hier und Jetzt her und stellt die Frage: was haben wir in den letzten 25 Jahren gelernt, was machen wir heute damit und was steht für die Zukunft an? Gefallen hat mir so auch ihr Beirag im Bundestag zur Würdigung der Kommunalwahlen in der DDR am 7.5.:
    Hier ein Auszug: „Ich bekenne offen, ich habe kein Verständnis dafür, dass Leute es schick finden, nicht wählen zu gehen. Ich will keine Neonazis im Europäischen Parlament haben, nicht im Bundestag und nicht im Landtag und in keinem einzigen Rathaus.“ Wer die Bürgerinnen und Bürger der DDR ehren wolle, die vor 25 Jahren darauf bestanden haben, richtige Wahlen zu haben, der gehe wählen. „Das ist das Erbe des 7. Mais 1989“, so Gleicke.
    Find ich einfach gut!!

  3. Von hannibal stolze am 22. Februar 2015

    wessis sind und bleiben überheblich und stolz auf ihre vielen armen leute und obdachlose menschen in der brd

Schreibe einen Kommentar zu hannibal stolze Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ähnlicher Artikel

Hintergrund

„Soli West“ – Jetzt!

Ost und West gibt es nicht mehr, zumindest politisch. Schon über zwei Jahrzehnte liegt die Wiedervereinigung Deutschlands nun zurück. Grenzanlagen sieht man nur noch im Museum, und die ersten …
Von Sagwas-Redaktion / 4. Oktober 2011

Zufalls Artikel

Meist Kommentierter Artikel

Hintergrund

Oh, du göttliche Frucht

Viele Menschen kehren sich vom traditionellen Glauben an Gott ab. Stattdessen wenden sie sich einer Art Gesundheitsreligion zu: Sie huldigen veganen Köchen, folgen Fitnessbloggern und glauben an die …
Von Sophia Hofer / 1. September 2016