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Taktlos!

Von Lamya Kaddor / 30. Mai 2013

Am 29. Mai 1993, vor genau zwanzig Jahren, brannte ein Haus in Solingen. Das Feuer wurde gelegt, es war ein Brandanschlag mit rechtsextremistischem Hintergrund. Es war Mord: Gülüstan Öztürk, Gürsün İnce, Hatice, Hülya und Saime Genç erstickten im Rauch, wurden Opfer der Flammen, starben nach verzweifelten Sprüngen aus dem Fenster. Mevlüde Genç, heute 70 Jahre […]

Am 29. Mai 1993, vor genau zwanzig Jahren, brannte ein Haus in Solingen. Das Feuer wurde gelegt, es war ein Brandanschlag mit rechtsextremistischem Hintergrund. Es war Mord: Gülüstan Öztürk, Gürsün İnce, Hatice, Hülya und Saime Genç erstickten im Rauch, wurden Opfer der Flammen, starben nach verzweifelten Sprüngen aus dem Fenster.

Mevlüde Genç, heute 70 Jahre alt, der in dieser Nacht fünf nächste Menschen genommen wurden, kann nicht daran glauben, dass die Zeit alle Wunden heilt. Trotz ihrer Wunden blieb sie in Solingen – und trotz ihrer Wunden setzte und setzt sie sich für ein besseres Zusammenleben zwischen Türken und Deutschen ein. Immer!

Am 20. Jahrestag dieses Verbrechens, das die Republik erschütterte, auch international Wellen schlug – und nach den Mordtaten des NSU und vielen weiteren Verbrechen der rechtsextremen Szene – sendet die ARD am 29. Mai 2013 eine Talkshow: Anne Will erörtert das Thema „Allahs Krieger im Westen – wie gefährlich sind radikale Muslime?“. Das irritiert. Ein Blick auf die Nachrichtenspalten lässt keinen zwingenden Grund erkennen, warum das Thema „Allahs Krieger“ zum x-ten Mal auf einen der Top-Sendeplätze im deutschen Fernsehen gehievt werden muss. Weshalb werden also wieder Muslime und Islam in Verbindung mit Gewalt und Terror gebracht, wohingegen das naheliegendere und aktuellere Thema des mörderischen Rassismus innerhalb der Mehrheitsgesellschaft nicht gewürdigt wird?

Dabei gäbe es zudem gute Gründe, die Scheinwerfer in diese Richtung zu schwenken. In einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung des letzten Jahres war knapp die Hälfte der Befragten der Meinung, der Terror von Al-Quaida etc. sei im Islam selbst angelegt.

Flankiert werden die Ergebnisse von der jüngst beendeten Langzeitstudie „Deutsche Zustände“ vom Forscherteam um Prof. Heitmeyer, die zweifelsfrei nachweist, dass die Islamfeindlichkeit seit den Anschlägen vom 11. September 2001 erheblich zugenommen hat. Der Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit des UN-Menschenrechtsrats, Prof. Heiner Bielefeldt, gelangte zu dem Schluss: „In der öffentlichen Wahrnehmung ist der friedliche Islam das Uneigentliche geworden.“
Möglicherweise kann uns auch der Kommunikationswissenschaftler Prof. Kai Hafez bei der Suche nach Antworten behilflich sein: „Noch immer vermitteln viele Medienberichte ein negatives Bild des Islams und der Muslime. Dies betrifft nicht nur die Boulevardmedien. Selbst Sendungen auf ARD und ZDF, die den Islam behandeln, haben zu mehr als 80 Prozent eine negative Themensetzung, indem sie beispielsweise zugleich auch Integrationsprobleme, Menschenrechtsverletzungen oder internationale Konflikte darstellen, wie eine Studie der Universität Erfurt 2007 feststellte. Durch diese Verknüpfung gerät der Islam in ein schlechtes Licht.“

Einschaltquote, Business as usual,  Ressentiments in den Redaktionen – sind dies die Gründe für einseitige Auswahl und Stereotype festigende Endlosschleifen mancher Themen? Vielleicht sind es aber auch zu wenige Mitarbeiter mit ‚Migrationshintergrund‘ in den Redaktionen, die die Kollegen mit einer alternativen Sicht konfrontieren könnten?

Werfen wir einen Blick auf die Experten der Runde: Vor allem Dr. Necla Kelek, die Soziologin, springt sogleich ins Auge. 60 Wissenschaftler attestierten ihr bereits 2006, dass die Inhalte ihrer Bücher im krassen Gegensatz zur Forschungsarbeit selbiger Wissenschaftler stünden. Am 16. Juli 2010 gingen Keleks Ressentiments im ZDF ungefiltert über den Sender: „Die [muslimischen] Menschen haben nicht die Fähigkeit, ihre Sexualität zu kontrollieren und besonders der Mann nicht, und der ist ständig eigentlich herausgefordert und muss auch der Sexualität nachgehen. Er muss sich entleeren, heißt es, und wenn er keine Frau findet, dann eben ein Tier […].“

Möglicherweise missinterpretieren wir den Auftrag der öffentlich-rechtlichen Sender. Volker Lilienthal schreibt auf bpb.de über „Integration als Programmauftrag“ des öffentlich-rechtlichen Rundfunks: „Heute aber wird beim Stichwort ‚Integration’ an Migrantinnen und Migranten gedacht, die in Deutschland leben und für das Gemeinwesen gewonnen werden sollen, oder an junge Menschen, die der Rundfunk an die Demokratie heranführen soll – so die Vorstellung.“

Deprimierend: Also Einschaltquote. Und wohl auch Ressentiment. Denn wenn öffentlich-rechtliche „Experten“ direkt nach Bekanntwerden der Breivik-Morde mit festen Überzeugungen glänzen, muss man sich über Qualität keine Gedanken mehr machen: „Al Qaida. Alles andere wäre zum jetzigen Zeitpunkt reine Spekulation.“

Es irritiert dennoch. Und befremdet.

 

Titelbild: stockwerk23 / photocase.com

Eine Antwort zu “Taktlos!”

  1. Von Gaiz S. am 25. Juni 2014

    Quellen:

    http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13693035.html

    http://www.youtube.com/watch?v=XaD6sRZAQ00

    http://home.wtal.de/tacheles-Solingen/archiv/ausg01/seite03.html

    Pannen und viele Zweifel

    In 56 Minuten sollen 3 Verurteilte eine Strecke von 4,6 km im stark angetrunkenen Zustand zurückgelegt haben. Einen , nur einem der 3 flüchtig bekannten 4 Mann getroffen haben, die Tat geplant , einen Brandbeschleuniger besorgt habe und die Tat durchgeführt haben. Alles in 56 Minuten. Legt man hierfür Minimalzeiten zugrunde, dass das angebliche Treffen 5 Minuten gedauert hat, das angebliche Besorgen eines Brandbeschleunigers ebenfalls 5 Minuten , eine angebliche Pinkelpause 1 Minute und die angebliche Ausführung 3 Minuten , dann bleibt ein Zeitfenster von 42 Minuten für eine Strecke von 4.6 km. Demnach müssten diese 3 Verurteilten die Strecke mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 6,57 km/h zurückgelegt haben. Eine absurde Theorie. Nur ein Teil der vielen ,,Solinger Ungereimtheiten.“

    hier noch einige Weitere:

    – Warum wurde das Haus 2,5 Monate nach der Tat abgerissen , ohne dass Spuren gesichert wurden ?
    – Wo kommt das im Haus an einem Teppichrest gefundene hochkonzentrierte Pinienterpentin her?
    – Wie soll der Brandbeschleuniger an der Tankstelle besorgt worden sein, obwohl nachweislich, weder eine kleine Menge Benzin gekauft noch geklaut worden ist ?
    – Warum erklärte das Gericht gut ein Dutzend Zeugen die, die 3 zu Unrecht Verurteilten noch zwischen 0.20-0.40 Uhr auf dem Polterabend gesehen haben, für unglaubwürdig?
    U.a hat eine Zeugin sowohl der Polizei, sowie dem Gericht glaubhaft versichert, die 3 Beschuldigten noch um 0.40 Uhr an einer Bushaltestelle gegenüber dem Gartenheim gesehen zu haben.
    – Christian B. wurde von mehreren Vernehmungsbeamten, massiv bedroht , es wurde versucht ein Geständnis zu erpressen. Dies wurde durch einen Polizeibeamten in dem Prozess betätigt.Dieselben Beamten hatten zuvor Markus G. vernommen. U.a gab es in dieser Vernehmung ein 2 Stündiges , UNPROTOKOLLIERTES Vorgespräch. Wie glaubwürdig ist es demnach, dass diese Beamten im Verhör von Markus G. keinen Druck und Drohungen ausgesprochen haben ?
    – Die sogenannten Geständnisse von Christian R. ( der zum Prozessauftakt aussagte, er habe die Tat alleine begangen und hierbei bis zuletzt blieb) und Markus G. stimmen in kaum einem Punkt überein. Angefangen vom angeblichen Treffpunkt, bis zur Beschaffung eines Brandbeschleunigers , bis zur angeblichen Ausführung: Wie kann das Gericht dann von 2 deckungsgleichen Geständnissen reden ?
    – Warum wurde an der Kleidung von Felix K. der den Brand gelegt haben soll, weder Brandbeschleuniger noch Benzin festgestellt ?
    – Warum wurden knapp 100 Zeugen erst in dem Prozess , auf Antrag der Verteidigung gehört; jedoch nie polizeilich zuvor ? Wollte man dadurch eine Begründung haben, diese Zeugen im Urteil für unglaubwürdig zu erklären ?

    Die Liste der Widersprüche , Pannen und Ungereimtheiten ließe sich noch um Einiges ergänzen: trotzdem wurden die 3 verurteilt ! Ein Armutszeugnis für einen sogenannten Rechtsstaat.

    Ich denke, der Skandal der durch das Auffliegen des NSU ausgelöst wurde, hat nochmals eindrucksvoll gezeigt, was in diesem Staat an Pannen und Vertuschung möglich ist. Auch die RAF Fälle von Bad Kleinen und dem Mord an Siegfried Buback zeigen auf, dass hier etwas schief läuft.

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