Twitter Icon Facebook Icon

Was gedacht werden muss – (K)eine Gedichtinterpretation

Von Tim Krause / 11. April 2012

Am Anfang war das Wort. Gott erschuf seine Welt, indem er sprach – und übertrug dem Menschen die Aufgabe, sie in Denken und Tun zu vollenden. Seither ist das Wort nicht mehr autonom: Aus ihm heraus wird auch vollzogen, was nicht im Geiste seines Schöpfers gelegen haben muss. Nehmen wir also den Autor beim Wort: […]

Am Anfang war das Wort. Gott erschuf seine Welt, indem er sprach – und übertrug dem Menschen die Aufgabe, sie in Denken und Tun zu vollenden. Seither ist das Wort nicht mehr autonom: Aus ihm heraus wird auch vollzogen, was nicht im Geiste seines Schöpfers gelegen haben muss. Nehmen wir also den Autor beim Wort: Ein Gedicht habe er geschrieben; einen verdichteten Gedankenraum, der, das liegt in der Natur des Gegenstands, der Ausdeutung und Assoziation bedarf. Das Lyrische Ich, lernt jedes Bürgerkind spätestens im Deutsch-Grundkurs zwischen Goethe- und Heine-Fragmenten, ist nicht mit dem des Autors identisch. Die Kritiker und Denker an den europäischen Höfen des Mittelalters zogen sich ein Narrenkostüm über, um die Stimme der Untergebenen nach oben zu tragen. Seitdem ist die sprichwörtliche  Narrenfreiheit der Dichter ein helles, kleines Instrument im Konzert der Weltdeutungen, das insbesondere von seinen Dirigenten natürlich viel zu oft überhört wird.

Nicht zuletzt deshalb darf das Lyrische Ich aber zunächst einmal alles: Shylocks vermeintliche Starrsinnigkeit geißeln oder um Verständnis für Demagogen, Rassisten und Shoah-Leugner werben – wenn es der erzählerische Kontext recht­fertigt. Denn was wäre die Literatur ohne Antagonisten, Spinner, Leugner und Lügner. Die himmelschreiende Tat­sachenverkehrung, die naive, ja geradezu infantile Weltsicht und Faktenausblendung; die Nicht-Kenntnis der Region und ihrer politischen, kulturellen und ethnischen Struktur­dominanten; das Ausblenden militärstrategischer Grund­konstanten; oder auch die verniedlichende Entlastung Ahmadinedschads als „Maulheld“: Es sind Positionen, die ein zuspitzendes, polarisierendes, provozierendes Lyrisches Ich, mit welcher Begründung auch immer, durchaus hätte ein­nehmen dürfen. Doch durch seine Verteidigungs­äußerungen seit der Publikation seines Textes „Was gesagt werden muss“ hat Günter Grass die eigentliche, entblößende Über­schreitung vollzogen, als er jene mit seinen ureigensten Überzeugungen identifizierte. Es war der Moment in dem der Dichter verschwand und ein trauriges Narrenkostüm zurückließ. Si tacuisses, philosophus mansisses?

Ein Gedicht ist eine Aufforderung zur Ausdeutung, seine Worte Assoziationsbündel; und es sind Worte wie diese: Von einer möglichen „Auslöschung“ des iranischen Volkes wird da phantasiert – und damit der Argumentationspfad Rosenbergs, Eichmanns und anderer Vordenker und Lenker der Shoah zumindest in Erinnerung gerufen, welche die nationalsozialistische Vernichtung des europäischen Judentums als unvermeidlichen Akt der Selbstverteidigung rechtfertigten, da das deutsche Volk von diesen in seiner Existenz bedroht gewesen sei. Vor dem Hintergrund des vorauseilenden und selbstgerechten Antisemitismusver­dachts ist es vor allem die Wort- und Begriffswahl, die diesen Text so disqualifizieren. Er liefert Ausgangsbegriffe, die bei Trägern rechten und rechtsbürgerlichen Denkens zu alten Stereotypen und judenfeindlichen Aussagen vervoll­ständigt werden müssen. Hier liegt die eigentliche Gefahr, im besten Falle die grobe Fahrlässigkeit dieses Textes: Nicht zuerst in dem, was gesagt wird, sondern in dem, was geradezu zwingend hinzugedacht werden muss.

Und der Dichter hilft bei seiner Exegese, als er im ARD-Interview einem ungebrochen freundlich lächelnden Tom Buhrow gegenübersitzt: Auf die Frage, ob denn Grass keine Angst davor habe, auch Zustimmung von der falschen Seite zu erfahren. Niemals, so Grass daraufhin sinngemäß, habe er sich davon abhalten lassen, auch jenen ungewollten Zu­spruch zu erhalten. Doch dies ist die eigentliche Sünde seiner Apologie: Denn wenn sich der Dichter nicht explizit gegen diese Sympathien wendet, nimmt er sie zumindest stillschweigend hin. Natürlich ist Günter Grass kein expli­ziter Antisemit. Doch die Funktionalität seiner Verteidi­gungsreden basiert auf Aussagen wie jenen, dass man gewisse Dinge doch wohl noch würde sagen dürfen, ohne dass man gleich in die rechte Ecke gestellt werde – und erinnert damit unappetitlich an den Sprachgebrauch Sarrazins und all jener, die ihm „Mut“ bescheinigten. Es ist der Moment, in welchem der Dichter eben nicht jenen die Tür vor der Nase zuschlägt, die, nach Wahrnehmung all derer, die aufrichtig nach Verständigung suchen, nicht mit am Runden Tisch sitzen dürfen.

Natürlich ist Grass zugute zu halten, dass er die, von Teilen der Bevölkerung der israelischen Nachbarstaaten empfun­dene Bedrohlichkeit und Feindseeligkeit Israels, mit literarischen Mitteln zuspitzend, zumindest thematisiert. Doch ist es gerade die Anfeuerung dieses Unverständnisses, die, neben dem Ausblenden der Gründe und der Historizität wie überhaupt dem Mangel an näherer Kenntnis jenes hochkomplexen Konflikts, den Dichter unbedingt zu dem Schluss hätten kommen lassen müssen, dass es weiser wäre, sich nicht – schon gar nicht in dieser Form – dazu zu äußern. Seine Unwissenheit mag zu seiner Entlastung dienen, doch schützt sie bekanntlich vor Strafe nicht. Und dann das: Da, ganz am Ende, im Schatten der offenkundigen Unwissenheit, erhebt sich die eigentliche Monstrosität in diesem, schon totdebattierten Scheingedicht; hinverbannt, wo man sie, ermüdet vom holpernden Geschwurbel, eben so leicht zu überlesen neigt: Die deutscheste aller Gesten: Der belehrend erhobene Zeigefinger. Dann liest man noch einmal und kann es kaum glauben: Am Deutsche-Lesen soll die Welt genesen?

„Nur so“, heißt es da inmitten sich breitmachender Beklemmung, „ ist allen, den Israelis und Palästinensern, mehr noch allen Menschen, die in dieser vom Wahn okkupierten Region dicht bei dicht verfeindet leben und letztlich auch uns zu helfen.“

Nur so. Ausschließlich. Einzig dadurch. Was uns der Autor hier zumutet, ist ein Superlativ, der seine grammatikalische Form verschweigt. Es ist nicht von Bedeutung, wie fern von Realitätsbezug und Machbarkeit die dargereichten Vor­schläge einer internationalen Kontrolle beider Seiten, also auch des, laut Autor, offenbar außer Kontrolle geratenen jüdischen Staates sein mag: Die apodiktische Aussage, allein im Besitz der Wahrheit zu sein, ist eine A-Priori-Konsens­verhinderung; eine Anmaßung, aus der dem Leser der alte, (kultur-) imperialistische Eurozentrismus entgegenschreit. Der Narr hat seine Kompetenzen überschritten. Er hätte wissen müssen, was er besser weiter hätte verschweigen sollen.

Artikelbild (oben):
boing / photocase.com

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ähnlicher Artikel

Zufalls Artikel

Meist Kommentierter Artikel

#2017plus

Nicht erst, wenn es zu spät ist

Wer sich weiterbilden will, der könnte schon bald Geld dafür bekommen – eine neue FES-Studie zeigt, wie aus der Arbeitslosen- eine Arbeitsversicherung werden könnte. Eine …
Von Alex Wolf / 5. Mai 2017