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Kleine Drogendialektik

Von Jan Voosholz / 26. April 2016
Credits: Dimitris Kalogeropoylos/ flickr; Lizenz CC BY-SA 2.0

Wenn ich das Recht habe, selbst über meinen Körper zu bestimmen, dann kann ich auch entscheiden, welche Betäubungsmittel ich zu mir nehme. Sobald ich jedoch süchtig werde, ist es mit dieser Selbstbestimmung vorbei.

Selbst über das eigene Leben zu bestimmen bedeutet auch, im Umgang mit dem eigenen Körper frei zu sein. Legale Drogen stehen mündigen Menschen zu. Selbst bei illegalen Substanzen wie Cannabis oder Heroin ist der Konsum an sich nicht strafbar, wohl aber Besitz und Handel. Meine Freiheit endet erst da, wo die eines anderen beginnt. Wenn uns danach ist und wir niemanden sonst gefährden, sagt uns nicht nur die Selbstbestimmung: Bitte sehr, greif zu!

Aber Drogenkonsum kann dazu führen, dass Menschen ihre Selbstbestimmung verlieren, weil sie psychisch und physisch abhängig werden. Das Risiko einer Suchterkrankung ist real und wird gerade bei Alkohol und Nikotin oft unterschätzt. Überschätzt hingegen wird die eigene Fähigkeit, zu erkennen, ob man selbst abhängig ist.

Die Kriterien der Abhängigkeit

Ich selbst habe es heruntergeleiert, das Mantra des Rauchers: Ich entscheide mich freiwillig für die Zigarette und kann jederzeit aufhören. Zumindest der letzte Teil ist reine Selbsttäuschung. Aber was ist mit dem ersten Teil? Können sich Süchtige denn nur zum Entzug entscheiden und nicht vielleicht auch bewusst dagegen?

Diese Frage der Selbstbestimmung illustriert der Roman Fear and Loathing in Las Vegas von 1971. Raoul Duke (alias Journalist Hunter S. Thompson) und Dr. Gonzo (alias Rechtsanwalt Oscar Zeta Acosta) fahren durch die Wüste nach Las Vegas, um über ein Autorennen zu berichten. Dieser Anlass gerät zusehends aus dem Blick, da beide die gesamte Reise über einer bunten Drogenpalette frönen. Die Figuren entscheiden sich bewusst – auch nach den schlimmsten Katermomenten – für die Drogen. Keiner von ihnen hat das Ausmaß des eigenen Konsums oder sich selbst mehr unter Kontrolle. Sind die beiden krank und nicht mehr selbstbestimmt?

Für Substanzabhängigkeit existieren sechs Kriterien, von denen drei vorliegen müssen, damit eine Sucht diagnostiziert wird: Starkes Verlangen nach der Droge; Schwierigkeiten, Substanzmenge und Zeitpunkt des Konsums zu kontrollieren; körperliche Entzugsymptome bei anhaltender Nüchternheit; Steigerung der Einnahmemengen über einen längeren Zeitraum für die gewünschte Rauschwirkung; Vernachlässigung anderer Lebensinteressen; sowie fortdauernde Einnahme trotz negativer körperlicher oder sozialer Folgen.

Duke und Gonzo sind demnach süchtig. Sie müssen sich für oder gegen den Entzug entscheiden – das bedeutet eine Einschränkung ihrer Selbstbestimmung.

Der Sucht entkommen

Viele Menschen denken, je weniger man über Drogen wisse und je seltener man mit ihnen in Kontakt komme, desto größer sei die Chance, nicht in ihre Fänge zu geraten. Doch krudes Halbwissen macht nicht nur neugierig, sondern auch naiv. Das ist eine gefährliche Mischung.

Ist ein Drogenkonsument erst einmal abhängig, ist die Entscheidung für den Entzug schwierig. Selbst wenn es ihm gelingt, sich zu überwinden, ist nicht gesagt, dass dieser Entschluss tatsächlich zur Konsequenz hat, dauerhaft auf die Droge zu verzichten. Ein begonnener Entzug kann scheitern – und das passiert auch häufig.

Bei Nikotin ist laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) weniger als ein Viertel der unbegleiteten und nur etwa die Hälfte der begleiteten Entzugsversuche erfolgreich. Psychische Abhängigkeiten von Substanzen wie Alkohol können bis zum Lebensende fortbestehen.

Drogenabhängigkeit führt aus drei Gründen zum Verlust der Selbstbestimmung. Erstens ist kaum zu erkennen, ob ein Abhängiger sich freiwillig für den Konsum entscheidet oder nur die eigene Sucht vor sich selbst begründet. Zweitens ist es ein stetiger und teils lebenslanger Kampf, den Verzicht durchzuhalten. Drittens verhindert selbst eine überwundene Abhängigkeit einen entspannten Umgang mit der Droge. Gerade bei „sozialen“ Drogen wie Alkohol führt das zu heiklen Situationen. Trockene Alkoholiker können selten „einfach so“ in eine Kneipe gehen.

Lösungsversuche

Das Verbot sämtlicher Drogen ist jedoch keine Lösung. Dann müssten alle schädlichen, suchterzeugenden Substanzen verboten werden. Ein Blick auf die Alkoholprohibition in den USA zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts oder auf den war on drugs zeigt, dass Verbote zu einem Anstieg von Kriminalität und Gewalt führen und die Drogen sich dennoch anhaltender Beliebtheit und Verbreitung erfreuen.

Die Illegalität gestaltet es schwierig bis unmöglich, besonders Suchtgefährdeten wie Minderjährigen den Konsum zu verwehren. Darüber hinaus besteht nur eine geringe Chance, wenigstens die Qualität der eingenommenen Drogen zu sichern – auch trotz Initiativen wie jener der Suchthilfe Wien, freiwillige Checks illegaler Drogen anzubieten. Minderjährigenschutz und Qualitätssicherung kann bei legalen Drogen effektiver gewährleistet werden: Dann haben die Händler selbst ein Interesse, die Gesetze einzuhalten und Kunden haben die Möglichkeit, ihre Rechte einzufordern.

Eine flächendeckende Drogenprävention greift ein, bevor Menschen abhängig werden. Gerade wenn man Selbstbestimmung nicht bloß als Wert, sondern als zu erlernende Fähigkeit mündiger Menschen begreift, wird deutlich, dass Wissen und Wissensvermittlung gefordert sind. Wirklich sicheren Drogenkonsum gibt es nicht.

Doch nicht die Drogen sind die Gefahr, sondern die Sucht. Es ist wichtig, zu wissen, was Bier, Cannabis, Zigaretten und Konsorten eigentlich sind und welche Konsequenzen ihr Genuss mit sich bringt. Darüber hinaus ist es essentiell zu wissen, was Suchterkrankungen sind, wie man diese bei sich und anderen erkennt und, vor allem, wie man sie vermeidet.

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