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1/8: Die feministische Avantgarde

Von May Blank / 8. März 2018
Illustration von May Blank

Frauen, die Hosen tragen und Abitur machen? Erst seit gut einem Jahrhundert ist das in Deutschland kein Skandal mehr. Zu verdanken haben wir diesen Umstand vier mutigen Feministinnen, die im 19. und 20. Jahrhundert für ihre – und unsere – Rechte kämpften.

Schon im Kaiserreich gab es viele Vorkämpferinnen der Frauenrechtsbewegung, die uns 1918 die Einführung des Frauenwahlrechts beschert hat. Sie alle eint, dass sie ein „Nein“ nicht hinnahmen und – häufig über Umwege – die Grenzen des Machbaren erweiterten. Zu ihren Lebzeiten waren die Biografien von Helene Lange, Anita Augspurg, Anna Muthesius und Lise Meitner unerhört. Doch vieles, was Frauen und Männer heutzutage für normal halten, haben unter anderen diese vier uns durch ihren Einsatz überhaupt erst ermöglicht.

Helene Lange: Bildung für alle

Spulen wir zurück ins Jahr 1896. Zum ersten Mal werden Mädchen zur Abiturprüfung zugelassen. Dahinter steckt das Engagement der Pädagogin Helene Lange, die kritisiert, dass „die Frau nicht um ihrer selbst willen als Mensch zum Menschen gebildet […] und in Deutschland nur des Mannes wegen erzogen werden soll.“

Helene Lange selbst beschließt im Alter von 16 Jahren, Lehrerin zu werden, doch ihr Vormund verhindert das. Aber sie gibt ihren Traum nicht auf und bildet sich als Autodidaktin weiter. 1871 erreicht sie ihr nach langem Kampf ihr Ziel: Sie besteht das Lehrerinnenexamen in eigener Vorbereitung. Damals ist sie 23.

Was ihr schwergefallen ist, weil es ihr schwer gemacht wurde, möchte sie anderen Frauen erleichtern. Erst richtet sie Realschulkurse für Mädchen ein, dann gelingt ihr der große Durchbruch: Sechs Gymnasialschülerinnen legen ihre Reifeprüfung am Königlichen Luisengymnasium in Berlin ab. Eine Sensation! Schließlich wird die Abiturprüfung in ganz Preußen für Frauen möglich.

Anita Augspurg: Frauen müssen wählen dürfen

„Was verstehen wir unter dem Rechte der Frau? Nichts anderes als das Recht des Menschen überhaupt.“ Die Geburtsstunde des Frauenwahlrechts ist vor allem mit der Biographie dieser radikalen Feministin verwoben: Anita Augspurg.

Wie Lange legt auch Augsburg ein Lehrerinnenexam ab. Dank des Erbes ihrer Großmutter ist die 1857 geborene Frau bald unabhängig und eröffnet ein Fotostudio in München. Als ein Bürgerliches Gesetzbuch für das ganze Reich eingeführt wird, befürchten Frauenrechtlerinnen ehe- und familienrechtliche Verschlechterungen. Augspurg verlässt Deutschland, wo Frauen das Studium verboten ist, für die Schweiz und promoviert dort. Im Alter von 40 Jahren kehrt sie als erste deutsche Juristin heim. Inspiriert von den englischen Suffragetten startet sie in Berlin spektakuläre Aktionen, darunter ein Eheboykott zur Verbesserung des Eherechtes.

Auch privat rebelliert sie gegen alle Konventionen. Augspurg, die für eine Frau einen noch untypischen Kurzhaarschnitt trägt, lebt mit ihrer Lebensgefährtin auf einem Gutshof, den ausschließlich Frauen bewirtschaften, und macht 1928 den Führerschein.

Anna Muthesius: Weg mit der Korsage!

Reformkleidung – oder reformierte Kleidung – bezeichnet ab Mitte des 19. Jahrhunderts Kleidung, die es Frauen ermöglicht, sich bequemer zu bewegen. Sei es beim Arbeiten oder beim Sport. Eine der bekanntesten Modedesignerinnen und Teil dieser sogenannten Lebensreformbewegung ist Anna Muthesius.

1896 zieht die ausgebildete Konzertsängerin im Alter von 26 gemeinsam mit ihrem Mann, einem Architekten und Kulturattaché der deutschen Botschaft, nach London. Dort kommt Muthesius immer öfter in Kontakt mit Kritikern der Korsage. Deren Analyse: Das Korsett ist ungesund und engt Frauen auch gesellschaftlich ein. Die Deutsche ist begeistert und bringt sich kurzerhand Modedesign selbst bei. 1903 veröffentlicht sie den Bildband „Das Eigenkleid der Frau“, in dem sie Kleider präsentiert, die durch hohe Taillen und schmale Ärmel mehr Bewegungsfreiheit bieten, und die frei von Rüschen und Zierrat sind. Ihre Botschaft: Frauen sollten sich nicht der Mode unterwerfen müssen, sondern anziehen, was ihnen gefällt.

Lise Meitner: Anerkennung für Wissenschaftlerinnen

Der brillanten österreichischen Schülerin Lise, die später die physikalische Theorie der Kernspaltung entwickelt, ist es als Mädchen untersagt, ein Gymnasium zu besuchen. Erst mit 22 Jahren macht sie ihre Matura, auf die sie sich im Selbststudium vorbereitet.

Als zweite Frau überhaupt wird sie 1906 im Hauptfach Physik an der Wiener Universität promoviert. Für ihre Forschung in der Atomphysik geht Meitner nach Preußen zu Max Planck, wo Frauen noch nicht studieren dürfen. Bis 1909 muss sie den Hintereingang der Universität benutzen, um ungesehen an ihren Arbeitsplatz zu gelangen. Bezahlt wird sie für ihre bahnbrechende Arbeit nur erstmals mit 35 Jahren. Ihre Erfolge machen Meitner zu Deutschlands erster Professorin für Physik.

Obwohl sie nicht weniger als 48 Mal für den Nobelpreis nominiert wird, erhält sie die Auszeichnung nicht; im Gegensatz zu ihrem Kollegen Otto Hahn, dem 1945 den Nobelpreis für Chemie für die Spaltung des Atoms verliehen wird. Meinters unvergleichliches Durchhaltevermögen ist zu einem Vorbild für viele Wissenschaftlerinnen geworden. Seit 2000 verleiht die Europäische Physikalische Gesellschaft den Lise-Meitner-Preis für Kernphysik.

 

Außerdem: Wer zwischen unseren Veröffentlichungen keine 24h warten mag, für diejenigen gibt es weitere lesenswerte Beiträge (und in diesen Tagen eigentlich auch kein Vorbeikommen am): Gender-Blog der FES.

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