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Bekifft mit Kugelfisch

Von Christina Mikalo / 9. Januar 2018
Credits: Pixabay/ inmemo; Lizenz CC0

Nicht nur Menschen können süchtig werden: Auch Tiere suchen den Rausch – und werden dafür ziemlich erfinderisch. Während andere sich sich sogar in Gefahr bringen.

In dem Dokumentarfilm „Die lustige Welt der Tiere“ aus dem Jahr 1974 torkeln Elefant, Giraffe, Strauß und Co. nach dem Verzehr vergorener Früchte betrunken durch die Savanne. „Lust auf Alkohol und andere Drogen gibt es quer durchs Tierreich“, sagt Mario Ludwig. Und er muss es wissen: Mehr als 20 Bücher hat der Karlsruher Biologe über die Fauna geschrieben, oft über Lustiges und Skurriles.

Stare vertragen viel

Dass auch Tiere ordentlich zechen können, erfuhr Ludwig durch eine Studie über trinkfeste Singvögel. Forscher der Universität Frankfurt zeigen mithilfe dieser, dass ausgerechnet Stare Alkohol besser abbauen als Menschen. Das liegt an der höheren Konzentration des Enzyms Alkoholdehydrogenase in ihrem Blut. „Wären die Piepmätze genauso groß und schwer wie wir Menschen, könnten sie zumindest theoretisch alle acht Minuten eine Flasche Wein trinken, ohne davon betrunken zu werden“, so Ludwig.

Auch Elefanten und Elche fressen gern verfaultes Obst. Zumindest die Dickhäuter brauchen davon aber ziemlich viel, um einen Schwips zu bekommen. Dass die Elefanten in dem Dokumentarfilm wie besoffene Kneipenbesucher wanken, liegt wohl an giftigen Käferpuppen, die sie mit der Rinde von Marulabäumen eher zufällig verzehren.

Bären schnüffeln Kerosin

Es gibt aber auch Tiere, die absichtlich den Kick suchen. So fressen Rentiere Fliegenpilze, die bewusstseinserweiternde Stoffe enthalten. Kängurus stehen auf Mohnkapseln, die wie Opiate wirken. Und Kamtschatkabären schnüffeln gerne Kerosin, um sich in einen für sie angenehmen Zustand zu versetzen.

Eine außergewöhnliche Sucht pflegen Große Tümmler. In den Gewässern von Mosambik schnappen sich die Delfine Kugelfische. „Sie kauen sehr vorsichtig auf ihren Gefangenen herum, bis diese kleine Mengen eines starken Giftes namens Tetrodotoxin abgeben“, erzählt Biologe Ludwig. Das ist nicht ungefährlich – zu viel Gift kann die Tümmler töten. „Sie brauchen deshalb eine Menge Flossenspitzengefühl.“ Trotzdem lohnt es sich für die Delfine anscheinend, sich mit den Kugelfischen zu „bekiffen“, so Ludwig weiter. „Nach einer Weile fallen sie in einen tranceähnlichen Zustand. Sie lassen sich an die Wasseroberfläche treiben, wo sie ohne jegliche Körperspannung herumhängen. Offensichtlich relaxen sie.“

Meerkatzen sind beschaffungskriminell

Um sich zu berauschen, gehen auch Meerkatzen auf der Karibik-Insel St. Kitts ein Risiko ein: Sie werden zu Dieben. „Die Affen klauen den Badegästen an den Strandbars in handstreichartigen Überfällen gezielt ihre Cocktails und trinken diese blitzschnell aus. Abends liegen dann überall zwischen den Liegestühlen völlig betrunkene Affen herum“, berichtet Ludwig.

Seit den 1990er Jahren haben Forscher rund 1.000 Primaten gefangen und ihr Trinkverhalten erforscht. Dabei kamen sie zu dem verblüffenden Ergebnis, dass die Affen – genau wie Menschen – dem Alkohol unterschiedlich stark zugetan sind. So trinken 15 Prozent der Tiere wenig bis gar nichts, weitere 15 Prozent sind „harte Trinker“, die Alkohol am liebsten unverdünnt süffeln. Die Mehrheit der Meerkatzen jedoch – 65 Prozent – konsumiert Alkohol am liebsten mit Fruchtsaft vermischt.

Gefährlich wird es für die restlichen fünf Prozent: Sie nehmen schnell große Mengen Alkohol zu sich. Oft sind es junge Männchen, die betrunken aggressiv werden oder ins Koma fallen. Hält niemand die Affen vom Trinken ab, sterben sie binnen weniger Monate.

Wie beim Menschen ist der Hang zum Suff bei Meerkatzen offenbar zum Teil genetisch bedingt. Bei alkoholabhängigen Tieren sind möglicherweise Bereiche des Gehirns betroffen, die auch bei süchtigen Menschen das Instinktverhalten steuern – und diese immer wieder zu Drogen greifen lassen.

Kennt sich aus mit Tieren: Dr. Mario Ludwig (Foto: Elisa Reznicek)

Auch Fruchtfliegen werden zu Säufern

Wie genau Alkohol im Gehirn und damit auf das Verhalten von Tieren wirkt, untersucht die Neurobiologin Henrike Scholz von der Universität Köln. Sie macht Fruchtfliegen mit einem Gas beschwipst und das gleich mehrmals hintereinander. „Wenn man ihnen Alkohol anbietet, sie ausnüchtern lässt und ihnen dann erneut Alkohol gibt, verändern sie ihr Verhalten“, fasst die Forscherin ihre Beobachtungen an den Insekten zusammen.

Beim ersten Gaskontakt werden die Tiere schnell hyperaktiv und fliegen wild herum. Nach einer Weile fallen sie dann um und bleiben starr auf dem Rücken liegen. Beim zweiten Mal dauert es schon viel länger, bis die Fliegen betrunken werden. Scholz vermutet, dass sich der Stoffwechsel der Tiere ähnlich wie beim Menschen an den Alkohol anpasst: Greift jemand regelmäßig zur Flasche, gewöhnt sich sein Körper an die ihm zugeführte Substanz. Er erkennt sie als körpereigen an und meldet es, wenn sie fehlt.

In einem zweiten Versuch der Wissenschaftlerin können die Fliegen zwischen einer alkoholhaltigen und einer alkoholfreien Lösung wählen. Das Ergebnis ist eindeutig: „Fliegen ziehen die alkoholhaltige Lösung vor.“ Fehlt den Tieren an einem Versuchstag der Tropfen, so trinken sie am nächsten Tag sogar mehr. Von einer Abhängigkeit der Fruchtfliegen spricht Scholz trotzdem nicht. Sie nimmt an, dass die Tiere den Alkohol vor allem wegen seiner Kalorien wählen.

Wolfgang Sommer vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit glaubt, dass es „ein recht entwickeltes Gehirn braucht, um Suchtverhalten zu entwickeln“. Deshalb würden nur wenige intelligente Tierarten zu Säufern und Kiffern. Zudem hätten hochentwickelte Arten meist kaum natürliche Fressfeinde. Daher könnten sie es sich leisten, beim Drogenkonsum über die Stränge zu schlagen. Ist ein Tier allerdings süchtig, kennt Biologe Mario Ludwig nur eine mögliche Therapie: den kalten Entzug.

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