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Beziehungsstatus: Es ist kompliziert

Von Barbara Tönnes / 30. Juli 2015
Barbara Tönnes // Nicht selbstverständlich: Werbung für die Ausstellung "Made in Germany" in den Straßen von Tel Aviv.

Lange war es in Israel verpönt, deutsche Produkte zu kaufen. Im Jahre 50 der deutsch-israelischen Beziehungen ist „Made in Germany“ ein Verkaufsargument. „Normal“ sind die Beziehungen zwischen Israel und Deutschland jedoch keinesfalls.

2. Februar 1966. Als Yael Ben-Yehuda, Nachrichtensprecherin des israelischen Staatsrundfunks, ihren Text für die Sendung bekommt, ist sie entsetzt. „Mit einem Volkswagen gibt es keine Probleme“ soll sie vorlesen. Nein, das könne sie nicht machen, ein Werbespruch für ein deutsches Produkt werde ihr nicht über die Lippen gehen, sagt sie.

Boykott alles Deutschen

Das Ende des Zweiten Weltkrieges und damit der sechsmillionenfache Mord der Nazis an den Juden sind kaum zwanzig Jahre vergangen und trotz der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und Deutschland im Jahr 1965 wird alles Deutsche abgelehnt. „Made in Germany“ wird boykottiert.

Im Januar 1950 verbietet die israelische Regierung den Handel mit Deutschland offiziell. Das „Wiedergutmachungsabkommen“, das bestimmt, dass die israelische Wirtschaft mit deutschen Investitionsgütern wieder aufgebaut werden soll, wird 1952 gegen heftige Proteste in der Bevölkerung durchgesetzt. Auch nach der Öffnung des israelischen Marktes für Importe aus Deutschland bleiben deutsche Güter lange verpönt.

28. Juni 2015. Grisha Alroi-Arloser, der Geschäftsführer der Deutsch-Israelischen Industrie- und Handelskammer, blickt nachdenklich auf das Treiben im bis zum Bersten gefüllten Ballsaal eines großen Tel Aviver Hotels.

Eine unerwartete Entwicklung

Gerade hat er offiziell das Galadinner für beendet erklärt, zu dem mehr als 400 Unternehmer, Politiker, Wissenschaftler, und Journalisten aus ganz Deutschland und Israel angereist sind. „Wir dürfen stolz sein auf den langen Weg, den unsere beiden Länder in den vergangenen fünfzig Jahren gegangen sind“, sagt er.

Ende Juni 2015 wird die „Goldene Hochzeit“ mit einer zweitägigen Ausstellung namens „Made in Germany“ gefeiert, welche die Entwicklung deutscher Produkte in Israel über die vergangenen Jahrzehnte zeigt, sowie zahlreiche Möglichkeiten für die Vertiefung der Wirtschaftskontakte bietet.

Neben der historischen Ausstellung finden ein sogenannter Innovationstag und eine Investorenkonferenz statt, auf denen die Wirtschaftskooperationen unter anderem im Bereich Cybersecurity noch weiter intensiviert werden sollen. Zukunft und Vergangenheit, aber vor allem die Zukunft liege klar im Fokus der Feierlichkeiten. Niemand habe solch enge Kontakte zwischen Deutschen und Israelis nach dem Holocaust für möglich gehalten, so Alroi-Arloser.

„Von den schwierigen Anfängen über gemischte Gefühle, Akzeptanz und schließlich Partnerschaft haben die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Israel und Deutschland eine beeindruckende Entwicklung gezeigt“, erklärt Alroi-Arloser die vier Phasen der Annäherung und auch der Ausstellung, in der unter anderem alte Werbeanzeigen deutscher Unternehmen in israelischen Zeitungen zu sehen sind.

Ursprungsland: Europa

In den Anzeigen wird bis in die 1980er Jahre hinein der deutsche Ursprungsort der Produkte vehement verschwiegen. „Qualität aus Europa“ heißt es in den alten Annoncen. „Ich habe gut am Import aus Deutschland verdient, würde mir selbst aber nie ein deutsches Auto kaufen“, wird einer der ersten Importeure in der Ausstellung zitiert. Für viele Israelis ist die Kaufentscheidung in jener Zeit eine Wahl zwischen Gefühl und Verstand – zwischen der Erinnerung an den Schmerz des Holocausts und dem Wissen um die gute Qualität deutscher Produkte.

Nach und nach werden deutsche Produkte präsenter – neben Autos werden auch Haarpflegemittel und Schokolade zu Verkaufsschlagern in Israel. 1986 wagt es schließlich ein Haushaltsgerätehersteller, Produkte mit „Made in Germany“ anzupreisen.

Inzwischen geben sich sogar israelische Unternehmen einen „deutschen“ Namenszusatz, um den Eindruck von Qualität und Aktualität zu erwecken. Carolina Lemke Berlin beispielsweise ist eine israelische Kette von 60 Sonnenbrillengeschäften, die mit Berlin so gar nichts am Hut hat, aber vom Ansehen Berlins gerade bei jungen Israelis profitieren will. Die deutsche Herkunft wird 50 Jahre nach Aufnahme der deutsch-israelischen Beziehungen zum Verkaufsargument. Weniger als fünf Prozent der israelischen Bevölkerung gibt in aktuellen Umfragen an, auf deutsche Produkte verzichten zu wollen.

Kooperation auf allen Ebenen

Auf der „Made in Germany“-Ausstellung drängen sich zahlreiche Israelis an den Ständen zweier deutscher Bierbrauer, um ein kühles Helles zu trinken, sie bestaunen neue deutsche Luxusklasseautos und die Modenschau eines deutschen Designers. Israelische Start-ups pitchen ihre Ideen vor deutschen Investoren.

Die parlamentarische Staatssekretärin beim Bundesminister für Wirtschaft und Energie, Brigitte Zypries, verkündet im Rahmen der Veranstaltung den Start des Programms „EXIST Startup Germany – Israel“ für junge israelische Existenzgründer. Israel wird damit zum ersten Partnerland in dem Programm, das seit 2007 Studenten und Absolventen deutscher Hochschulen bei der Umsetzung ihrer innovativen Gründungsprojekte unterstützt. „Die Initiative trägt dazu bei, den Austausch in Wissenschaft und Wirtschaft sowie die deutsch-israelische Freundschaft zu vertiefen“, sagt Zypries feierlich.

Normal unnormal

Gerade im Jubiläumsjahr der Beziehungen, mit all seinen Veranstaltungen rund um die deutsch-israelische Freundschaft, fällt auf, dass diese Freundschaft eben nicht normal ist, und auch nicht normal sein kann, weil sie sich immer wieder beweisen muss. Das wird besonders deutlich, wenn es um politische Differenzen geht, etwa im Nahostkonflikt und bezüglich des Irans. Jüngstes Beispiel: Während der Rest der Welt, und darunter Deutschland, einigermaßen erleichtert ist über das Abkommen mit dem Iran über dessen Atomprogramm, zeigt Israel Unverständnis über diese Übereinkunft.

Inzwischen ist die Freundschaft zwischen Israel und Deutschland so unnormal normal geworden, dass das Ansehen Deutschlands in Israel höher ist als umgekehrt. Laut einer Umfrage der Bertelsmann Stiftung haben fast die Hälfte der befragten Deutschen ein schlechtes Bild von Israel. Umgekehrt assoziieren fast 70 Prozent der Juden in Israel Deutschland mit einem positiven Land.

Yael Ben-Yehuda, die Nachrichtensprecherin, die 1966 den VW-Slogan nicht vorlesen wollte, besuchte 2014 erstmals Deutschland. Sie sagt: „Die Zeiten haben sich geändert. Heute soll jeder in Bezug auf Deutschland tun, was er für richtig hält.“

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