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Bitte keine geschlechtergerechten Geschenke

Von San Kreutschmann / 25. Dezember 2014
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Pink für Mädchen, blau für Jungs: Es gibt immer mehr „gegenderte“ Produkte. Dieses Jahr dürften unter den Weihnachtsbäumen besonders viele gelegen haben. Dabei sollte gerade Weihnachten nicht einschränken. Alle Jahre wieder: Kinder brüten über ihren Wunschzetteln. Erwachsene eilen in die Kaufhäuser zum adventlichen Shoppingmarathon. Über all dem Stress, Kinderwünsche und Erwachsenenbegehrlichkeiten zu erfüllen, zwischen Schwiegereltern […]

Pink für Mädchen, blau für Jungs: Es gibt immer mehr „gegenderte“ Produkte. Dieses Jahr dürften unter den Weihnachtsbäumen besonders viele gelegen haben. Dabei sollte gerade Weihnachten nicht einschränken.

Alle Jahre wieder: Kinder brüten über ihren Wunschzetteln. Erwachsene eilen in die Kaufhäuser zum adventlichen Shoppingmarathon. Über all dem Stress, Kinderwünsche und Erwachsenenbegehrlichkeiten zu erfüllen, zwischen Schwiegereltern und Weihnachtsessen zu jonglieren, bleibt kaum Zeit, essentielle kulturphilosophische Fragen zu beantworten: Meine Tochter wünscht sich eines der zahlreichen Merchandising-Produkte der Kinderbuchfigur Prinzessin Lillifee – doch ist es auch gut, wenn ich ihren Wunsch erfülle? Schließlich zementiert das die Zweigeschlechterordnung, die so sehr von der Werbung für geschlechtergerechte Geschenke propagiert wird.

Immer mehr pink und blau

In meiner Kindheit in den 1990er Jahren waren Spielzeugläden noch keine rosa und blau sortierten Paradiese. Vielleicht ist diese retrospektiv empfundene Freiheit jedoch eher das Ergebnis der weitestgehend genderneutralen Erziehung durch meine Eltern, in der meine Geschwister und ich Puppen, ferngesteuerte Autos und Playmobil gleichermaßen begehrten.

Heutzutage jedenfalls sieht es in einem Spielzeugladen folgendermaßen aus: Lillifee und My little Pony hier, Roboterkrieg und Weltraumeroberung dort. Bei Playmobil die Ritterburg auf der einen Seite und das Traumschloss auf der anderen. Als Adventskalender sind für Jungen „Feuerwehreinsatz“, für Mädchen „Reiterhof“ vorgesehen. Lego bietet Sets aus rosa und lila Steinen und detailreich geformten Protagonistinnen, mit denen Mädchen endlich Hausarbeit, Schönheitssalon und Ponyhof spielend erkunden können.

Während Facebook Geschlechtsoptionen jenseits von „männlich“ und „weiblich“ einführt und im deutschsprachigen Feuilleton eine Debatte tobt, ob es angemessen sei, dass eine Berliner Lehrperson für sich eine genderneutrale Anrede fordert, findet die eigentliche Abstimmung über Gender-Themen längst mit den Kreditkarten im Kaufhaus statt.

Werbung wirkt nicht erst, wenn die Eltern ihre Söhne aus der Puppenwagen-Abteilung zerren wollen. Sie formt die Vorstellungen der Kinder darüber, in welche Welt sie hineinwachsen und welchen Normen sie entsprechen müssen, um von ihrer Umgebung angenommen zu werden. Zu Weihnachten, Schmelzpunkt des Konsums und familiärer Auseinandersetzung über erfüllte und verfehlte Normen, entlädt sich diese kulturelle Debatte.

Die zweigeschlechtliche Konsumwelt strukturiert unser Leben jedoch auch jenseits des Festes. Dass Duschgel, Deos und Haarpflegeprodukte längst geschlechtergetrennt vermarktet werden, ist für uns schon unhinterfragter Alltag.

Vereinzelte Proteste gegen die Zweigeschlechterordnung

Immerhin ist diese Ordnung zumindest vereinzelt kritisiert worden. Bei der Einführung des Mädchen-Überraschungseis, ganz in rosa und mit Blümchen die Verpackung, ganz Schmuck, Feen und Glitzer der Kern, hallte ein Aufschrei durchs Land. Der Protestbrief einer Siebenjährigen, die den Lego-Girls endlich die gleichen Abenteuer wünschte wie den Boys auch, wurde tausendfach geteilt, gepostet und retweetet. Der Gegenentwurf eines Lego-Sets mit Wissenschaftlerinnen bei der Arbeit, z.B. einer Paläologin, die ein Skelett untersucht, wurde diskutiert.

Doch trotz vereinzelt progressiver Regungen geht der Trend zur zunehmenden und zunehmend rigider durchgesetzten Farben- und Geschlechtertrennung in der Vermarktung. Nicht nur Spielzeug und Körperpflegeprodukte, sondern sogar Gurken, Bratwurst, Salz, Grillsauce, Klebstoff, Stifte, Wecker, Klopapier und Ohrstöpsel werden geschlechtergerecht verkauft.

Ich lebe in Berlin, kenne viele Studierende der Gender Studies und erlebe ein reflektiertes Umfeld an der Uni. Dass solcherlei Vermarktung ernst genommen wird, kenne ich aus meinem Alltag – von dem man vielleicht unterstellen könnte, es handle sich um eine Seifenblase – also eher nicht.

Ich bin oft versucht, diese Absurditäten aus der Perspektive meines inneren Loriot zu betrachten. Ich fürchte nur, angesichts derlei Zustände wäre dieser Loriot lange arbeitslos. Welches Geschlecht habe ich eigentlich, muss ich mich doch fragen, wenn ich Mädchen-Gurken, aber Jungs-Chips esse, Männer-Rasiergels, aber Frauen-Handcreme benutze?

Mädchen sollte nicht vermittelt werden, dass Frauen sich nur mit Schönheit und Pferden auseinandersetzen und dass nur Jungs Abenteuer und Führungspositionen erleben dürfen. Dennoch zeugt es von wenig Vertrauen in die heranwachsenden Mädchen, dass eine kindliche Vorliebe für Reiterhöfe ihnen automatisch ein nicht zu widerlegendes Bild ihrer künftigen Rolle vermittelt. Sozialisation erklärt nach wie vor vieles, aber immer noch nicht alles.

Es gibt nicht nur zwei Geschlechter

Die in pink und blau geordneten Geschenke suggerieren, es gäbe zwei und nur genau zwei Geschlechter. Das ist aus sozialen und biologischen Gründen schlichtweg nicht zutreffend.

Auf dem Weihnachtsbummel durch die Regale finde ich noch keine abschließenden Antworten: Wessen Vorstellungen von Geschlecht werden die geschlechtergerechten Geschenke eigentlich gerecht? Vielleicht sind die gar nicht so schlimm? Aus mir ist schließlich auch ein kritischer Erwachsener geworden.

Wie würde ich als aufgeklärter Vater damit umgehen, wenn mein weibliches Kind rosa und „mädchenspezifisch“ beworbene Geschenke zu Weihnachten fordert? Wiegt das Glück des Nachwuchses oder der Widerstand gegen destruktive Normen schwerer?

Wenn es so weiter geht wie derzeit, ist die Vorstellung einer Welt, in der Schreibtische und Lampen, Bücher und Filme, Nahrungsmittel und Technik nur bestimmten Geschlechtern zur Verfügung stehen – und es spricht gegenwärtig alles dafür, dass dies das männliche sein wird – nicht mehr fern.

Ich möchte nicht in einer solchen Welt leben. Deshalb stehe ich geschlechtergerechten Weihnachtsgeschenken kritisch gegenüber. Ich wünsche mir zu Weihnachten, dass Kinder Lillifee und Piraten bekommen und beides genießen. Ich wünsche mir, dass Geschlecht gerade zu Weihnachten Anlass für Kreativität ist und nicht für Einschränkungen.

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