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Das Prinzip Wahlplakat

Von Lisa Rank / 29. August 2011

Wenn man sie bemerkt, möchte man sie meistens abreißen, wegnehmen, übermalen, herunter nehmen, manchmal möchte man sich einfach direkt davor stellen und anfangen herumzumeckern. Wenn man sie nicht bemerkt, sind sie egal. Beobachtet man sie ein wenig, stellt man mitunter fest: Wahlplakate sind Rudeltiere. Da hängt nicht eins in der Pampa, es gibt nicht das […]

Wenn man sie bemerkt, möchte man sie meistens abreißen, wegnehmen, übermalen, herunter nehmen, manchmal möchte man sich einfach direkt davor stellen und anfangen herumzumeckern. Wenn man sie nicht bemerkt, sind sie egal.

Beobachtet man sie ein wenig, stellt man mitunter fest: Wahlplakate sind Rudeltiere. Da hängt nicht eins in der Pampa, es gibt nicht das sorgenlos weidende Kleinflächenplakat, das inmitten städtischer Idylle sein Leben fristet und wartet, bis der nächste Regen kommt, nein. Das Wahlplakat in kleiner Form hat recht penetrante Hirten, die kommen und es in vielfacher Ausführung überallhin hängen, wo Platz zu sein scheint – obwohl, eigentlich nicht überallhin, wo noch Platz ist, denn Logik und Sinnhaftigkeit scheinen bei der Auswahl der Weideplätze keine besonders große Rolle zu spielen. Es wird einfach dorthin geklebt, wo es einfach keinen richtigen Sinn macht. Dem Wahlplakat wird unterstellt, sich an Laternen besonders wohlzufühlen, deswegen hängen sie dort in Trauben, ein und das gleiche Gesicht immer wieder neben anderen immer gleichen Gesichtern, Straßenzug für Straßenzug. Und bei jedem denkt sich der mit offenen Augen durch den Bezirk gehende oder fahrende Mensch: „Was ist da los?“

Die Öde des Kleinflächenplakats

Ja, was ist da los? Darf man das fragen? Ich möchte das gerne fragen, denn es interessiert mich brennend. Noch nie ist es mir passiert, dass ich an einem Kleinflächenplakat – das sind die Pappgesichtsschilder, die mit Kabelbinder festgezurrt werden, und auf denen meistens ein Gesicht, ein Personenname, ab und an ein kurzer, bitteschön nicht zu aussagekräftiger Claim (gerne mit Bezirksbezug!) sowie ein Parteiname aufgedruckt ist – jedenfalls ist es mir noch nie passiert, dass ich vor einem solchen Kleinflächenplakat stehengeblieben bin und dachte: „Och hübsch“. Oder gar: „Och echt?“ Nicht einmal: „Na gut.“ Meistens nur: „Och nee.“

Und ich fange jetzt nicht an mit ästhetischem Feingefühl, ich fange nicht an mit Identifikationsprinzipien oder Wiedererkennungswerten, ich nehme nicht Phrase für Phrase auseinander und spiele lustiges Parteigeschwurbelraten, das würde jetzt zu weit führen, obwohl man sich auch in diesen Schubladen wunderbar aufregen und austoben könnte (Eine Frage brennt mir wirklich immer auf der Seele und hört nicht auf damit: Wer gestaltet diese Plakate? Wer macht das? Wer sitzt da und denkt: „Och, das ist gut jetzt, das lassen wir so?“ Und könnte ich mit demjenigen bitte mal einen Kaffee trinken gehen? Könnten wir bitte diskutieren und danach Arm drücken und dann weiterdiskutieren, denn ich kriege jedes Mal Gänsehaut auf dem Kopf vor Unverständnis. Ja, das Format ist schwierig, ja, man hat die Partei-CI, aber Himmelherrgott, so funktioniert das Internet auch).

Politik als App

Was ich glaube, ist, dass das Format Wahlplakat an sich eine schwierige Geschichte ist und diese Geschichte in ihrer jetzigen Form ein Problem bekommt, was das gute Ende angeht.  Werde ich heutzutage mit Plakaten und Botschaften und Bannern überall dort zugepflastert, wo mein Blick sie streift, sie mich aber nicht berühren, so warte ich auf das Format, das mir Politik erklärt, wo sie mich betrifft: Und das ist nun einmal leider nicht die Straßenlaterne. Würde mir eine Partei im Supermarkt zwischen dem Gemüse mit Hilfe einer guten Idee (z.B. einer App) kurz erzählen, wie sie eigentlich zur Genforschung steht, das wäre was. Würde mir jemand in der S-Bahn auf intelligente Art und Weise begreiflich machen, wie das ihrer Meinung nach mit dem Berliner Nahverkehr aussieht in den nächsten Jahren, also quasi in dem Moment, wo ich warte, würde ich es mir anhören. Wieso kann die Ausformulierung eines Standpunktes nicht dort stattfinden, wo er passiert, sondern wird in eine nichtssagende Phrase gestopft und an Straßenlaternen gehängt?

Ja, es ist einfach, ein Gesicht und einen Spruch auf ein Plakat zu drucken und das aufzuhängen. Ja, man macht das schon eine ganze Weile so. Man muss ja den Direktkandidaten vorstellen, das sollen dann die Leute aus dem Volk sein, die, die da auch wohnen in dem Bezirk oder zumindest da arbeiten, die soll man angucken und denken: „Och ja, der weiß, wie mein Alltag aussieht, der versteht mich.“ Oder: „Ach, na der vertraue ich meinen Glauben an ein Sozialsystem an, die macht das schon.“ Denkt das jemand? Ich habe das noch nie gedacht. Ich habe immer gedacht (und ich glaube, das geht vielen so, aber keiner sagt’s): „Mann, der sieht aus wie mein Großonkel in noch älter. / Was hat die denn für eine Frisur? / Himmelhilf, die Brille. / Der heißt ja lustig. / Oh, die haben da ein Komma vergessen. / Ach gucke mal, der Pfeil zeigt direkt auf ihre Brüste. / Hatte der Photograph keinen Bock mehr? / Die Farbe der CI beißt sich mit dem Hemd…“

Ich könnte von diesen Feststellungen eine halbe Seite runter schreiben. Kurz gesagt bedeutet diese halbe Seite aber eben auch: Von Inhalten dieser Plakate bleibt nicht sonderlich viel übrig. Weil: Es gibt ja auch keinen Kontext. Außer der Straßenlaterne und dass ich echt schon spät dran bin und da vorne der Bus fährt und dieser scheiß Typ mir gerade wieder die Vorfahrt genommen hat und – richtig.

Lieber Direktkandidat, komm‘ doch mal zu den Tomaten!

Wo ist das Format, das sich dorthin stellt, wo das passiert, zu dem der Direktkandidat etwas zu sagen hat? Ich glaube, dass man den Begriff der Usability ruhig aus dem Netz herausnehmen und ins echte Leben setzen darf, Benutzerfreundlichkeit, das ist die Nähe, die Politik via Gesicht auf Pappe zu vermitteln versucht. Bei Software misst man Usability in Effizienz, Effektivität und Zufriedenheit beim Nutzer, dazu kommen Faktoren wie Intuition und Emotion. Alles Begriffe, die der Politik nicht allzu fremd sein dürften. Eigentlich. So, mein/e liebe/r DirektkandidatIn, komm doch mal mit zu den Tomaten, was sagst’n dazu, erklär mir am Parkplatz, warum ich hier bald nicht mehr stehen darf und deine Schulpolitik hätte ich gern dort erklärt, wo ich mein Kind anmelde.

Besten Dank.

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