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Der Kampf um die Fassade

Von Julia Gerlach / 22. Oktober 2013

Wenn man die Stimmung in Kairo in einer Handbewegung zusammenfassen sollte, dann würde man wahrscheinlich am ehesten den Arm auf und ab bewegen, als male man eine Wand an. Nie hat es in Kairo so viele Malertrupps gegeben, die unermüdlich die Fassaden überpinseln. Doch es ist eine Sisyphusarbeit, denn nach für Nacht werden die Wände […]

Wenn man die Stimmung in Kairo in einer Handbewegung zusammenfassen sollte, dann würde man wahrscheinlich am ehesten den Arm auf und ab bewegen, als male man eine Wand an. Nie hat es in Kairo so viele Malertrupps gegeben, die unermüdlich die Fassaden überpinseln. Doch es ist eine Sisyphusarbeit, denn nach für Nacht werden die Wände wieder besprüht. Es sind kurze Botschaften: „C.C. Mörder“ oder „C.C. Verräter“ steht an vielen Wänden. Dabei haben die Sprayer sich nicht einmal die Zeit genommen, den Namen des Armeechefs Abdel Fattah al-Sissi auszuschreiben. Sie kürzen ihn mit C.C. ab. Englisch ausgesprochen hört sich dies fast an wie Sissi. Respektloser geht es nicht und so sind es nicht nur von der Regierung bezahlte Malertrupps, sondern auch Anwohner, die sich mit Farbeimer und Pinsel daran machen, die Fassaden weiß zu halten. Darin spiegelt sich die Hoffnung nach Normalität. Nach dem Motto: Jetzt endlich muss es doch einmal bergauf gehen.

Der Kampf um die Fassaden ist symptomatisch für die politische Stimmung in Ägypten. An der Oberfläche geht der Alltag am Nil seinen Gang. Die Übergangsregierung gibt sich optimistisch, die neue Verfassung soll bald fertig sein und es kommen sogar wieder Touristen nach Ägypten. Über die Muslimbrüder und die Anhänger des im Juli gestürzten Präsidenten Mohammed Mursi wird in den Medien kaum berichtete; wenn doch, dann ist oft vom Terrorismusproblem die Rede. Glaubt man Fernsehmoderatoren und Regierungspolitikern so handelt es sich nur um eine Frage von Wochen, bis sie aus Ägypten vertrieben sind. Die hastig gesprühten C.C.-Botschaften zeigen, dass sie Unrecht haben.

Die Sehnsucht nach weißen Fassaden hat auch etwas damit zu tun, dass in Ägypten die alte Zeit verherrlicht wird. Unter der Regierung von Hosni Mubarak waren in Kairo die Wände auch noch weitgehend weiß. Erst mit dem Aufstand 2011 änderte sich das. Ägypten wurde bekannt für seine Street-Art. Es entwickelte sich eine ganz eigene Kunstrichtung: Graffiti mit einer speziellen ägyptischen Note. Die Bilder wurden oft von Künstlern mit Farbe und Pinsel gemalt. Das liegt daran, dass Spraydosen am Nil teuer sind und außerdem hatten die Künstler zumeist genügend Zeit, um ihre Bilder zu gestalten. Der Hohe Rat des Militärs, der nach dem Sturz Mubaraks Ägypten regierte, ebenso wie Mursi, der 2012 bei Wahlen an die Macht kam, versuchten es zwar auch immer wieder einmal mit Malertrupps, manchmal machte auch die Polizei Jagd auf die Maler, doch zumeist ließ man sie in Frieden.  Die Mohammed Mahmoud-Straße am Tahrir-Platz wurde zu einer Freiluft-Galerie und hierher kamen Touristen, Kunstexperten und Aktivisten aus aller Welt. Street-Art war etwas, worauf man in Ägypten stolz war, auch weil diese Kunstform im Ausland viel beachtet wurde. Sie gab auch Hoffnung. Nach dem Motto: Wenn die Revolution auch sonst nicht viel bewirkt hat, immerhin hat sie Kairo bunt gemacht.

Inzwischen ist davon nicht mehr viel zu spüren. In der Mohammed Mahmoud Straße sprüht niemand mehr. Zwei Panzer stehen am Eingang der Straße, Stacheldraht. Ein Soldat fordert alle Passanten auf, schnell weiterzugehen. Die Regierung hat Angst, dass die Mursi-Anhänger  auf dem symbolträchtigen Tahrir-Platz  demonstrieren könnten.

Doch es liegt nicht nur an der Militärpräsenz am Tahrir-Platz, dass die Straßen-Kunst-Aktivisten ihre Pinsel weggelegt haben und kaum noch neue Bilder entstehen: Viele von ihnen stecken in einem politischen Dilemma. Sie haben gegen die Regierung von Mursi demonstriert und einige der besten Street-Art-Bilder entstanden als Kritik an der Regierung der Muslimbrüder. Sie haben gejubelt als Mursi im Juli gestürzt wurde: Endlich Freiheit! Mit den Pro-Mursi Demonstranten und den Sprayern, die hastig ihre C.C.-Sprüche an die Mauern sprühen, wollen sie nichts zu tun haben. Allerdings macht sich bei vielen inzwischen Zweifel breit, ob die neue Regierung wirklich besser ist. Gerade wurde der Entwurf eines neuen Gesetzes vorgelegt, dass der Polizei freie Hand gibt, hart gegen Demonstranten vorzugehen. Das alte Regime lässt grüßen!  Zu anderen Zeiten hätten die Aktivisten das nicht auf sich sitzen lassen, sie hätten demonstriert und es wären ganz bestimmt Regierungskritische Wandbilder entstanden. Heute allerdings halten sich die Aktivisten von damals zurück. Soll man ihre Einstellung derzeit in einer Handbewegung zusammenfassen, so würde man wohl am ehesten die Hände wie Scheuklappen an den Kopf halten: Bloß nicht rechts und links gucken, sonst könnten die Zweifel unerträglich werden. Mit ihrer Hilfe wurde Mursi abgesetzt und es gibt kein Zurück mehr und auch keine Alternative. Es gilt als sehr wahrscheinlich, dass al-Sissi Ägyptens nächster Präsident wird. Sollte er zu den geplanten Wahlen antreten, wird er sicher gewinnen. Eine große Mehrheit des Volkes wünscht sich einen starken Mann an der Spitze, der für Ordnung sorgt. Weiße Wände sind das Symbol dafür. Und es kommt noch schlimmer: So wäre es ganz falsch zu sagen, dass es in Ägypten keine Straßenkunst mehr gibt. Gerade erst haben die Bewohner des Armenviertels Bolak Abu Ela eine der Nilbrücken verschönert: Sie haben einen Panzer aus Sperrholz gebaut, ein sautierender Soldat steht daneben und auf einem Banner darüber steht: „Wir danken Generals al-Sissi und den Streitkräften“.

Hinweis: Am 22.Oktober ist Julia Gerlach eine der Podiumsgäste bei der Premiere des Hörspiels „Kairo, 11. Februar“ von Sonallah Ibrahim und Samir Nasr  – Premiere und Gespräch über die ägyptische Revolution um 19 Uhr in der Friedrich-Ebert-Stiftung

Eine Antwort zu “Der Kampf um die Fassade”

  1. Von AnnaR am 29. Oktober 2013

    Ich war bei der Veranstaltung am 22. dabei und ich muss sagen: ich habe viel über die Lage in Ägypten gelernt! Der ägyptische Schriftsteller Sonallah Ibrahim, dessen Lebensgeschichte in diesem Hörspiel erzählt wurde, war auch anwesend. Seine Geschichte erklärt auch seine bis zum Extremismus neigende Ablehnung der Muslimbrüder.

    Frau Gerlach, sie haben da mutig immer wieder ihre Haltung zum demokratischen Umgang mit allen Beteiligten eingebracht, dafür war ich Ihnen sehr dankbar!
    Denn die Frage treibt uns alle um: was ist die Zukunft dieses Landes? Ist das radikale Demonstrationsverbot der Übergangsregierung die richtige Antwort?

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