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Zum Tod Dieter Hildebrandts

Von Ansgar Mayer / 22. November 2013
Dieter Hildebrandt, 2011, Foto: Richard Huber, CC BY-SA

Konstantin Wecker postete entsetzt auf Facebook: „So kurios das klingen mag, wenn jemand mit 86 Jahren stirbt: sein Tod kommt als ein unerwarteter Schock über uns.“ Es war klar, dass Hildebrandt seine Bühne irgendwann im Himmel aufschlagen würde – zu seiner eigenen Überraschung dürfte er dort landen und in den Wolken künftig mit seinem Programm […]

Konstantin Wecker postete entsetzt auf Facebook:

„So kurios das klingen mag, wenn jemand mit 86 Jahren stirbt: sein Tod kommt als ein unerwarteter Schock über uns.“

Es war klar, dass Hildebrandt seine Bühne irgendwann im Himmel aufschlagen würde – zu seiner eigenen Überraschung dürfte er dort landen und in den Wolken künftig mit seinem Programm Loriot Konkurrenz machen. Und doch war er umgekehrt so ein Fixum deutscher Nachdenklichkeit.

Gefühlt schon mit 30 Jahren ergraut, daher irgendwie alterslos – auf der Bühne zunehmend vergesslicher, daraus eine Tugend machend: sich selbst in Zweifel ziehend, Etabliertes in statu hinterfragend.

Dieter Hildebrandt hat sich gerne mit Menschen angelegt. Er flog dafür aus dem Programm. Dieter Stolte sagte mir viele Jahre später einmal: „Ja, das war meine persönliche Entscheidung. Und dazu stehe ich heute noch.“ Nun gut. Wenigstens ein Standpunkt, im heutigen ZDF ist auch das selten geworden. Oder er warf sich vorsorglich selbst raus.

„Nachfolge noch nicht geklärt“, schrieb der Kölner Stadt-Anzeiger vor zehn Jahren über seinen Artikel. Nie war Stehsatz aktueller.

Vor ein paar Jahren saß ich mit einem meiner engsten Freunde in einer Berliner Kellerkneipe, später nahm am Tisch gegenüber Hildebrandt mit einigen Freunden Platz. Während ich in stiller Ehrfurcht nicht gewagt hätte, den intimen Kreis zu sprengen, hielt es meinen rheinischen Trinkgenossen nicht auf dem Platz. Er kniete sich quasi neben den Kabarettmeister und erwies ihm die Ehre, plauderte über ein gemeinsames Radioerlebnis und kam beglückt zurück an unseren Platz.

Ich kann mich noch an ein längeres Gespräch mit ihm erinnern, das am Rande einer Fußball-WM stattgefunden hat. Mannschaftstaktisch konnte ich nicht mit ihm mithalten, den Weltmeister sagte er damals ebenfalls schon richtig voraus. Die Spiele selbst könne er aber nur selten sehen, weil er zu der Zeit immer auf der Bühne stünde: „Aber darüber will ich gar nicht jammern, das habe ich mir ja so ausgesucht, das ist schön.“

Im klassischen Nachruf müsste an dieser Stelle der naserümpfende Schwenk auf die heutigen Bühnenbesatzungen folgen. Die kopfschüttelnde Ausführung über Comedians anstelle von Kabarettisten. Dazu ist aber erstens alles gesagt, und zweitens haben bestimmte einschlägige Namen zumindest in meinem Text nichts neben Dieter Hildebrandt verloren und bleiben deshalb ein Filtersatz des Seichten. („Es lohnt nicht – so tief kann man nicht schießen“, sagte der Alte einmal an anderer Stelle.)

Es muss wieder mehr laut gedacht werden in diesem Land. Ich will einen Kommentar in den Tagesthemen, der mindestens einen neuen Gedanken und maximal 25 Floskeln enthält. Ich will mehr Friedrich Küppersbusch und weniger Oliver Welke (jetzt habe ich doch Namen genannt, verzeiht!). Ich will Sendungen, die wehtun und zum festen Tagesordnungspunkt der Fernsehräte werden.

Der Canard enchaîné gilt als letztes unabhängiges journalistisches Medium in Frankreich. Der Postillon erhielt bei uns einen Grimme-Preis. Die Tagespresse rüttelt Österreich durch. Das sind Ansätze, die hoffen machen, und Angst zugleich.

„Der Satiriker ist ein gekränkter Idealist: Er will die Welt gut haben, sie ist schlecht, und nun rennt er gegen das Schlechte an“, meinte der Alte.

Lasst uns weiter rennen. Zu verhindern, dass die ARD künftig einen Dieter-Hildebrandt-Preis verleiht, wäre ein erstes Ziel.

Foto: Richard Huber, CC BY-SA

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