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Ein Königreich aus Pixeln

Von Marlene Thiele / 23. Juni 2016
Credits: Stephen & Claire Farnsworth/ flickr; Lizenz CC BY-NC-SA 2.0

Die Liste bayrischer Schlösser und Denkmäler ist lang. Die beschwerliche Anreise können sich Besucher bald sparen. Die Kulturschätze werden nämlich auch digital erfasst und können bald virtuell besucht werden.

Einen Tag müssen Sie sich schon freinehmen, um Schloss Herrenchiemsee zu besichtigen. Am besten fahren Sie mit dem Auto oder dem Zug nach Prien oder Gstadt, nehmen von dort die stündliche Fähre zur Herreninsel und laufen dann etwa 15 Minuten zum Schloss, das schon von Weitem mit seinen üppigen Brunnenanlagen beeindruckt.

Sicher würde es umso prächtiger wirken, wäre der Frühsommer nicht so grau, verregnet und kalt. Besonders zieht es im Innern des Schlosses, das kann nämlich nicht beheizt werden. Ludwig der Zweite, König der Innovationen, hat zwar eine Heizung einbauen lassen, nach seinem Tod wurden die Rohre aber schnell wieder abgebaut und verkauft.

König Ludwig hat für das Schloss wahnsinnig hohe Schulden gemacht – die mussten erstmal bezahlt werden“, erzählt Anna Schweiger auf ihrer Führung etwa 40 Schlossbesuchern. Ihre Zuhörer haben sich in ihre Jacken eingemummelt und drängeln sich an nicht erleuchteten Kronleuchtern und leeren Kaminen vorbei. Brandschutz ist wichtiger als Wärme oder ein authentischer Eindruck. Das prächtige Schloss soll schließlich bewahrt werden. „Ich möchte Sie bitten, nicht zu fotografieren. Das Blitzlicht beschädigt die Skulpturen und Gemälde.“ Die Schlossführerin gibt der Gruppe einen Moment Zeit, sich den größten Porzellankronleuchter der Welt einzuprägen. Das ist die beschwerliche Gegenwart: Von dem recht weiten und teuren Tagesausflug bleibt nur der flüchtige Eindruck eines halbstündigen Schlossbesuchs.

Virtuelle Realität ist die nächste große Sache“

In Zukunft soll das anders sein. „Virtuelle Realität ist die nächste große Sache“, sagt Jürgen Dudowits in seinem Büro und öffnet die Zukunft mit einem Mausklick. Da ist es wieder, Schloss Herrenchiemsee, diesmal im Sonnenschein, der Himmel ist strahlend blau, die Wolken wie Zuckerwatte. Mit der Maus dreht der Virtual-Reality-Designer das Bild. Mit der 3D-Brille wirken die Brunnen zum Greifen nah, dazu passend kommt authentisches Plätschern aus den Computerboxen. Das ist natürlich nur die Beta-Version. Mit einer Datenbrille soll es bald möglich sein, noch besser in die virtuelle Realität einzutauchen, dann kommen die Töne direkt in die Ohren und das Bild bewegt sich mit einer einfachen Drehung des Kopfes.

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Virtuelle Realität dank Laserscanner. (Digitale Darstellung: Jürgen Dudowits, Time in the Box GmbH)
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Pracht hautnah erleben – noch. (Digitale Darstellung: Jürgen Dudowits, Time in the Box GmbH)

Bayerns Kulturschätze für jeden zugänglich machen

Jürgen Dudowits steuert mit den Pfeiltasten auf das Schloss zu. „Wir haben das Gebäude mit einer Auflösung von ein bis zwei Zentimetern modelliert. Dazu benutzen wir Drohnenkameras, die bis zu 4.000 Bilder pro Gebäude machen.“

Dudowits kommt eigentlich aus der Gaming-Branche. In den 1980er Jahren programmierte er Computerspiele. Inzwischen ist er Geschäftsführer einer Digitalagentur und erstellt dreidimensionale Modelle, meist für Museen und Kultureinrichtungen. Das Startup hat er 2013 gegründet. Davor war er schon mehr als zehn Jahre am Projekt „Virtuelles Bayern“ beteiligt. „Wir wollen Bayerns Kulturschätze für jeden zugänglich machen“, sagt der Virtual-Reality-Pionier. Am Computer ist er inzwischen in den Spiegelsaal von Schloss Herrenchiemsee gewandert. In der virtuellen Realität gibt es keine rote Kordel, die verbietet, den Saal zu betreten.

In den Innenräumen haben wir mit Laserscannern gearbeitet“, erklärt Dudowits. Grafikspezialisten korrigieren und animieren die Daten dann am Computer. Es entsteht eine nahezu perfekte, ziemlich sterile Welt. Der Schlossbesucher per Computer hinterlässt kein Abbild in den meterhohen Spiegeln, er braucht nicht zu frieren und wird auch nicht von einer eiligen Schlossführerin vorangetrieben.

Das Kulturerbe sichern

Vor allem aber kann der Besucher im virtuellen Schloss nichts kaputt machen. „Wir wollen das Kulturerbe nachhaltig sichern“, erklärt Dudowits. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Bedrohung durch Terroristen. „Manchmal reichen auch die Touristen. Schloss Neuschwanstein besuchen zum Beispiel täglich Tausende. Sie tragen Nässe herein und dünsten aus. Schon der Atem richtet Schäden an.“

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Wirft einen Blick in die Zukunft: Jürgen Dudowits. (Foto: Time in the Box GmbH)

Das Projekt „Virtuelles Bayern“ geht über reale Bauwerke hinaus: Es gibt 3D-Modelle von der zerstörten Münchner Hofkirche, dem abgebauten Wintergarten auf der Münchner Residenz oder dem Chinesischen Palast, den König Ludwig beim Plansee im jetzigen Tirol aufbauen wollte. Der Märchenkönig hatte noch einige Baupläne bereitliegen. Dudowits ist sich sicher, dass König Ludwig das Projekt gemocht hätte: „Er war ja ein Visionär und rein technisch gesehen seiner Zeit weit voraus.“

Wann und wo „Virtuelles Bayern“ für jeden zugänglich sein wird, steht noch nicht fest. Ein Teilprojekt wurde schon einmal vorgeführt. „2002, bei der Ausstellung ‚München 4D‘ im Münchner Stadtmuseum, haben wir die Stadt zu unterschiedlichen Epochen visualisiert. Aber ich glaube, dass es damals noch zu früh für die virtuelle Realität war.“ Ein halbes Jahr später wurde die Ausstellung wieder abgebaut.

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