Twitter Icon Facebook Icon

Entwicklungsland Deutschland

Von Vincent-Immanuel Herr / 6. September 2017
Credits: Pixabay/ NeuPaddy; Lizenz CC0

Nur wenige Männer engagieren sich hierzulande für die Gleichstellung der Geschlechter. Viele sind sich nicht bewusst, wie stark Frauen benachteiligt werden. Dabei würde mehr Gleichberechtigung auch Männern zugutekommen.

Patriarchat, Sexismus, Misogynie, Frauenfeindlichkeit, Machokultur. Es gibt viele Namen für die systematische Unterdrückung von Frauen und Mädchen. In keinem Land der Welt leben Frauen auf Augenhöhe mit Männern. Sie werden schlechter bezahlt, sind öfter Ziel von Gewalt, werden drangsaliert, begrapscht, lächerlich gemacht oder ignoriert. Ein Engagement dagegen lohnt sich allemal, profitieren doch alle von einer ausgeglicheneren und gleichberechtigten Gesellschaft.

Der französische Soziologe Pierre Bourdieu zeichnet Männer verantwortlich für die soziale Ungleichstellung der Frauen, nennt diese „die männliche Herrschaft“. Immerhin sind es in der Regel Männer, die Frauen die Beförderung verwehren, Männer, die Frauen belästigen, Männer, die Frauen für schlechter, dümmer, schwächer halten. Und auch Männer, die einfach unbesehen die Vorzüge ihrer Dominanz genießen.

Problembewusstsein schaffen

Tatsächlich setzen sich verhältnismäßig wenig Männer für mehr Gleichberechtigung ein – unter anderem, weil sie keine Notwenigkeit darin erkennen. Das hat weniger mit mangelnder Empathie zu tun, als vielmehr mit fehlender persönlicher Erfahrung. Es gehört für Männer selten zum Erfahrungsrepertoire, aufgrund des eigenen Geschlechts degradiert zu werden.

Männer werden weniger häufig sexuell belästigt. Männer werden auf der Arbeit eher nicht mit „Süßer“ oder „Schätzchen“ angesprochen. Männer werden weitaus seltener Opfer häuslicher Gewalt. Die wenigsten Männer erkennen deshalb, dass es überhaupt ein Problem gibt. Das kann man ihnen noch nicht einmal wirklich vorwerfen – die eigenen Erfahrungen prägen den Blick auf die Welt, im Guten wie im Schlechten. Wer nie Sexismus am eigenen Leib erfährt, wird wenig darüber nachdenken und noch weniger dagegen tun. Unter der männlichen Herrschaft ist Sexismus für Männer also de facto kaum erfahrbar, in etwa so, wie weiße Menschen in Europa Rassismus aufgrund der Hautfarbe selbst nicht wirklich erfahren können.

Das Engagement von Männern gegen Sexismus beginnt also im Kleinen: im Gespräch mit Frauen. Von meiner Mutter habe ich erfahren, dass es nicht wenige Männer gibt, die Frauen wie ihr den Karrierepfad verbauen wollen. Von meiner Schwester habe ich erfahren, wie schwer es ist, ein gesundes Selbstbewusstsein zu entwickeln, wenn in der Werbung ein unerreichbares Frauenbild gezeichnet wird. Von meiner Freundin habe ich gehört, dass viele Frauen Sorge haben, nachts alleine durch die Stadt zu laufen.

Nicht nur mit Opfern reden

Diese Erfahrungen mögen für Frauen gewöhnlich sein, ja so banal, dass sie kaum der Rede wert sind. Für Männer ist es jedoch wichtig genau davon zu hören, um die Ungleichstellung zu verstehen. Männer sollten diesen Austausch suchen. Ich habe noch nie mit einer Frau über Sexismus gesprochen, die nicht auch selbst das ein oder andere Mal Opfer davon geworden ist. Wenn alle Männer im Land nur ein Gespräch dieser Art führen würden, könnte das ein völlig verändertes Problembewusstsein bewirken.

Aus diesem Bewusstsein muss dann der nächste Schritt gegen die männliche Herrschaft erfolgen: das soziale Engagement. Oft mangelt es dafür allerdings an Möglichkeiten. Erst kürzlich erhielt ich eine Email eines jungen Mannes, der meine Artikel zu männlichem Feminismus gelesen hatte und sich nun selbst für Gleichstellung einsetzen wollte. Er war auf der Suche nach passenden Organisationen oder Verbänden außerhalb von Parteien.

Wer Geflüchteten helfen, Obdachlose unterstützen oder Geld für Menschen in Not spenden möchte, hat gleich eine ganze Reihe von Organisationen zur Auswahl. Wer aber als Mann für Gleichstellung eintreten will, muss deutlich länger suchen, um fündig zu werden. Doch es gibt jede Menge Frauenrechts- und Frauenverbände, die sich immer über männliche Unterstützung freuen. So ist die deutsche Sektion von UN Women eine hochaktive Organisation, die auch mit Männern zusammenarbeitet und immer wieder kreative Projekte anstößt. Erster Schritt für eine Mitarbeit: #HeForShe werden. Ähnliches gilt für die Plattformen wie PinkStinks oder Magazine wie Edition F. Auf der Plattform Male Feminists Europe können sich Männer eintragen, die sich gegen Sexismus stellen.

Aber trotz dieser Initiativen mangelt es an breitaufgestellten Angeboten, die sich an Männer richten. Deutschland ist ein männlich-feministisches Entwicklungsland. Organisationen täten gut daran, nachhaltig zu überlegen, wie sie Männer explizit einbinden können. Denn der Kampf gegen die männliche Herrschaft ist ohne Männer nicht möglich.

Eine Antwort zu “Entwicklungsland Deutschland”

  1. Von Claudia am 10. September 2017

    Heute wurde es mir bewusst und vor Augen geführt ! Die Organisation rund um den Wahl-o-Mat
    hatte in Hannover eine Aktion zur Identifizierung der eigenen Wunsch Partei, so musste man „stimme zu“ oder „stimme nicht zu“ Aufkleber auf die Thesen der Fragen/ Aussagen kleben . Am Ende wurde ausgewertet …. Hunderte bis tausende von Bürgern hatten schon ihre Aufkleber auf den Plakaten mit Thesen geklebt .
    Ich war erstaunt wieviel Übereinstimmung bei so vielen Thesen bestand …. bis zur Frage : Soll die Frauenquote in der Wirtschaft beibehalten werden ?
    Können sie sich vorstellen wie entsetzt ich war so viele rote Aufkleber „bin dagegen “ als Antwort aufzufinden ?
    In Deutschland ist ggü. dem Ausland ein absolutes Ungleichgewicht aufgrund sehr konventioneller Werte (v.a. Hinsichtlich Beruf/Familie) , ohne Nachdruck wird sich das nicht bessern .
    Wer stimmt also dagegen ???? Warum?
    Sind es die Männer ?
    Oder wollen die deutschen Frauen es wirklich nicht ?
    Ich bin schockiert und traurig so ein Stimmenbild vorgefunden zu haben

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Ähnlicher Artikel

Zufalls Artikel

Hintergrund

Zeit schenken

Lebensqualität kann auch bedeuten, nicht alleine sein zu müssen. Irmgard Schmid bietet kranken und alten Menschen als ehrenamtliche Seelsorgerin im Krankenhaus ein offenes …
Von Andrea Lindner / 25. Juni 2015

Meist Kommentierter Artikel

Hintergrund

Oh, du göttliche Frucht

Viele Menschen kehren sich vom traditionellen Glauben an Gott ab. Stattdessen wenden sie sich einer Art Gesundheitsreligion zu: Sie huldigen veganen Köchen, folgen Fitnessbloggern und glauben an die …
Von Sophia Hofer / 1. September 2016