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Erfolgsfaktor Familie

Von Judith Dauwalter / 27. März 2014

Betriebs-Kita, flexible Arbeitszeiten und Homeoffice für Eltern: Reine Nettigkeit eines Unternehmens gegenüber seinen Mitarbeitern? Nein, meint das Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik (FFP) – denn auch die Betriebe selbst profitieren von familienfreundlichen Arbeitsregelungen. Judith Dauwalter hat FFP-Leiterin, Irene Gerlach interviewt. Frau Gerlach, Sie haben selbst Kinder. Wie familienbewusst haben sich Ihre bisherigen Arbeitgeber Ihnen als Mutter gegenüber […]

Betriebs-Kita, flexible Arbeitszeiten und Homeoffice für Eltern: Reine Nettigkeit eines Unternehmens gegenüber seinen Mitarbeitern? Nein, meint das Forschungszentrum Familienbewusste Personalpolitik (FFP) – denn auch die Betriebe selbst profitieren von familienfreundlichen Arbeitsregelungen. Judith Dauwalter hat FFP-Leiterin, Irene Gerlach interviewt.

Prof. Irene Gerlach vom FFP (Foto: Nina Weymann-Schulz)
Prof. Irene Gerlach vom FFP (Foto: Nina Weymann-Schulz)

Frau Gerlach, Sie haben selbst Kinder. Wie familienbewusst haben sich Ihre bisherigen Arbeitgeber Ihnen als Mutter gegenüber verhalten?

Als ich zum ersten Mal schwanger wurde, habe ich das schweren Herzens meinem Chef gebeichtet. Der hat sehr schön reagiert – das war vor knapp 30 Jahren noch alles andere als selbstverständlich. Damals gab es kaum Unterstützung für Eltern, schon gar keine institutionelle. Die hätte ich mir aber sehr gewünscht, denn meine akademische Weiterbildung war immer verbunden mit einem schlechten Gewissen bezüglich der Kindererziehung. Und die negative Bewertung habe ich auch in meinem gesellschaftlichen Umfeld gespürt.

Wie hat sich das Familienbewusstsein in der deutschen Arbeitswelt entwickelt?

Ende der 1990er Jahre haben Unternehmen begonnen, sich mit der Problematik der Vereinbarkeit von Familie und Beruf auseinanderzusetzen. Diese Impulse wurden von der Politik aufgenommen. Ganz bedeutsam war die Einführung der Elternzeit und des Elterngelds im Jahr 2007. Es gibt Hinweise darauf, dass sich dank dieser Maßnahmen mehr Paare für Kinder entscheiden. 2007 und 2012 haben wir umfassende Studien durchgeführt, die zeigen, dass das Familienbewusstsein in den Betrieben in diesem Zeitraum deutlich gestiegen ist.

Warum ist es für Unternehmen sinnvoll, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu fördern?

Schon 2007, aber besonders in unserer aktuellen Untersuchung konnten wir ganz eindeutig positive Effekte nachweisen. Die Mitarbeiter von Unternehmen mit hohem Familienbewusstsein sind motivierter, produktiver, melden sich nicht so oft krank und kündigen seltener. Gerade zu Zeiten des Fachkräftemangels ist es für Betriebe außerdem vorteilhaft, sich auch beim Vereinbarkeitsthema attraktiv für potentielle Arbeitnehmer zu präsentieren.

Wie familienfreundlich sind Unternehmen in Deutschland?

Das haben wir im Jahr 2012 anhand verschiedener Indikatoren gemessen und diese in einem Index zusammengefasst. Betriebe, die den Wert 100 erreichen, sind sehr familienbewusst. Der Durchschnitt lag bei 66,9. Das ist ganz ordentlich. Es gibt ein breites Mittelfeld, das einen dicken Bauch nach rechts, in Richtung der höheren Zahlen hat. Das heißt: In der Masse der deutschen Betriebe ist Familienbewusstsein angekommen. Nur wenige haben das Thema noch gar nicht aufgegriffen.

Welche Gründe gibt es dafür, dass einigen Firmen die Vereinbarkeit von Beruf und Familie wichtiger ist als anderen?

Das Ausmaß des Familienbewusstseins hängt zum Beispiel mit der wirtschaftlichen Situation eines Unternehmens zusammen. Je besser diese ist, desto höher der Indexwert. Außerdem lässt sich sagen: Eine jüngere Belegschaft und ein höherer Anteil an Mitarbeiterinnen – gerade wenn diese in der Führungsebene vertreten oder besonders qualifiziert sind – bewirken eine stärkere Beschäftigung mit dem Vereinbarkeitsthema.

Die Unternehmensstruktur ist also mit ausschlaggebend für das Familienbewusstsein. Behindern bestimmte Strukturen die Vereinbarkeit von Job und Kind?

Auf alle Fälle. Ich kann zum Beispiel kein Homeoffice für eine Bäckereiverkäuferin anbieten. Und wenn mittags plötzlich alle aus der Firma gehen, um ihre Kinder abzuholen, ist das auch ein Problem. Eine Lösung dafür sind betriebliche Betreuungsangebote. Aber auch eine Mischung im Altersaufbau der Belegschaft ist wichtig. Dann sind nämlich die Familienstadien, in denen sich die Mitarbeiter befinden, nicht alle gleich.

Wo besteht am dringendsten Nachholbedarf?

In unserer Untersuchung zeigten Unternehmen aus dem Bau- und Gastgewerbe das geringste Familienbewusstsein. Das liegt vor allem an den genannten, erschwerenden Strukturfaktoren dort. Aber wir brauchen auch ein generelles Umdenken: Entscheidend für die Produktivität eines Arbeitnehmers sollten die Arbeitserträge werden und nicht die Zeit, die im Büro abgesessen wird. Auch noch zu wenig selbstverständlich ist, dass das Vereinbarkeitsthema nicht nur Frauen, sondern auch Männer etwas angeht. Nachholbedarf besteht außerdem bezüglich der Diskussionsinhalte: Die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf ist kaum Thema.

Mit welchen Instrumenten können Politik, Wirtschaft und Gesellschaft dazu beitragen, dass Beruf und Familie ohne Einschränkungen vereinbar sind?

Der Staat kann die Bereitschaft zu Familienbewusstsein erhöhen. Zum Beispiel durch Information, finanzielle Unterstützung oder die Vergabe öffentlicher Aufträge an vereinbarkeitsorientierte Unternehmen. Am wichtigsten ist aber der Arbeitgeber selbst. Es ist wichtig, dass er Eltern beispielsweise eine gewisse Flexibilität hinsichtlich Arbeitszeit und Arbeitsort ermöglicht. Sinnvoll ist auch eine betrieblich unterstützte Kinderbetreuung. Gesellschaftlich sind wir von einer egalitären Arbeitsteilung in der Partnerbeziehung noch weit entfernt. Die gehört allerdings auch dazu, wenn wir eine möglichst gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf erreichen wollen.

Wie wichtig sind die politischen Rahmenbedingungen?

Natürlich sind politische Rahmenbedingungen auch bedeutend – sie sollten aber unterstützende Rahmenbedingungen bleiben, welche die unternehmerische Freiheit nicht zu sehr einschränken. Denn konkrete Maßnahmen müssen flexibel vor Ort geschaffen und auf die individuellen Bedürfnisse der Belegschaft zugeschnitten werden. Außerdem müssen die Betriebe selbst erkennen, dass Familienbewusstsein für sie vorteilhaft ist – es bringt nichts, sie zur Umsetzung zu zwingen. Von staatlichen Vorgaben rate ich dringend ab.

Sie haben zwei erwachsene Söhne. Was wünschen Sie sich für deren berufliche Zukunft im Hinblick auf das Vereinbarkeitsthema?

Ich würde mir wünschen, dass meine zukünftigen Enkelkinder ihre Eltern sowohl privat als auch bei der Arbeit erleben können. In meiner Kindheit fand hier eine massive Trennung statt, die ich ausgesprochen unattraktiv finde. Es wäre sinnvoll, diese Lebensbereiche wieder ein Stück weit zusammenzuführen. Sei das nun durch die Kita im Unternehmen oder das kindgerechte Arbeitszimmer daheim. So lernen Kinder von klein auf, was Arbeiten bedeutet und verstehen den Gesamtzusammenhang des Lebens besser.

 

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