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Es wird Winter

Von Timotheus Tiger / 1. Februar 2012

Ein paar Tage noch, dann werden sie wieder ihre Messer wetzen. Und Parolen auspacken, die schon den Alten in den 30er-Jahren nur noch genervt haben. Ende Februar laufen die Tarifverträge im Öffentlichen Dienst aus. Zwei Millionen Beschäftigte bei Bus und U-Bahn, Kindergärten, Müllabfuhr und Lebensmittelüberwachung hoffen dann auf bessere Bezahlung. Um es gleich und klar […]

Ein paar Tage noch, dann werden sie wieder ihre Messer wetzen. Und Parolen auspacken, die schon den Alten in den 30er-Jahren nur noch genervt haben. Ende Februar laufen die Tarifverträge im Öffentlichen Dienst aus.

Zwei Millionen Beschäftigte bei Bus und U-Bahn, Kindergärten, Müllabfuhr und Lebensmittelüberwachung hoffen dann auf bessere Bezahlung. Um es gleich und klar zu sagen: Großteils zurecht. Die Gehälter im Sozialbereich liegen selbst nur knapp über Sozialhilfe-Niveau. Und in anderen Staaten sind Kindergärten der Ort für absolute Spitzenkräfte, hochqualifizierte Erzieher mit Top-Ausbildung.

Aber nochmal: Brauchen wir dafür wieder die alten Klassenkampf-Rituale, die wiederum nur auf dem falschen Rücken ausgetragen werden?

Was also wird Ende Februar passieren? Ein beiderseitiger Austausch von Protokollnotizen, Foto-Termine vor Verhandlungstischen mit Butterbrezel-Deko und am Ende: Streiks in Kindergärten, bei Müllabfuhr und ÖPNV.

Vorbereitete Entschuldigungen der Gewerkschaften – schuld seien letztlich die Arbeitgeber. Vorbereitetes verbales Achselzucken auf der anderen Seite: Wären die Kassen wenigstens nur leer. (Frei nach Lothar Späth: „Wenn Sie aus einer leeren Kasse 20 Mark rausnehmen, müssen erstmal wieder 20 Mark rein, damit nichts mehr drin ist.“)

Streik bei den Berliner Verkehrsbetrieben 1932 (Foto: Museum Neukölln)

Und die Medien werden den Spaß munter mitbefeuern – mit Berichterstattung aus dem Floskelbausatz. Eine in Blei gegossene Monotonie, die ihren Teil dazu beiträgt, Menschen immer weiter von politischer Partizipation zu entfernen – kurzfristige Eruptionen wie Stuttgart21 oder die Bildungs-Taliban in Hamburg einmal ausgenommen.

Warum zum Beispiel wissen schätzungsweise 98 Prozent der Deutschen nicht, was mit dem „Investivlohn-Modell“ gemeint ist, obwohl dieser Ansatz eine Traumvorlage für mehr Beteiligung wäre?

Der Alte sagte mal: „Der Mensch hat zwei Beine und zwei Überzeugungen: eine, wenn’s ihm gut geht und eine, wenn’s ihm schlecht geht. Die letzte heißt Religion.“ Und auch die nächste Streikwelle wird medial so erwartbar intoniert werden wie ein religiöses Hochamt. Wetten?

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