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Feminismus für alle

Von Sebastian Stachorra / 7. Juli 2016
Pixabay

Der Weg zur Gleichberechtigung von Frauen und Männern ist auch 2016 noch weit. Welche Rolle können Männer auf diesem Weg spielen? Können Männer Feministen sein?

„Wir wollen Geschlechterungleichheit beenden“, sagte Schauspielerin Emma Watson 2014 bei der Vorstellung der UN-Kampagne HeForShe[1]. Die Kampagne ruft Männer dazu auf, sich mit Frauen zu solidarisieren, sich als Feminist zu bekennen. Watson[2] bekommt den ersten Szenenapplaus, als sie sagt: „Ich will selbst über meinen Körper entscheiden.“ Ja, ist das denn keine Selbstverständlichkeit?

Leider nein. 2013 wurde durch den Hashtag #Aufschrei sichtbar, wie alltäglich Sexismus in Deutschland noch immer ist. Unter dem Hashtag #imZugPassiert erzählten Frauen jüngst ihre Erfahrungen mit sexuellen Übergriffen in Zügen[3].

Ich selbst definiere mich nicht hauptsächlich über mein Geschlecht. Nach dem Merkmal „männlich“ oder „weiblich“ entscheide ich im Alltag nicht. Aber je mehr ich von solchen Übergriffen lese, desto mehr bekomme ich den Eindruck, dass dieses Nicht-unterscheiden-Müssen nur ein weiteres Privileg des Mannseins ist. Wenn ich im Zug sitze, ist es mir egal, wer sich neben mich setzt. Ob das auch so wäre, wenn ich einmal belästigt oder angegriffen worden wäre? Kann ich mich als Mann überhaupt Feminist nennen, wenn ich die Erfahrung der Diskriminierung nicht teilen kann?

 Jede(r) kann Feminist sein – nur wie?

„Als Feminist kann sich jeder bezeichnen, der für Frauenrechte und geschlechtliche Gleichbehandlung, also geschlechtliche Indifferenz, eintritt. Insofern handelt es sich um eine tief in modernen Gesellschaften verankerte Wertüberzeugung“, sagt Stefan Hirschauer, Soziologieprofessor an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Die Emma, das wohl bekannteste feministische Medium, schlägt eine eigenwillige Methode vor, um Männer für Feminismus zu begeistern: Sie sollten Feministen werden, weil sie dann besseren Sex hätten,[4] denn Feminist sein sei sexy. Die Autorin dieses Artikels bedient sich eines Männer-Stereotypen: Als ob die einzige Motivation von Männern wäre, Frauen aufzureißen.

Amanda Chatel lobt auf bustle.com[5]  ihren Freund als Feministen. Dabei macht er eigentlich nur Sachen, die ganz normal sind. Er akzeptiere ihre Entscheidungen, wenn es um Sex und die Kinderplanung gehe, er könne kochen und erziehe seine Tochter zu einem selbstbestimmten Menschen. Demnach dürfte es also schon reichen, kein Arsch zu sein, um sich Feminist zu nennen.

Das Geschlechterdenken ablegen

Aran Jäger und Jasna Strick sind da anspruchsvoller. In einem Blogeintrag fordern sie von Allies (ein anderes Wort für Feministen) die Selbstreflexion von Redeanteilen und dominantem Verhalten sowie eine eigenwillige Form, mitzudenken. So sei es beispielsweise sinnvoll, „nachts die Straßenseite zu wechseln, statt hinter einer Frau herzugehen. Selbst wenn du nichts Böses im Schilde führst, solltest du dir bewusst sein, dass die Frau nicht in deinen Kopf gucken kann.“[6]

Zuzustimmen, dass Männer und Frauen nachts auf getrennten Straßenseiten gehen sollten, fühlt sich wie ein Schuldeingeständnis an. Als müssten Frauen vor mir als Mann permanent Angst haben. Als sei ich durch mein Geschlecht jederzeit zu Übergriff und Vergewaltigung fähig. Gerade das will ich doch aber ablegen, dieses dauerhafte Denken in Geschlechterunterschieden.

Die Spannweite der Anforderungen an Feministen geht wohl auch darauf zurück, dass es nicht den einen Feminismus gibt. Hirschauer sagt: „Den Feminismus im engeren Sinne gibt es in ganz verschiedenen Varianten.“ So gebe es eben auch einen „den alten Kämpfen verpflichteten Feminismus“, der sich nur in Abgrenzung zu einer von Männer dominierten Welt verstehe und somit seinerseits zur Geschlechterunterscheidung beitrage, indem er sie gebrauche, repräsentiere und wütend kritisiere.[7]

Damit verkenne dieser Feminismus seine Erfolge (beispielsweise die politische Gleichstellung), und könne „den nächsten Schritt, das Loslassen der Geschlechterunterscheidung, nicht mehr vollziehen“. Er verlöre damit nämlich einen herzerwärmenden Gedanken, der auch bei heterosexuellen Männern viel Gehör findet: dass Frauen die moralisch besseren Menschen sind. So scheint es mir auch beim Straßenseite-Wechseln zu sein. Ich will mich nicht selbst unter Verdacht stellen müssen.

Gleichberechtigung nicht aus eigenem Vorteil, sondern weil sie gerecht ist

Es gibt einen Mittelweg. Vincent-Immanuel Heer und Martin Speer schreiben auf Zeit Online[8]: „Ein echter Feminist glaubt daran, dass Frauen und Männer gleich viel wert sind und gleich viel zu sagen haben. Er schätzt vollkommene Gleichberechtigung und möchte eine Gesellschaft, in der weder Männer noch Frauen ein Übergewicht an Einfluss, Macht oder Deutungshoheit genießen. Nicht aus eigenem Vorteil, sondern ganz einfach, weil es gerecht ist.“

Das ist doch endlich mal eine Definition, die ich ohne Bauchschmerzen teilen kann! Dafür brauche ich mich nicht ständig als Mann mit wie auch immer gearteten Eigenschaften begreifen. Auch auf Frauen passt diese Definition. Auch ihnen sollte man nicht immer unterstellen, aus eigenem Vorteil für Gleichberechtigung zu kämpfen.

Heer und Speer machen einige praktische Vorschläge zum Feminist-Sein: Der Mann solle mit Frauen über ihre Erfahrungen mit Sexismus und Diskriminierung sprechen. Er solle in Werbung und Medien verstärkt auf Sexismus achten. Die eigenen Gewohnheiten hinterfragen. Eingreifen, wenn im eigenen Umfeld Übergriffe stattfinden. Und schließlich solle er organisiert aktiv werden – zum Beispiel bei der UN-Kampagne HeForShe.

Als Mann Feminist zu sein bedeutet, wachsam zu sein. Es bedeutet, nicht nur unausgesprochen für Gleichberechtigung zu sein, sondern sie auch im Alltag einzufordern.
——————————

[1] http://www.heforshe.org/en
[2] https://www.youtube.com/watch?v=gkjW9PZBRfk
[3] Auch einer Autorin des ZEIT-Magazins ist das passiert. Hier
geht es zum Artikel: http://www.zeit.de/zeit-magazin/leben/2016-06/sexueller-uebergriff-deutsche-bahn-polizei?utm_content=zeitde_redpost+_link_sf&utm_campaign=ref&utm_source=twitter_zonaudev_int&utm_medium=sm&wt_zmc=sm.int.zonaudev.twitter.ref.zeitde.redpost.link.sf
[4] http://www.emma.de/artikel/warum-maenner-feministen-sein-sollten-330289
[5] http://www.bustle.com/articles/17310-can-men-be-feminists-youre-damn-straight-and-dating-one-is-the-best
[6] http://jasnastrick.blogspot.de/2013/11/what-about-allies-welche-art.html
[7] http://www.forschung-und-lehre.de/wordpress/?p=17324
[8] http://www.zeit.de/gesellschaft/2016-02/feminismus-maenner-sexismus-gleichberechtigung-vorteile-lebensqualitaet

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