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Grillen sind mein Fleisch

Von Christina Mikalo / 7. Februar 2018
Credits: Pixabay/ ChristophMeinersmann; Lizenz CC0

Mehr als zwei Milliarden Menschen weltweit essen täglich Insekten. Einige Start-Ups versuchen nun, Heuschrecke, Käfer und Grille auch in Deutschland auf den Teller zu bringen. Das ist gar nicht so einfach.

Timo Bäcker hat ein dickes Brett zu bohren. Er will den Menschen Grillen schmackhaft machen – die Tiere, nicht das Barbecue. „Die meisten Menschen wissen noch nicht einmal, dass man sie essen kann – geschweige denn, dass sie das wollen“, sagt der der Kölner Unternehmer. „Die Hemmungen und das Kopfkino sind noch sehr mächtig.“

Bäcker ist Mitgründer der Firma SWARM Protein. Mit seinen Partnern Christopher Zeppenfeld und Daniela Falkner verkauft er einen Proteinriegel, der gemahlene Grillen enthält. Auch andere deutsche Start-Ups wollen Insektenprodukte auf dem Lebensmittelmarkt etablieren: Die Bugfoundation versucht das mit Mehlwurmburgern, Snackinsects unter anderem mit Heuschrecken-Pasta.

Für die drei Unternehmen wird 2018 ein wichtiges Jahr. Die neue Novel-Food-Verordnung macht den Verkauf von Insekten EU-weit legal. Erstmals kommen Käfer und Co. in Deutschland in den Handel. Damit ist rechtlich die Bahn geebnet für das, was die Food And Agriculture Organization (FAO) schon 2013 in ihrem Bericht „Edible Insects“ – essbare Insekten – empfohlen hat: Insektenessen in Europa als nachhaltige Alternative zum Fleischkonsum zu etablieren.

Lange Tradition in Asien

Timo Bäcker und Christopher Zeppenfeld lesen „Edible Insects“ 2015. Fasziniert beschließen sie, mehr über die sogenannte Entomophagie, wie der Verzehr von Insekten in Fachkreisen heißt, zu lernen. Sie reisen nach Asien, wo Krabbeltiere in den lokalen Kochtöpfen seit Jahrzehnten Tradition haben.

Auf gemieteten Motorrädern fahren die beiden 4.500 Kilometer durch Laos, Vietnam und Thailand und probieren sich durch alles, was ungefähr sechs Beine und zwei Antennen hat. Am Ende der Reise haben sich die Jungunternehmer an frittierte Raupen, Wasserwanzen und grün schimmernde Käfer gewöhnt. „Insekten zu essen war dann kein Problem mehr für uns. Wir haben sie als authentisches Lebensmittel wahrgenommen“, berichtet Bäcker.

Das sieht unter den meisten Menschen in Deutschland anders aus. Die Akzeptanz von Insektenfood ist gering, wie auch eine Studie des Bundesinstituts für Risikobewertung aus dem Jahr 2016 zeigt. Nur jeder Zehnte kann sich vorstellen, Krabbeltiere zu essen. Rund 30 Prozent würden sie zumindest kosten. 60 Prozent lehnen sie aber grundsätzlich ab.

Zurück in Deutschland entwickeln Bäcker und Zeppenfeld mit Sport- und Ernährungswissenschaftlerin Falkner deshalb einen Plan, um die Käfer an den Mann bzw. die Frau zu bringen: Sie entschärfen ihre „ungewohnte Optik“ und zermahlen sie zu Pulver. „Weniger Antennen, weniger Beine – das ist unsere Devise.“ Als Zielgruppe suchen sich die Unternehmer Sportler aus. „Sportler sind generell offen für Lebensmittelinnovationen und wissen die positiven Nährstoffe von Insekten zu schätzen“, erklärt Bäcker.

Proteinbombe auf sechs Beinen

2017 kommt das erste Produkt auf den Markt: der Insektenriegel. Neben Datteln, Leinsamen und Honig enthält er gemahlene Grillen. „Grillen sind gesund und nachhaltig. Sie enthalten Proteine und Aminosäuren, die wichtig für den Aufbau und Erhalt von Muskeln sind, und strotzen vor Vitaminen und Eisen“, referiert Bäcker. „Außerdem lassen sie sich effizient und ressourcenschonend züchten, denn anders als Rinder sind sie wechselwarm.“ Anders gesagt, sie müssen deshalb keine Energie für ihre Körpertemperatur aufwenden, sondern können Futter direkt in ihr Wachstum investieren und zur Bildung von Protein nutzen.

Während ein Rind 25 Kilogramm Futter braucht, um ein Kilo Fleisch zu produzieren, kommt eine Grille mit nur zwei Kilogramm Nahrung auf den gleichen Betrag. Zudem brauchen Grillen weniger Land und Wasser und stoßen weniger Treibhausgase aus als Rinder.

Statt 25 nur noch zwei Kilo Nahrung für ein Kilo Fleisch – dank Insekten

„Aktuell bezieht die Menschheit einen Großteil ihres Proteins aus der Viehhaltung. Die damit einhergehende Umweltbelastung ist enorm – und sie wird durch das Bevölkerungswachstum noch größer werden.“ Davon sind Bäcker und Zeppenfeld überzeugt.

Insekten aus dem Supermarkt

Im Jahr 2050 werden knapp zehn Milliarden Menschen auf dem Planeten leben. Die FAO schätzt, dass sich die umweltschädliche Fleischproduktion bis dahin verdoppeln muss, um alle Menschen mit Protein versorgen zu können. „Daher ist es wichtig, neue Wege zu gehen, damit jeder sich gesund und nachhaltig ernähren kann“, erklären die Kölner Unternehmer.

Für Firmen wie SWARM Protein ist Insektenessen längst mehr als ein vorüberziehender Trend. Auch die Wissenschaft glaubt, dass die Entomophagie in Deutschland bald mehr gefördert werden könnte. So sagt der Lebensmittelforscher Guido Ritter von der Fachhochschule Münster, dass Krabbeltiere schon im März oder April dieses Jahres die Supermärkte erobern könnten. Für weltweit besonders häufig verzehrte Arten wie den Mehlwurm oder die Steppengrille hat die EU bereits Prüfverfahren eingeleitet.

Vielleicht ist es bald nur noch eine Frage der Gewöhnung, bis Insekten hierzulande das Fleisch ersetzen. Bäcker, Zeppenfeld und Falkner haben schon positive Erfahrungen mit Menschen gemacht, die die Krabbeltiere gekostet haben: „Meist sind sie überrascht, dass Insekten echt gut schmecken.“

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