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Ich nenne dich beim Namen, du bist – nicht mehr dein

Von Sabrina Wirth / 3. März 2021
picture alliance / Westend61 | SERGIO NIEVAS

Heutzutage repräsentiert unser Name mehr denn je unsere Identität, weshalb es mittlerweile vielfältige Möglichkeiten der Namensgebung zur Eheschließung gibt. Aber wer sind bzw. werden wir, wenn wir den Familiennamen eines anderen annehmen? Geben wir damit unsere eigene Identität auf?

Wie es sich anfühlt, seine Identität aufzugeben

Vor einigen Jahren, so fühlte es sich für mich an, gab ich meine Identität auf – ich heiratete und nahm den Familiennamen meines damaligen Mannes an. Warum? Weil es selbstverständlich war und von mir erwartet wurde. Wir hatten zuvor einige Zeit mit dem Gedanken gespielt, meinen Familiennamen zu verwenden, weil wir meiner Familie näherstanden als seiner. Am Ende nahm ich seinen Namen an, zu dem ich keine Verbindung fühlte. Doch ich gehörte auf einmal „zu ihm“ und verlor mich dabei. Als wir uns kurze Zeit später trennten, gehörte ich zu niemandem mehr – weder zu ihm noch war ich wieder Ich-selbst, denn ich trug noch seinen Namen.

Ihren Ausweis bitte!“, der Schaffner von der Deutschen Bahn wollte kontrollieren, ob ich wirklich die Person bin, auf die das Ticket ausgestellt ist. „Nein, das bin ich nicht!“, hätte ich am liebsten gerufen. Stattdessen gab ich ihm meinen Ausweis, er verglich, nickte und ging weiter.

Lange fühlte es sich an, als lebte ich unter einem Pseudonym. Einem, welches mich weder repräsentierte noch mir wirklich gehörte. Ich fühlte mich oft nicht anwesend, sondern wie ein Geist oder Schatten meiner selbst. Doch wo war ich? Es fühlte sich an, als existierte ich nicht… mehr.

Seine Identität an einem Namen fest zu machen ist nicht richtig. Aber doch macht der Name einen sehr großen Teil von ebendieser aus – und von unserer eigenen Persönlichkeit.

Was ist Identität?

Identität, die.
1a) Echtheit einer Person oder Sache; völlige Übereinstimmung mit dem, was sie ist oder als was sie bezeichnet wird
1b) als „Selbst“ erlebte innere Einheit der Person

So zumindest verheißt es der Duden.

In der Psychologie meint Identität hauptsächlich die eigene Selbstwahrnehmung. Im allgemeinen Sprachgebrauch bezeichnet das Wort vor allem das, was uns einzigartig macht – wie beispielsweise unser Name. Dabei ist Identität nichts Statisches; wir entwickeln uns stetig weiter. Wir wachsen an unseren Erfahrungen, unser Charakter formt sich, verändert sich und wir lernen immer mehr über uns selbst dazu.

Allerdings ist am Ende des Tages für jeden Menschen Identität etwas anderes. Jede Person bestimmt ihre eigene Identität durch andere/ verschiedene Faktoren. Für mich war dies lange – unter anderem – der Name. Er gehört zu mir, mit ihm bin ich aufgewachsen.

Ich ging durch die Tür des Bürgeramtes hinaus, starrte auf das rechteckige Ausweisdokument in meiner Hand und fühlte mich frei. So frei wie schon seit sehr langer Zeit nicht mehr. 18 Monate wartete ich auf diesen Tag. Ich bin wieder ich. Meine Identität ist wiederhergestellt.

Identität und Namensgebung

Laut einer Studie der Gesellschaft für deutsche Sprache (GfdS) übernehmen mehr als drei Viertel der verheirateten heterosexuellen Paare den Familiennamen des Mannes. Und das, obwohl Frauen bereits seit 1976 per Gesetz in der Bundesrepublik ihren Nachnamen nicht nur behalten, sondern sogar zum Familiennamen machen dürfen. Den Namen der Frau nehmen rund sechs Prozent der Paare an und acht Prozent verändern ihren Namen gar nicht. Zwölf Prozent entscheiden sich für einen Doppelnamen.

Seitdem 2017 auch homosexuelle Paare offiziell heiraten können, stellt sich für sie übrigens natürlich die gleiche Frage.

Im Zuge dieser Studie befragte die GfdS die Ehepartner auch nach den Gründen für ihre Namenswahl. Ausschlaggebend sei der Wunsch, einen gemeinsamen Familiennamen zu führen. Ein Doppelname stellt hierbei oft einen Kompromiss dar. Entscheidet sich das Ehepaar für den Familiennamen des Mannes, ist der Hauptgrund am häufigsten die Tradition. Männer gaben an, sie empfänden es als ein Zeichen von Schwäche, wenn sie den Namen ihrer Frau annehmen.

Folgende weitere Gründe für ihre Namenswahl wurden außerdem genannt:

  • Familienname soll weitergeführt werden, z.B. weil er selten ist
  • berufliche Karriere wird mit Namen verbunden
  • ästhetische Gründe

Laut Familienrecht liest sich das Ganze so:

Bei der Eheschließung kann eine Namensänderung durch die Eheleute bestimmt werden. Das vermählte Paar kann sich für einen gemeinsamen Ehenamen entscheiden, jeder behält seinen eigenen Geburts- bzw. Familiennamen oder ein Partner wählt einen Doppelnamen aus.“

Bei der Entscheidung für einen Familiennamen nach einer Heirat geht es oft nicht nur um ein Bekenntnis zueinander, sondern auch um das partnerschaftliche Machtverhältnis. Wer sagt, es sei ihm wichtig, meint am Ende doch nur: Der Name ist wichtiger als der Partner. Wenn Männer sich sogar weigern, den Nachnamen der Ehefrau anzunehmen, können diese sich eine einfache Frage stellen: Warum sollte sie etwas machen, wozu er nicht bereit ist?

Allerdings kann ein Namenswechsel bei der Heirat auch positive Seiten haben: Eine ganz neue Identität als Mann und Frau zusammen zu erschaffen, mit einem gemeinsamen Nachnamen und einem Neuanfang als Familie kann erfüllend und aufregend sein, zweifellos.

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