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Investigativ geht anders

Von Raul Krauthausen / 4. Februar 2019
Credits: Pixabay/ Free-Photos;

Auch für mich als öffentliche Person gilt: Das Recht auf Privatsphäre sollte selbstverständlich sein. Warum muss ich trotzdem mehr darum bitten als andere?

Trüge ich einen Schlips, ich fühlte mich wohl öfters auf ihn getreten. Dabei beginnt es meist mit Nettigkeiten, mit offen gezeigter Neugierde. Ich spreche von Gesprächen mit JournalistInnen, die von meiner Seite aus dazu dienen, Auskunft zu geben. Meist drehen sich diese um Themen der Inklusion und der Barrierefreiheit. Doch dann geht es los.

„Was haben Sie eigentlich genau?“

Gerade hatte ich dem Gegenüber erklärt, wie viele Berliner U-Bahn-Stationen noch immer ohne Fahrstuhl sind, welche Probleme Behörden für Menschen mit Behinderungen bereithalten, ich war richtig in Fahrt – und nun fühle mich überrollt. Soll ich ehrlich sein und antworten: „Inwiefern ist das jetzt wichtig? Ich frage Sie ja auch nicht, ob Sie homo- oder heterosexuell sind.“

Besser nicht. Ich versuche es dann mit einem knappen Spruch wie „Ich habe Glasknochen“, aber das beflügelt die Fantasie mancher recherchierenden ZeitgenossInnen nur noch mehr.

„Glasknochen, wie habe ich mir das vorzustellen? Erzählen Sie mal! Wie oft haben Sie sich schon was gebrochen?“

Doch ich will jetzt nicht erzählen. Natürlich, mittlerweile kenne ich mich bei meiner Behinderung recht gut aus, ich könnte auch einen medizinischen Vortrag vor Fachpublikum darüber halten, oder wenigstens so tun als ob. Aber wir waren doch gerade bei Inklusion und Barrierefreiheit, oder? Plötzlich beschleichen mich zwei grundsätzliche Gedanken. Hat die/der InterviewerIn, erstens, kein Internet in der Redaktion, um die Antworten auf solche Fragen rasch zu ergooglen? Und geht es der Person, zweitens, vielleicht um die Befriedigung eines gewissen Voyerismus? Für wen? Den eigenen? Aber muss man das multipliziert an die LeserInnen und HörerInnen weitergeben?

Diese Situationen erlebte ich häufig, und sie ermüden mich nicht nur. Sie verletzen meine Privatsphäre. Denn einem investigativen Zweck dienen solche Fragen kaum. Sie lenken vielmehr ab vom wesentlichen Thema.

Meine Behinderung ist nicht tragisch – der Umgang damit schon

Man kann sich an dieser Stelle vielleicht wundern, ob ich mich gerade anstelle, etwa ein Sensibelchen bin. Das mag sein, ist aber eine andere Debatte. Ich versuche es mit einem Bild: Wenn ein/e GewerkschaftsvertreterIn für einen Betrieb eine Lohnerhöhung fordert, dann würde die Frage „Hatten Ihre Eltern in Ihrer Kindheit eigentlich viel Geld?“ etwas überraschen. Oder wenn eine Arztin für die Einführung einer gewissen OP in der städtischen Klinik plädiert, erwartet sie nicht von Lokalreporterseite die Frage: „Sind Sie gläubig?“

Derartige Fragen sind deplatziert. Auch wenn sie nicht anlasslos sein mögen. Schließlich bittet mich der/die JournalistIn ja nicht um ein Interview über die medizinischen Hintergründe von Osteogenesis imperfecta, wie meine Behinderung im Fachjargon heißt. Ich wehre mich prinzipiell ja auch nicht dagegen, darüber zu sprechen. Mich stört nur das Manövrieren einer gesellschaftlichen Angelegenheit auf die individuelle persönliche Ebene. Barrierefreiheit aber ist eine Aufgabe für uns alle. Geht es am Ende um meine Glasknochen, privatisiert sich das Anliegen und ich bin wieder der „Besondere“. Doch so ist es nicht. Schließlich ist meine Behinderung kein tragisches Momentum, sondern eine zu meisternde Situation und genau genommen deswegen eine Behinderung, weil ich einer Minderheit angehöre. Die Ausrichtung öffentlicher Strukturen und Institutionen auf die Mehrheit hindern mich und andere, die wie ich sind, an einer umfassenden gesellschaftlichen Teilhabe.

Sicher, vielleicht tue ich den armen JournalistInnen Unrecht, womöglich meinen sie es nicht so. Aber man muss nicht diskriminierend gesonnen sein, um diskriminierend zu reden. Worte haben eine perfomative Wirkung. Sie verändern die Realität oder zumindest unsere Wahrnehmung davon.

Nicht wenige JournalistInnen tendieren dazu, eine Sachlage anhand einer Person zu erzählen. Die Taxifahrerin steht dann stellvertretend für ein Land, oder eine Demonstrantin für die Frage einer gerechten Besteuerung von X oder Y. Aber was in der Welt geschieht, lässt sich nicht immer zu einer einzigartigen Erzählung verdichten. Viele ReporterInnen erfahren derart viel von ihren Gesprächspartnern, dass der Stoff entweder erfunden sein muss oder ich bei dem Gespräch lieber nicht dabei gewesen wäre, so intim müssen die Fragen gewesen sein! Zeit sich fremdzuschämen bleibt selten, man soll ja den investigativen Einsatz anerkennen. Doch würde ein/e ReporterIn ähnliche private Fragen zu sich selbst erdulden?

Es gibt Grenzen zwischen Menschen. Sie zu respektieren sollte normal sein. Niemand muss sich deswegen befangen fühlen oder Themen tabuisieren. Aber für alles gibt es eine Zeit und den richtigen Ort.

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