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Irrglaube

Von Patricia Grähling / 16. August 2016
Credits: s_tishaeva/ flickr: Vienna; Lizenz CC BY-NC-SA 2.0

Religionen dienen oft als Sündenböcke für zahlreiche Gräueltaten, die in ihrem Namen begangen werden. Doch das Leid ist menschengemacht – nicht der Glaube ist schuld, sondern diejenigen, die ihn innerhalb selbstgesteckter Schranken propagieren.

Angesichts der derzeit unzähligen Terrorattentate und vergangener Epochen voller Glaubenskriege scheint es auf der Hand zu liegen, dass in unserer heutigen aufgeklärten Gesellschaft kein Platz mehr für den Glauben ist. Glaube scheint die Ursache für viel Leid zu sein in einer Welt, in der im Namen Jesu oder Allahs schon seit Jahrhunderten gemordet wird.

Mit Glauben haben diese Feindlichkeiten jedoch tatsächlich nichts zu tun. Denn wer wirklich an etwas Höheres, an einen Gott glaubt, der die Erde und das Leben erschaffen hat, der muss auch in Achtung und Respekt gegenüber allen Lebewesen leben – schließlich sind sie alle Gottes Geschöpfe. Alle. Und, auch wenn es nicht so scheint: Die großen Weltreligionen stehen eigentlich für Frieden. Sowohl Christen als auch Juden und Muslimen ist es verboten, andere Menschen zu töten.

Das Gebot „Du sollst nicht töten“ ist eines der zehn Gebote, die sowohl im Christentum als auch im Judentum einen zentralen Rang haben. Im Koran steht „Wer einen Menschen tötet – es sei denn als Vergeltung für einen Mord oder wegen der Anstiftung eines Unheils im Lande – dann wäre dies so, als hätte er die ganze Menschheit getötet.“

Zugegeben, es lassen sich in allen Schriften auch Stellen finden, die als Aufruf zum Krieg gegen Andersgläubige interpretiert werden können. Außerdem haben sich die Religionen jeweils die Deutungshoheit ihrer heiligen Schriften gesichert. So haben die Religionen auch die Macht, ihren Anhängern vorzuschreiben, wie sie zu leben haben, um ein gottgefälliges Leben zu führen. Doch hier geht es, wie gesagt, um Interpretation.

Propagierter Glaube vs. gelebter Glaube

Im Mittelalter gab es die Bibel in Europa nur auf Latein. Die meisten Menschen konnten sie nicht lesen. Der normale Bürger glaubte das, was die Pfarrer auf der Kanzel predigten. Das war beispielsweise der Ursprung für einen florierenden Ablasshandel, der den Menschen Monate im Fegefeuer ersparen sollte – für viel Geld. Die Kirche hatte Macht über die Menschen und nutzte deren Glaube an Gott aus. Auf ähnliche Art und Weise nutzen heute religiöse Führer aus, dass Muslime gottgefällig handeln wollen. Auf der vermeintlichen Basis der heiligen Schriften werden sie dazu gebracht, für das Paradies im Jenseits zu Selbstmordattentätern zu werden. Es sind die Religionsführer, die das Leid auslösen, nicht der Glaube.
Angesichts von Terror und Angst ist der „echte“ Glaube wichtiger denn je. Wahrhaftiger Glaube spendet Trost, Hoffnung und Zuversicht, er stiftet ein Gemeinschaftsgefühl und ist geprägt von Nächstenliebe und Achtung gegenüber anderen Lebewesen. Der Glaube an sich ist daher immer zeitgemäß und wichtig, auch wenn jeder Mensch ihn anders lebt. „Alle Menschen haben einen Zugang zu Gott, aber jeder einen andern“, sagte der Religionsphilosoph Martin Buber einst über den Glauben.

Nicht die Religion selbst muss sich wandeln, es sind diejenigen, die sie ausleben; diejenigen, die glauben, die sich wandeln müssen. Ihre Gemeinden müssen ihnen Raum geben für diesen Wandel. „Der Mensch macht die Religion, die Religion macht nicht den Menschen“, wusste schon Karl Marx. Deshalb können die Gläubigen die Religion auch aktiv ändern.

„Ich bitte Sie dringend darum, in Ihrer Umgebung eine Atmosphäre des Friedens zu schaffen und der leidenden Menschheit zu helfen, ungeachtet welcher Religion, Rasse oder Nation sie angehören“, sagt Mirza Masroor Ahmad, der fünfte Khalifa (spirituelle Führer) der Ahmadiyya Muslim Jamaat, einer muslimischen Gemeinschaft, die den Islam als friedliche Religion betrachtet. Ihre Vertreter predigen, dass die Erlösung nicht das Vorrecht einer einzelnen Religion ist. Toleranz ist ein entscheidendes Element, das sich viele Religionsgemeinschaften noch stärker aneignen müssen, um im Glauben friedlich miteinander leben zu können.

Alternative Glaubensformen

Gerade im aufgeklärten Europa wenden sich viele Menschen von den großen Kirchen ab, um in anderen Religionen Halt zu finden – etwa im Buddhismus. Diese Religion zielt nicht darauf ab, andere Religionen zu verdrängen oder für einen Gott zu leben. Vielmehr geht es darum, ein ethisch rechtes Leben zu führen und durch gute Taten und Meditation Erlösung zu finden.

Dabei schließt der Buddhismus nicht aus, an einen oder auch mehrere Götter glauben zu können. Ebenso gibt es Atheisten innerhalb dieser Religion, die zwar daran glauben, dass jede Handlung eine Wirkung hat (Karma) – diese Handlungen aber nicht von Gott überwacht werden.

Manche Menschen kehren dem Glauben komplett den Rücken oder leben ihn für sich aus, ohne einer Gemeinde aktiv anzugehören. Für viele ist es nicht mehr zeitgemäß, dass ein Chefarzt einer katholischen Klinik entlassen wird, weil er ein zweites Mal geheiratet hat (so geschehen in Düsseldorf). Viele verstehen nicht, dass die katholische Kirche homosexuellen Paaren eine kirchliche Segnung verweigert, zugleich aber Missbrauch von Kindern jahrelang verschleiert hat.

Wie auch immer der individuelle Glaube aussehen mag, er ist ein selbstbestimmter. Wir entscheiden selbst, welchen Geboten wir folgen. Jede Gemeinschaft, die Toleranz nicht in ihren Grundsätzen hat, steht im Widerspruch mit dem Glauben, den sie predigt. Ohne Ausnahme.

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