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Koreas Wiedervereinigung

Von Daniel Lehmann / 30. September 2014

Die jüngere Geschichte Deutschlands und Koreas weist etliche Parallelen auf. Dennoch scheinen Nord- und Südkorea von einer Wiedervereinigung weit entfernt. Hierzu hat Daniel Lehman Dr. Unsuk Han interviewt, der als Dozent am Asien-Orient-Institut der Universität Tübingen lehrt. sagwas.net: Kim Jong-un ist seit Ende 2011 Machtinhaber in Nordkorea. Inwiefern haben sich die Chancen auf eine Wiedervereinigung […]

Die jüngere Geschichte Deutschlands und Koreas weist etliche Parallelen auf. Dennoch scheinen Nord- und Südkorea von einer Wiedervereinigung weit entfernt. Hierzu hat Daniel Lehman Dr. Unsuk Han interviewt, der als Dozent am Asien-Orient-Institut der Universität Tübingen lehrt.

sagwas.net: Kim Jong-un ist seit Ende 2011 Machtinhaber in Nordkorea. Inwiefern haben sich die Chancen auf eine Wiedervereinigung Koreas dadurch verändert? 

Dr. Unsuk Han: Die Chance auf eine koreanische Vereinigung hängt von vielen Faktoren ab. Kim Jong-un besuchte eine Schule in der Schweiz. Insofern hat er mehr Kontakte mit der Außenwelt gehabt als sein Vater. Er hat nach der Konsolidierung seiner Macht mehrfach Signale gegeben, mit Südkorea und den USA eine Annährung zu wagen. Aber sowohl Seoul als auch Washington bestehen streng auf den klaren und unumkehrbaren Verzicht auf die Nuklearprogramme ohne nennenswerte Sicherheitsgarantie für Pjöngjang als Vorbedingung für Verhandlungen. Da ist kaum ein Fortschritt in der innerkoreanischen Beziehung geschweige denn in Richtung einer Wiedervereinigung zu erwarten.

Die Bevölkerung Südkoreas scheint eine Wiedervereinigung Koreas allgemein zu befürworten. Von Nordkorea bekommt man dahingehend weniger mit. Liegt das wirklich nur an der Propaganda und Zensur? Oder wie sieht das Meinungsbild aus? 

Dr. Unsuk Han: Ich bin da etwas skeptisch. Wenn es um das verbale Bekenntnis geht, dann wird die Vereinigung Koreas von Nordkorea befürwortet. Die nationale Vereinigung ist seit ihrer Gründung in 1948 eine starke Staatsideologie Nordkoreas geblieben. Dafür hatte Kim Il-sung ohne Erfolg den Koreakrieg geführt. Die nordkoreanische Vereinigungspolitik und –ideologie haben sich in den letzten Jahrzehnten viel geändert. Die nordkoreanische Führung bekennt sich zwar immer noch stark zur Vaterlandsvereinigung. So propagiert sie die stufenweise Vereinigung über die Konföderation. Aber in der Realität will Pjöngjang das System und die vorhandene Machtstellung mit allen Maßnahmen konsolidieren, was sich natürlich gegen die Annäherung auswirkt und das Teilungssystem sogar verhärten wird. Die Bevölkerung wird von der Kindheit an stark ideologisch sozialisiert. Sie kann außerdem nicht zuletzt wegen der Zensur ihre wahre Meinung über die koreanische Frage nicht äußern. Aber vermutlich wird die Vereinigung, die von Südkorea geleitet und geherrscht wird, von der großen Mehrheit der nordkoreanischen Bevölkerung abgelehnt. Über 80 % der nordkoreanischen Übersiedler sind bei der Integration in die südkoreanische Gesellschaft gescheitert. Die südkoreanische Nordkorea- und Vereinigungspolitik ist weit entfernt davon, das Vertrauen und die Herzen der nordkoreanischen Landsleute zu gewinnen.

Die südkoreanische Bevölkerung befürwortet zwar mehrheitlich die Vereinigung. Aber die Zahl der Vereinigungsskeptiker hat in der letzten Zeit stark zugenommen. Dies hat einerseits mit der schlechteren Aussicht auf die Annäherung zwischen Nord- und Südkorea unter der konservativen Regierung von Lee Myong-bak und Park Geun-hye zu tun. Aber andererseits machen sich nicht wenige große Sorgen um die zu erwartenden negativen Folgen der Vereinigung, wie die enormen finanziellen Kosten, die sozialen und kulturellen Konflikte, die wir in Analogie zu negativen Folgen der deutschen Einheit in viel schlimmerer Erscheinung erwarten. Die negative Haltung gegenüber der Vereinigung ist bei der Jugend viel stärker geprägt, zumal sie nach dem Studium untereinander um die wenigen Arbeitsplätze konkurrieren.

Oft wird die Situation in Korea mit der in Deutschland vor der Wende verglichen. Doch was sind die gravierendsten Unterschiede zwischen Deutschland und Korea, die womöglich dazu geführt haben oder weiterhin führen, dass Korea bis heute geteilt ist? 

Dr. Unsuk Han: In Ostasien war der Kalte Krieg stärker ausgeprägt. Es gab Bürgerkriege in China, Korea und Vietnam. Der Koreakrieg hat die Teilung viel schlimmer und unerträglicher als in Deutschland gemacht. Es gab Millionen ziviler Opfer auf beiden Seiten in vielen Massakern. Mehr als 10 Millionen Familien wurden getrennt. Die meisten von ihnen konnten jahrzehntelang nicht wissen, ob ihre Familienangehörigen auf der anderen Seite der Demarkationslinie noch leben. Selbst briefliche Kontakte waren nicht möglich. Die Gesellschaft und die politische Kultur in Südkorea waren viel stärker vom Antikommunismus geprägt als in Westdeutschland. Die Regimekritiker und Gewerkschaftler wurden häufig unter Folter zu pronordkoreanischen Kommunisten verwandelt. Liberale Kandidaten bei den Parlamentswahlen wurden häufig als Kommunist diffamiert. Menschenrechte wurden alltäglich unter dem Vorwand der Kommunismusbekämpfung verletzt. Aber auch nach der Demokratisierung bleibt die koreanische Gesellschaft von sehr starken ideologischen Konflikten geprägt. Linke Politik zu machen, ist immer noch sehr schwer in Korea.

Es gab in Korea 35 Jahre der japanischen Kolonialherrschaft. Nach deren Ende konnte diese Vergangenheit nicht richtig aufgearbeitet werden. Die amerikanische Besatzung brauchte die früheren projapanischen Kollaborateure als Handlanger ihrer Interessenpolitik im Kalten Krieg gegen die starken linken politischen Lager in Südkorea. Auch das Syngman Lee-Regime benutzte sie für seine Diktatur. Sie konnten im Kalten Krieg politisch überleben. Ihre mächtigste Waffe in ihrem Überlebenskampf war der Antikommunismus. Dieser Antikommunismus der amerikanischen Besatzungsmacht und rechtskonservativen Opportunisten um Syngman Lee (der erste Präsident Südkoreas seit 1948, gestürzt von der Studentenrevolution von 1960) deformierte den politischen Stil und die politische Kultur in Südkorea seit 1945.

Für die Wiedervereinigung gibt es verschiedene Konzepte. Welches ist ihrer Meinung nach das wahrscheinlichste und am ehesten funktionierende? Eine Konföderation aus Nordkorea und Südkorea oder ein geeinigter Staat? 

Dr. Unsuk Han: Eine Konföderation aus Nordkorea und Südkorea wird vor allem von der nordkoreanischen Führung befürwortet. Auch in Südkorea gibt es progressive Intellektuelle, die die stufenweise Vereinigung über eine Konföderation befürworten. Aber ob es in der Tat realisierbar ist, ist eine andere Frage. Die nordkoreanische Führung wird keinen Schritt weiter gehen, wenn dieser Schritt die politische Macht der Führung gefährden wird. Die konservativen Eliten in Südkorea neigen stark dazu, durch die Politik der Stärke das nordkoreanische Regime zum Zusammenbruch zu führen. Diese Konfrontationspolitik wird die politische Legitimation der kommunistischen Diktatur eher verstärken. Wir können viel mehr von der geduldigen Annäherungspolitk durch die liberale Regierung im Süden einen Wandel erwarten (wobei die Aussicht auf einen Regierungswechsel zurzeit gering ist). Wir müssen durch humanitäre Hilfe und enge wirtschaftliche Kooperation allmählich das Vertrauen und die Herzen der nordkoreanischen Landsleute gewinnen. Bei der dann zu erwartenden Legitimationskrise der nordkoreanischen Führung wird die nordkoreanische Bevölkerung für die Vereinigung mit dem Süden stimmen und dafür politisch handeln. Außenpolitisch müssen wir durch eine behutsame Politik zwischen Amerika und China Bedingungen entwickeln, unter denen die koreanische Vereinigung für beide Seiten akzeptabel erscheint. Dies wird ein sehr schwieriges Unternehmen sein, das nur mit voller Unterstützung der Bevölkerung, sowohl der konservativen als auch der progressiven, möglich sein wird. Nur eine solche behutsame Politik kann langfristig Chancen für einen vereinten Staat eröffnen.

Die Wiedervereinigung in Deutschland brachte eine unglaubliche finanzielle Belastung für die BRD mit sich. Bis heute gibt es den Länderfinanzausgleich. Ist die Aufhebung der Teilung für Südkorea wirtschaftlich überhaupt tragbar?

Dr. Unsuk Han: Die finanzielle Belastung wird bei uns viel größer sein, weil der nordkoreanische Bevölkerungsanteil im Vergleich zum Anteil der Ostdeutschen viel größer ist. Auch das Wohlstandsgefälle ist in Korea viel größer. Aber das Finanzierungsproblem wird nicht so gravierend sein wie die Probleme in der sozialen und kulturellen Integration. Außerdem sind die Vorteile viel höher einzuschätzen als die Vereinigungskosten. Die direkte Verbindung zu China als größten Markt in der Welt und Sibirien und Russland, die Verbindung zu Europa auf dem Schienenweg, werden enorme wirtschaftliche Vorteile schaffen. Die reduzierten Verteidigungskosten können wir für die Wohlfahrt verwenden. Großen Schaden durch ideologische Konflikte brauchen wir dann nicht mehr zu befürchten.

Was kann Korea konkret von der deutschen Wiedervereinigung lernen beziehungsweise für sich selbst anwenden? Wie sieht die aktuelle Zusammenarbeit mit Deutschland aus? 

Dr. Unsuk Han: Wir sollten unseren Blick nicht auf den direkten Prozess der deutschen Wiedervereinigung begrenzen, sondern auf die langfristige Entwicklung der deutschen Frage erweitern. Wir müssen immer noch viel von der Politik des Wandels durch Annäherung lernen. Ohne diese langfristige Lernphase wären die Probleme der inneren Einheit viel schwieriger gewesen. Ohne die intensive Pflege der innerdeutschen Politik durch gegenseitige Besuche hätte die Verständigung zwischen Ost und West viel länger gebraucht. Durch diese rege Beziehung konnten viele Ostdeutsche ihren Wunsch nach einer Wiedervereinigung verstärken.

Wir müssen unsere Sozialpolitik weiterentwickeln, damit wir die enormen sozialen Probleme der Massenarbeitslosigkeit nach der Vereinigung meistern können. Ohne ein fortgeschrittenes soziales Netz wäre auch die beispielhafte Auflösung der NVA der DDR kaum denkbar gewesen. Für die enormen Vereinigungskosten spielt das gut entwickelte Finanzkonzept mit dem Länderausgleichssystem eine wichtige Rolle. Auch davon haben wir viel zu lernen.

Die Aufarbeitung der DDR-Vergangenheit durch eine Enquetekommission, die Erinnerungspolitik durch die Errichtung von Gedenkstätten, diverse Museen, die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, die Rehabilitation und Entschädigung der Opfer der SED-Diktatur, die Errichtung von Forschungseinrichtungen wie dem Zentrum für zeithistorische Forschung in Potsdam und die Forschungsförderung durch das BMBF für langfristige Transformationsforschungen – all das sind Mittel und Wege, die insbesondere nach dem Mauerfall großen Anteil an der geglückten Wiedervereinigung haben. Wir können auch von diesem Bereich der Erinnerungskultur viel lernen.

Leider war die deutsch-koreanische Zusammenarbeit zur Beratung für die koreanische Vereinigung bislang oft nicht optimal. Es gab nur sporadisch Besuche aus Korea und bilaterale Konsultationen, aber kaum systematische und dauerhafte Kooperationen. Es existiert kein koreanisches Institut in Deutschland, in dem deutsche Koreaexperten und koreanische Deutschlandexperten gemeinsam zur Vorbereitung auf koreanische Vereinigung Studien erstellen können. Ein Viertel Jahrhundert ist seit der deutschen Wiedervereinigung vergangen. Aber die Kenntnisse über die deutsche Einheit und Gesellschaftstransformation danach und der Aufbau Ost sind in Korea sehr mangelhaft und in vielen Bereichen sehr ungleichmäßig.

Bei uns herrschte lange ein eher negatives Bild über die deutsche Einheit. Erst in den letzten Jahren hat man angefangen, die Gründe für diese Bilder zu thematisieren. Sie haben zu einer stark negativen Haltung und Indifferenz beigetragen. Man sollte demnach von nun an verstärkt auf die positiven Aspekte der deutschen Wiedervereinigung aufmerksam machen.

 

Dr. Unsuk Han (Foto: privat)
Dr. Unsuk Han (Foto: privat)

Dr. Han ist Dozent an der Eberhard Karls Universität Tübingen. Er studierte Geschichte an der Korea University in Seoul und an der Universität Bielefeld. Dr. Han engagiert sich in der Förderung der Zusammenarbeit zwischen deutschen und koreanischen Historikern und Sozialwissenschaftlern. Seine Forschungsgebiete umfassen unter anderem vergleichende Untersuchungen zur Teilung Koreas, dem Kalten Krieg und der deutschen und koreanischen Vereinigung.

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