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Lebenslang

Von Roberta Klaus / 12. April 2016
Credits: Inga Ganzer/ flickr: "Gefängniszelle"; Lizenz CC BY-SA 2.0

Ein Justizvollzugskrankenhaus hat die Aufgabe, die Gesundheit der inhaftierten Patienten zu fördern. Sitzwachen sollen Suizidversuche verhindern.

Die Eingangstür zum Gelände des Justizvollzugskrankenhauses (JVK) Berlin öffnet sich automatisch mit einem leichten Summen. Ich gebe meinen Personalausweis ab und erhalte im Gegenzug eine goldfarbene Karte, in die „JVK Berlin – Besucher 46“ eingraviert ist, sowie einen Schlüssel für ein kleines Schließfach für mein Handy. Auf klar ausgezeichneten Wegen laufe ich in Richtung JVK, rechts flankiert von einem mannshohen Zaun, links von einer Betonwand mit Stacheldraht, der den Blick in den Himmel versperrt.

Es ist kurz vor sechs Uhr, gleich beginnt die Frühschicht. Ich arbeite seit September 2012 neben meinem Medizinstudium als Sitzwache im JVK. Meine Aufgabe ist es, Patienten, die entweder fixiert oder isoliert untergebracht sind, zu betreuen. Mitarbeiter des Nachtdienstes kommen mir entgegen, ein kurzes Kopfnicken, manch einer wünscht „einen ruhigen Dienst“.

Die Empfangsschwester reicht mir meine Unterlagen für den heutigen Tag und entlässt mich in den Aufzug. Ich kann mich im JVK nicht selbstständig fortbewegen, kann weder einen Fahrstuhl bedienen noch die Toilettentür aufschließen.

Diagnose: Anpassungsstörung, Suizidgedanken

Auf der Station erzählt mir ein Pfleger, weswegen der Patient, den ich heute betreuen soll, in Behandlung ist und auf welche Dinge ich achten muss. Die Patienten, die ansonsten ihre Strafe in den Gefängnissen Berlin-Tegel und Berlin-Moabit absitzen, sind aus unterschiedlichen Gründen im JVK: Suizidversuch, Drogen- oder Alkoholentzug, Infektionserkrankungen wie HIV, Hepatitis C und Tuberkulose, Krebserkrankung oder aufgrund eines Unfalls.

Ich bekomme ein internes Telefon. Bei einem Notfall kann ich an einer Strippe am Telefon ziehen. Auf den Gängen befinden sich in engen Abständen Sensoren, die meine Position jederzeit genau bestimmen können.

Heute betreue ich einen Patienten, der während eines Alkoholentzugs geistig verwirrt wurde und zu krampfen anfing. Die Gittertür seiner Zelle ist an die Seite geschoben. Er ist fixiert und schläft mit offenem Mund. Ich benetzte seine ausgetrockneten Lippen mit einem Limonenstick, messe Puls und Blutdruck, achte auf den sich hebenden und senkenden Brustkorb sowie auf die Infusion, die er bekommt.

Heißes Wasser oder Muckefuck?“

Die Art der Unterbringung im JVK ist abhängig vom Zustand des Patienten. Meist sitze ich in einem Vorraum und beobachte den Patienten durch eine Scheibe. Der Patient liegt in einem sogenannten Kriseninterventionsraum. Dort gibt es eine Matratze, Decken, eine Toilette und ein kleines Waschbecken. Der Patient kann durch einen kleinen Schlitz in den Innenhof sehen. Die Türen sind durch zwei massive Riegel und ein Schloss gesichert. Über einen Schlitz in der Tür kann ich mit dem Patienten kommunizieren und ihm Wasser anreichen. Ist der Patient fixiert, sitze ich manchmal im gleichen Raum wie er und kann mich direkt mit ihm verständigen, wenn wir dieselbe Sprache sprechen.

Um halb acht wird das Frühstück ausgeteilt, zum Teil durch Häftlinge, die aufgrund ihres guten Verhaltens mit anpacken dürfen und sich so etwas dazuverdienen können. Die Zellen werden nach und nach geöffnet. „Heißes Wasser oder Muckefuck?“, hallt es durch den Gang. Das Pflegepersonal verteilt die Morgenmedikation.

Die Distanz ist kaum überbrückbar

Ich versuche, Kontakt mit dem Patienten aufzunehmen, der vor mir fixiert im Bett schläft. Durch den Alkoholentzug und die vielen Medikamente wirkt er entrückt. Als ich das Fenster aufmache, wird er vom Windstoß kurz wach, murmelt etwas Unverständliches und schläft weiter. Ich schüttele sein Kopfkissen auf, benetze seine Lippen erneut mit dem Limonenstick und messe die Vitalparameter.

Am späten Vormittag kommt der Stationsarzt und erklärt mir den Zustand des Patienten sowie seine Medikation. Spricht der Patient eine Sprache, derer der behandelnde Arzt nicht mächtig ist, wird ein Dolmetscher hinzugezogen. Bei Fragen des Alltags helfen oft auch Mitpatienten bei der Übersetzung.

Der freie Wille hinter Gefängnismauern

Im Laufe der Zeit habe ich viele unterschiedliche Patienten betreut. Bei manchen, die ich häufiger sehe, ist es unausweichlich, dass sich eine Beziehung entwickelt. Ich erinnere mich an einen suizidgefährdeten Patienten, der mehrere Menschenleben auf dem Gewissen hatte und im JVK auf die Verkündung des Urteils wartete. Er erzählte mir, dass er es als höchst ungerecht empfinde, in seiner Situation nicht darüber entscheiden zu dürfen, ob er leben wolle.

Das JVK hat jedoch die Aufgabe, Leben zu erhalten und Menschen davon abzuhalten, Suizid zu begehen. Dies hat den Hintergrund, dass die Traueraufarbeitung der Opferangehörigen oft leichter ist, wenn sie wissen, dass der Täter verurteilt wurde. Als Sitzwache ist es meine Aufgabe, zu verhindern, dass der Patient sich das Leben nimmt.

Es ist besser, den Patienten zu sehen – nicht den Straftäter

Zu Beginn meiner Tätigkeit wollte ich oft wissen, warum ein Patient im Gefängnis ist. Mittlerweile finde ich, dass es manchmal besser ist, darüber in Unkenntnis zu bleiben, damit ich mich auf den Menschen und seine Nöte konzentrieren kann.

Es ist zwölf Uhr und das Mittagessen wird ausgeteilt. Ich kontrolliere noch einmal den Zustand des Patienten und lese, bis ich um 14 Uhr von der Spätschicht abgelöst werde.

Auf dem Heimweg stelle ich fest, wieviel bunter und intensiver mir das Leben erscheint, wenn ich nach dem Dienst im JVK mit meinem Fahrrad durch die Straßen von Berlin sause und mir die Luft um das Gesicht streifen lasse. Ein schönes Gefühl von Freiheit.

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