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Mehr Geschichte für eine bessere Zukunft

Von Sophie Hubbe / 21. August 2014
Julia Kneuse ©

Die Beschäftigung mit der Geschichte ist wichtig für unsere Gesellschaft. Das Interesse an dem Vergangenen hat stark zugenommen. Dennoch sind die Berufsaussichten für Historiker nach wie vor mau. Bereits der britische Staatsmann Winston Churchill wusste um die Bedeutung der Geschichte für die Zukunft. Er sagte einmal: „Je weiter man zurückblicken kann, desto weiter wird man […]

Die Beschäftigung mit der Geschichte ist wichtig für unsere Gesellschaft. Das Interesse an dem Vergangenen hat stark zugenommen. Dennoch sind die Berufsaussichten für Historiker nach wie vor mau.

Bereits der britische Staatsmann Winston Churchill wusste um die Bedeutung der Geschichte für die Zukunft. Er sagte einmal: „Je weiter man zurückblicken kann, desto weiter wird man vorausschauen.“ Wir lernen aus den Fehlern unserer Vorfahren und profitieren von Erfahrungen, die Generationen vor uns gesammelt und weiter gegeben haben.

Neben der großen Weltgeschichte sind es vor allem auch die kleinen privaten Erinnerungen, die das Vergangene so reizvoll und interessant machen. Wer schon einmal den hauseigenen Dachboden oder alte Kleiderschränke seiner Großeltern durchstöbert hat, weiß, wovon die Rede ist.

Ob Feldpostbriefe aus dem Zweiten Weltkrieg oder Fotoalben der Vorfahren: Das Schwelgen in Erinnerungen lässt uns nicht los. Neben Hobbyhistorikern gibt es auch Menschen, die professionell auf den Spuren unserer Ahnen wandeln.

Zwischen Knochenjägern und Archivarbeit

Ob man als Journalist für ein historisches Fachmagazin schreibt oder als Historiker die Unternehmensgeschichte von Autokonzernen aufarbeitet – die Nachfrage nach und das Interesse an der Geschichte steigt.

Schaut man sich die Einschaltquoten von Fernsehproduktionen wie „Unsere Mütter, unsere Väter“ über den Zweiten Weltkrieg an, wird deutlich, wie gefragt sogenannte Historienfilme geworden sind. Ohne die Unterstützung und Mitarbeit von ausgebildeten Historikern wären diese Filme allerdings kaum so authentisch und wirklichkeitsnah.

Auch die Arbeit von Stadt- und Landesarchiven genießt ein immer größeres Interesse. Seien es die eigenen Stasi-Akten oder Dokumente über die Dorfkirche – der starken Nachfrage können die Archive schon lange nicht mehr nachkommen. Während es an Subventionen seitens der Regierung mangelt, bleiben die Berufsaussichten für Historiker schlecht.

Dennoch hat sich die Berufsspanne enorm geweitet, vor allem auch, weil es kein klar umrissenes Berufsfeld gibt. Viele Historiker arbeiten fachfremd, beispielsweise in der Politikberatung, der Werbung, für Verlage, Stiftungen, Verbände und in der Pressearbeit.

Das Team der Zeitreise-Manufaktur: v.l. Reiner Trautmann, Benjamin Kant, Andreas Weidinger (Foto: Zeitreise-Manufaktur)
Das Team der Zeitreise-Manufaktur: v.l. Reiner Trautmann, Benjamin Kant, Andreas Weidinger (Foto: Zeitreise-Manufaktur)

Agentur für Geschichte

Vielen Historikern fällt es schwer, in die Arbeitswelt einzusteigen. Laut einer Studie des Hochschul-Informations-Systems schaffen nur etwa ein Drittel der Absolventen innerhalb eines Jahres den Berufseinstieg.

Vier Magdeburger Historiker und Pädagogen sind dem steigenden Bedürfnis nach Geschichtswissen auf innovative Art und Weise nachgegangen und haben die „Zeitreise-Manufaktur – Agentur für Geschichte und Kult(o)ur“ gegründet. „Jobs und Zukunftsaussichten sind im historischen Bereich immer noch eher rar gesät und werden durch den Sparzwang der Länder und Kommunen insbesondere in den Bereichen Bildung und Kultur sogar oft noch geringer“, sagt Mitgründer Benjamin Kant.

„Deshalb haben wir uns zusammen gefunden und gemeinsam überlegt, in welchen Bereichen wir tätig werden könnten.“ Kant und sein Team wollen Geschichte auf anschauliche und alternative Art und Weise aufbereiten, darstellen und vermitteln. Sie möchten als eine Brücke zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit fungieren. „Wir wollen dazu beitragen, das Interesse an der Geschichte zu wecken und einen bewussteren Umgang mit Geschichte zu fördern“, erklärt Kant.

Das Angebot der Zeitreise-Manufaktur ist vielfältig und beinhaltet unter anderem die Konzipierung und Koordinierung von Ausstellungen sowie die Organisation von Workshops und Events zu Geschichte, Kultur und historisch-politischen Themen.

Besonders beliebt ist das Geocaching mit kulturgeschichtlichen Themenschwerpunkten. Ob an alltäglichen Plätzen oder Erinnerungsorten – die moderne Schnitzeljagd mit Hilfe von GPS-Geräten schafft es, historisches Wissen spielerisch zu vermitteln und Menschen mit einem ganz anderen Blick ein Gelände oder eine Stadt erkunden zu lassen.

Warum aber sich überhaupt mit Geschichte auseinandersetzen? Susanne studiert den Masterstudiengang „Europäische Kulturgeschichte“ an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg und zitiert Kurt Tucholsky: „Wer die Enge seiner Heimat begreifen will, der reise. Wer die Enge seiner Zeit ermessen will, der studiere Geschichte.“ Das Interesse an der Geschichte war bei Susanne schon in der Kindheit vorhanden. Indianer Jones habe sie dazu inspiriert, Archäologin zu werden.

„Für mich ist die Geschichte mit das Wichtigste, um zu begreifen, zu lernen und dann vielleicht etwas besser machen zu können“, sagt Susanne. „Wenn man seine Vergangenheit nicht kennt, kann man seine Zukunft nicht gestalten.“

Zwischen Anspruch und Unterhaltung

Geschichtswissen wird an die breite Gesellschaft heutzutage vor allem über Computerspiele und Filme vermittelt. Wissenschaftlicher Anspruch und Unterhaltungswert konkurrieren dabei miteinander. Dieses Spannungsverhältnis ist eine Herausforderung, findet Kant. „Es findet eine intensive mediale Verbreitung populärer Geschichtsdarstellungen statt, die von einer Vielzahl von Menschen konsumiert wird“, so Kant.

„Denn Geschichte hat Unterhaltungswert und bringt gute Quoten.“ Vielen Menschen fehle jedoch die Bereitschaft, sich intensiv mit spezifischen Aspekten der Vergangenheit zu beschäftigen und eigene Sichtweisen zu entwickeln. „Das ist ein anstrengender Prozess, der wahres Erkenntnisinteresse und Kritikfähigkeit voraussetzt“, sagt Kant. „Das vielfach postulierte ‚Lernen aus der Geschichte‘ verliert an gesellschaftlicher Relevanz.“

Dennoch: Dem grundsätzlichen Interesse an Geschichte sollte mit professionellen Angeboten entgegengetreten werden. Diese Angebote können allerdings auf gute Historiker nicht verzichten.

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