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Moraldebatte

Von Timotheus Tiger / 22. April 2013

Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Richtig. Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Auch korrekt. Im Steuerfall Uli Hoeneß stelle ich fest: Das Glas hat er selbst mutwillig zerstört. Also werfen wir auch mal ein bisschen. Und erstmal nicht gegen ihn. Vorweg: Wie jeder aufgeklärte Mensch und Verteidiger der demokratischen […]

Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein. Richtig. Wer im Glashaus sitzt, soll nicht mit Steinen werfen. Auch korrekt. Im Steuerfall Uli Hoeneß stelle ich fest: Das Glas hat er selbst mutwillig zerstört. Also werfen wir auch mal ein bisschen. Und erstmal nicht gegen ihn.

Vorweg: Wie jeder aufgeklärte Mensch und Verteidiger der demokratischen Grundordnung habe ich meine Probleme mit Bayern München. Daher nahm ich die ersten Meldungen über die Steueraffäre Hoeneß und seine Selbstanzeige, veröffentlicht im Mitteilungsblatt des FC Bayern, mit – sagen wir: mäßiger Bestürzung auf.

Gut, ich will ehrlich sein: In diesem Moment sitze ich mit einem Glas Münchner Wodka vor einem Berg Sonntagspresse, den ich mit großem Genuss lesen wollte. Ich war gespannt, was die Sportjournalisten und Edelfedern aus der Affäre machen würden. Mehr Steilvorlagen als Uli Hoeneß kann man für eine solche Story nicht liefern.

WELT ONLINE, dpa und andere stellten die schönsten verbalen Schuhplattler des Bayern-Präsidenten zusammen:

„Es ist doch unklug, solche Dinge zu machen, denn irgendwann kommt doch immer alles heraus. Und es kann doch nicht der Sinn der Sache sein, ins Gefängnis zu wandern, nur um ein paar Mark Steuern zu sparen.“ (Uli Hoeneß, 2002, auf die Frage nach Schwarzgeld-Fällen in der Bundesliga)

„Ich weiß, dass das doof ist. Aber ich zahle volle Steuern.“ (Uli Hoeneß, 2005)

„Natürlich will ich Erfolg, aber nicht um jeden Preis. Wenn es um Geld geht, muss man auch mal zufrieden sein.“ (Uli Hoeneß, 2011)

Und dann ist da noch der Fall Christoph Daum. Der sollte nach der EM 2000 neuer Bundestrainer werden, was Uli Hoeneß nachhaltig nicht gefiel. Legendär sein Call-in beim FC-Bayern-Fernsehen. Mit sich mehrfach überschlagender Stimme legte Hoeneß nahe, dass es sich bei Christoph Daum um einen drogenabhängigen Irren handle, der sich anschicke, eines der höchsten deutschen Staatsämter zu erklimmen. Und das in einer der moralisch saubersten Instanzen neben dem Bundesverfassungsgericht, nämlich dem DFB. (Das sagte Hoeneß nicht, ist aber trotzdem witzig.) Fein zurecht gelegt auch die Pointe seines Anrufs: Was denn die Kinder denken sollten, wenn man sowas einfach hinnehme.

Noch spannender ist in diesem Zusammenhang – und deshalb erwähne ich die Geschichte – wie Hoeneß selbst in einem Fernseh-Interview im Jahr 2009 auf seinen Telefonangriff zurückblickte: „Wenn Christoph Daum nicht so bescheuert gewesen wäre, eine Haarprobe zu machen, hätte ich dieses Spiel nie gewinnen können.“

Darf ich das mal eben übersetzen? Hoeneß gesteht damit ein, dass er NICHTS in der Hand hatte bis auf einen persönlichen Verdacht. Und dass er auf dieser Basis mit seiner Moralinsäure-Attacke Ruf und Existenz von Christoph Daum in den Keller ätzte – das war: ein „Spiel“?!

Der langjährige Manager und jetzige Präsident des FC Bayern stand bei mir seit diesem Telefonat unter einem gewissen Vorbehalt, er saß quasi in einem Glashaus mit mindestens fünf hintereinander liegenden Fensterfronten. Dreizehn Jahre nach Hoeneß’ Telefonat war ich gespannt auf die Abrechnung und den satten medialen Aufprall bei einer rekordmeisterlichen Fallhöhe.

Es ist aber nur leider nichts passiert. Der Sport-Aufmacher in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung lacht dem mehrfach und zu Recht ausgezeichneten Ressort Hohn. Und gäbe es nicht Sylvia Schenk von Transparency International, hätte es an diesem Wochenende vermutlich überhaupt keine kritischen Stimmen gegeben. Sieht man von der SPD ab, die von der nachgerade symbiotischen Beziehung zwischen FC Bayern und der CSU zu profitieren hofft. (Die taz erinnert heute an Bayerns ehemaligen Finanzminister und späteren CSU-Chef Erwin Huber. Der hatte in den 70er-Jahren wegen Ermittlungen gegen Franz Beckenbauer interveniert: „Franz, wenn was ist, nur melden.“)

Ich werde mir dieses Jahr wohl zum ersten Mal ansehen, wie der FC Bayern samt Uli Hoeneß auf dem Münchner Rathausbalkon die deutsche Meisterschaft feiert, eingeleitet von einer kurzen Ansprache durch Münchens OB Christian Ude. Seines Zeichens überzeugter 1860-er und zudem Spitzenkandidat der Bayern-SPD bei der Landtagswahl im Herbst.

Die sonst sehr selbstbewussten Sportjournalisten legten sich kaum fest. Keine wirklich scharfen Worte, keine eigenen Recherchen. Zu Recht verwiesen einige Redakteure darauf, dass noch lange nicht alle Fakten bekannt sind. Viele schrieben auch, zum jetzigen Zeitpunkt könne man nur eine moralische Debatte führen.

NUR? Es mag am Wodka liegen oder einer gewissen emotionalen Vorbelastung. Aber wie groß muss die Angst vor der Macht-Instanz Bayern München im allgemeinen und Uli Hoeneß im besonderen sein, wenn an einem Wochenende – und damit in der Hoch-Zeit der analytischen Presse – diese Moraldebatte NICHT deutlich hörbar angepfiffen wird?

Die Argumente hat Hoeneß selbst schließlich frei Haus geliefert, zuletzt auch in einer Banker-Schelte zu Spekulationsgeschäften: „Für was aber brauchen Banker Schweinebäuche?“

Günther Jauch änderte am Sonntag kurzfristig das Thema der Sendung und titelte mit „Der Fall Uli Hoeneß“. Nächster Aufprallpunkt ist der kommende Donnerstag. Ich bin gespannt auf den „stern“ und auf den BUNTE-Titel „Susanne Hoeneß: Wie sie jetzt ihrem Mann beisteht“.

Und vielleicht hat bis dahin auch wieder jemand Dienst, der mit Leidenschaft auf den Platz geht.

An die Tasten, Freunde!

[Bild: By Александр Корчик, via Wikimedia Commons]

Eine Antwort zu “Moraldebatte”

  1. Von Alain Gobbo am 27. April 2013

    Ich finde es abscheulich was die Deutsche Öffentlichkeit mit Uli Hoeness veranstaltet!!! Ob, dies nun Private Menschen , oder ob es Politiker sind die jetzt auf Hoeness einhauen und durch die Schlammschlacht gegen Hoeness, sich Mehrstimmen bei der nächsten Bundeswahl erhoffen.
    Hoeness ist kein SteuersÜnder im rechtlichen Masse. Das angesprochene Geld war kein Deutsches Geld, kommt von Dreyfuss einem Franzosen, war nur in der Schweiz deponiert und wenn Er dann mit dem Geld seines Franz- Freundes in der Schweiz Gewinn macht, dann hat die deutsche Steuer da gefälligst den Mund zu halten. Basta!“

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