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Muslime dieser Welt

Von Lale Akgün / 20. August 2013

In Ägypten eskaliert die Gewalt. Augenzeugenberichte und andere Beweise, die Amnesty International nach eigenen Angaben in Kairo gesammelt hat, belegen, wie brutal die ägyptischen Sicherheitskräfte in den vergangenen Tagen gegen Protestierende vorgingen. Sie machten laut Amnesty keinen Unterschied zwischen gewalttätigen und gewaltlosen Demonstrierenden. Die brutale Gewalt am Nil führt in islamischen Verbänden in Deutschland zu bedenklichen […]

In Ägypten eskaliert die Gewalt. Augenzeugenberichte und andere Beweise, die Amnesty International nach eigenen Angaben in Kairo gesammelt hat, belegen, wie brutal die ägyptischen Sicherheitskräfte in den vergangenen Tagen gegen Protestierende vorgingen. Sie machten laut Amnesty keinen Unterschied zwischen gewalttätigen und gewaltlosen Demonstrierenden.

Die brutale Gewalt am Nil führt in islamischen Verbänden in Deutschland zu bedenklichen Polarisierungen, wie unsere Bloggerin Lale Akgün feststellt:

 

Am 16. 08. schrieb  Rainer Hermann in seinem Kommentar in der FAZ zur Situation in Ägypten:

 „Unversöhnlich stehen sich zwei Lager gegenüber: Islamisten und Säkulare. Demokraten im westlichen Sinn sind beide Gruppen nicht. Die Islamisten, die in der Gesellschaft fest verankert sind, verwechseln Demokratie mit der Herrschaft der Mehrheit über eine Minderheit. Die Säkularen sind in der Unterzahl und akzeptieren Wahlergebnisse nur, solange sie in ihrem Sinne sind. Andernfalls billigen sie einen Putsch.“

Eine kurze, aber präzise Analyse, die zwangsläufig zu der Frage führt, wieviel Demokratie in der kurzen Zeit des arabische Frühlings überhaupt erreicht werden konnte, und ob wir  als Europäer  viel zu viel von unseren Vorstellungen in den arabischen Frühling hinein projiziert haben? Und  wirken unsere Vorstellungen von Demokratie und Menschenrechten nicht seltsam naiv,  angesichts der gegenseitigen Gewalt und Machtverbissenheit? Beide Seiten (nein eigentlich alle) reden von Demokratie in Ägypten, aber von Implementierung ist nichts zu sehen und zu spüren: beiden Seiten ging und geht es offensichtlich um Macht und Machterhalt. Dafür sind sie bereit, über Leichen zu gehen.

Somit kann man auch nicht mehr von einer Opfer-  und einer Tätergruppe sprechen; Gewalt ist zirkulär und alle, Säkulare und Islamisten sind Täter und Opfer zugleich.

Die Muslimbrüder bringen naturgemäß den Glauben ins Spiel, aber wie wenig das nutzt und  wie wenig die Situation in Ägypten  mit dem Islam zu tun hat, wird  dadurch nochmal deutlich, dass Saudi Arabien und die Golfstaaten sich auf die Seite des Militärs  geschlagen haben.

Es geht  in Ägypten eben nicht um den Islam,  oder die Macht des Islam, wie die Muslimbrüder gerne ihren Anhängern einreden wollen; es geht einzig und allein um die Macht durch den Islam. Religion ist ein  besonders gutes Vehikel, mit dem  man Menschen fanatisieren kann. Besonders gut gelingt das  in einem Land wie Ägypten, weil hier die Analphabetenquote 50% beträgt.

Kurzum: in Ägypten haben wir alle Symptome einer defizitären Demokratie und angesichts der politischen und wirtschaftlichen Entwicklung ist es nicht zu erwarten, dass es in nächster Zeit besser werden wird.

Das scheint sich allerdings nicht bis nach Deutschland durchgesprochen  zu haben, denn  einige islamische Organisationen hier bei uns werden nicht müde, sich in Namen der Demokratie auf die Seite der Muslimbrüder zu schlagen, sie als Opfer darzustellen und die Wiedereinsetzung von Mursi zu verlangen.

So in einer Presseerklärung von Milli Görüs  vom 15.08: „Die blutigen Übergriffe auf Demonstranten, die auf friedliche Weise für mehr Demokratie protestieren, sind nicht hinnehmbar“, sagte Kemal Ergün, Vorsitzender der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG). und weiter „Aus diesem Grund muss der rechtmäßig gewählte Präsident Muhammad Mursi sein Amt wieder aufnehmen und somit dem Willen des Volkes entsprochen werden.“

DITIB ihrerseits unterstreicht in ihrer Pressemitteilung, (ebenfalls vom 15.08) die Forderung verschiedener internationaler Organisationen nach dem Ende der Gewalt (wer täte das nicht!), schreibt aber dann weiter: „Protest hingegen, der nur mit leiser Stimme daherkommt und nicht wirklich aufrichtig gemeint ist, wird bei den Betroffenen und den Muslimen der Welt nur den Eindruck erwecken einer Zustimmung zu den Massakern. Eine nach den Regeln der Demokratie und in freien Wahlen gewählte Regierung sollte nur in ebenso demokratischen und freien Wahlen wieder wechseln, damit nicht noch mehr Blut fließt und nicht etwa die Gefahr eines Bürgerkriegs heraufbeschworen wird.“

Zwei Dinge sollte man hier vielleicht klar stellen, damit nicht nur „bei den Muslimen in der Welt“, sondern auch in Deutschland kein falscher Eindruck entsteht;

Erstens: der Eindruck, in Ägypten würden „Ungläubige“ gegen „Muslime“ kämpfen, stimmt nicht. Nein, Täter und Opfer sind zumeist Muslime, und es gibt auch Kopten, die in diesen Wirren ihr Leben verloren haben. Es ist kein Religionskrieg, der in Ägypten stattfindet, es ist ein politischer Kampf zwischen den Anhängern verschiedener Ideologien.

Zweitens: sowohl Milli Görüs als auch DITIB  vertreten offensichtlich die  Meinung  und die Position Ankaras in diesem Konflikt und das   mitten in Deutschland.

Es ist die politische Entscheidung Ankaras, sich in Ägypten auf die Seite der Muslimbrüder zu schlagen. Das ist türkische Außenpolitik und ich habe das nicht zu kommentieren.

Aber ich habe es zu kommentieren, wenn islamische Organisationen in Deutschland in die gleiche Kerbe schlagen wie Ankara  und hier unter den Muslimen die Stimmung aufheizen.

Ich habe es auch nicht zu kommentieren, wenn – wie am letzten Freitag in vielen Moscheen in der Türkei  geschehen – in Abwesenheit der Toten das Totengebet für die toten Muslimbrüdern in Ägypten gelesen wird und der Sohn des MP Erdogan daran teilnimmt;

Ich möchte aber  gerne wissen, welche Freitagspredigten im Moment aus Ankara in die Moscheen nach Deutschland versandt und hier vor den gut(gläubigen) Muslimen gehalten werden.

Jeder politisch denkende Mensch hat die Pflicht, sich mit den  Vorgängen in Ägypten und im gesamten arabischen Raum auseinander zu setzen; niemand hat aber das Recht, den Machtkampf am Nil in die Vorstädte Deutschland  in die Gemeinden der Migranten zu tragen.

 

Foto mit freundlicher Genehmigung von shutterstock.com

4 Antworten zu “Muslime dieser Welt”

  1. Von pressefuchs am 21. August 2013

    Sehr provokant, aber sehr gut geschrieben. Kompliment, Frau Akgün. Sie legen den Finger in eine Wunde, die die Mainstream Öffentlichkeit gar nicht sieht. Ich finde es sehr gut, wie sie mit Tabus umgehen, sie brechen, ohne pauschal zu werden. „Muslime töten Muslime“ Diese traurige Wahrheit nehme ich aus ihrem Blog mit. Und: „Es geht nicht um den Islam“. Es „geht um die Macht durch den Islam“. Klasse. Danke.

  2. Von Leo Brux am 21. August 2013

    Ich teile die Sicht von Lale Akgün nicht in jeder Hinsicht.

    1. Man muss kein Anhänger der Muslimbrüder sein und Mursi nicht für einen Demokraten halten, wenn man darauf hinweist, dass er der legitim gewählte und regierende Präsident Ägyptens war, und dass der Putsch nun Massaker an denen nach sich zieht, die verständlicherweise gegen das Putschregime protestieren. Es ist eine Schande, wie die westlichen Regierung darauf reagiert haben und immer noch reagieren. – In diesem Punkt sind wir noch nicht weit auseinander, aber im nächsten:

    2. Dürfen die Islamverbände das, was ich unter 1. formuliert habe, nicht zum Ausdruck bringen? Dürfte etwa die katholische Kirche nicht auch in Predigten und Presseveröffentlichungen zum Beispiel die Kopten in Ägypten in Schutz nehmen, wenn diese Opfer von Übergriffen einer islamistischen Politik würden? – Ich denke, Kirchen und Religionsgemeinschaften haben das Recht, sich auch zur Politik zu äußern – dort, wo sie direkt betroffen sind. Sie dürfen ihre politische Meinung zu sagen. Ich erwarte das sogar von ihnen.

    3. Problematisch ist natürlich, dass DITIB institutionell so mit der AKP-Regierung verbunden ist, dass sie zum bloßen Sprachrohr werden kann – und wird. Das ist nun weniger problematisch in puncto Ägypten als in puncto Erdogan. Erdogan hat Gewaltenteilung für die Türkei als schädlich bezeichnet (er lehnt also Demokratie grundsätzlich ab); er hat sich für uns und international unmöglich gemacht durch seine irren Verschwörungstheorien, mit denen er alles, was gegen seine Wünsche läuft, erklärt; er unterdrückt immer massiver die Pressefreiheit. Wenn sich DITIB (oder Milli Görüs) daran binden, dann stimme ich Lale Akgün zu: Die deutsche Politik muss zu Islamverbänden großen Abstand halten, die eine so offen antidemokratische Politik verteidigen.

    Ich bin etwas großzügiger als Lale Akgün und würde den Verbänden noch etwas Zeit geben, sich ihre Position zu Erdogan genau zu überlegen.

  3. Von MIGRATION AKTUELL 19 (22.08. – 26.08.2013) am 26. August 2013

    […] Sie war einmal eine profilierte Bundestagsabgeordnete – kritisch gegenüber den deutschtürkischen Islamverbänden. Jetzt schaut sie sich deren problematische Verhältnis zu Erdogan und zu den Muslimbrüdern an und moniert, dass hier über die Religion (und die AKP-Regierung) die politische Stimmung angeheizt wird. – sagwas […]

  4. Von Andre am 2. September 2013

    Als Bürger Deutschlands, egal welcher Religion man anhängt, hat man mit den Vorgängen in diesen Ländern doch gar nichts zu tun. Dem deutsche Islam ist der ägyptische Islam so fremd wie die deutsche Demokratie der ägyptischen Demokratur. Es wird also gezielt versucht den Sozialvertrag zu unterminieren, den Migranten mit unserem Land geschlossen haben, und orientale Traditionen zur Leihidentität von desorientierten Migranten zu machen. Das hat dann oft was Komisches.

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