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Nach Corona: Heimatland gleich Urlaubsziel?

Von Sophia Hörhold / 10. Juli 2024
picture alliance / Westend61 | Vira Simon

Rügen statt Südseeinsel, Städtetrip nach Hamburg statt nach Barcelona, Klettern in der Fränkischen Schweiz statt auf Korsika. Durch die Pandemie wurden wir alle zu Fans vom Reisen im eigenen Land. Doch was ist 2024 vom neu entdeckten „Reiseziel Heimat“ übriggeblieben?

Deutschland, Sommer 2020: Coronavirus und Infektionsschutz zwangen uns seit Monaten weitreichende Reisebeschränkungen auf, vor allem im internationalen Luft- und Schifffahrtsverkehr. Auslandsreisen waren meist mit viel Aufwand und Quarantäne verbunden.

Die Lösung: „Wenn wir nicht raus können, dann machen wir eben hier Urlaub“. Die eigene Heimat als Urlaubsziel haben viele dabei ganz neu entdeckt. Und auf einmal wurde vielfach festgestellt, was für schöne Ecken die Bundesrepublik zu bieten hat. „Urlaub in Zeiten von Corona: Ist Nordsee besser als Südsee?“ fragte die WELT im Juli 2020 und der ADAC gab unter dem Titel „Entspannt Reisen in Deutschland trotz Corona“ eine Liste mit Tipps für inländische Reiseziele heraus. Tatsächlich haben 2020 laut einer ADAC-Studie über die Hälfte der Deutschen Urlaub im eigenen Land gemacht.

Die neue Leidenschaft für alle Pandemiegeplagten? Camping! Bereits 2020 stieg die Nachfrage an Campern so sehr, dass es zu Lieferschwierigkeiten in der Produktion kam, wie der Spiegel berichtete. Im Frühjahr 2021 wurde das Rekordhoch sogar noch gesteigert. 45.000 Euro gaben Campingversessene im Schnitt für ein gebrauchtes Wohnmobil aus. Wer es besonders ernst meinte, baute eigenhändig einen alten Transporter um. Das lieferte ein neues Hobby für langweilige Stunden in der nächsten Ausgangssperre gleich mit.

Camping mit Verfallsdatum

Aber was ist vier Jahre später daraus geworden? Die oben zitierte ADAC-Studie aus dem letzten Jahr zeigt: Während von Januar bis Oktober 2020 über die Hälfte (56 Prozent) der Deutschen ihren Urlaub im eigenen Land verbrachten, waren es 2022 nur noch 45 Prozent. 2019, sprich vor Corona, waren es 35 Prozent. Im Vergleich zu der Zeit vor der Pandemie war also ein leichter Anstieg zu verzeichnen, aber bereits zwei Jahre nach Ausbruch des Virus sind die Werte schon wieder deutlich zurückgegangen.

Ebenfalls dem ADAC zufolge war Deutschland 2022 (23,5 Prozent) als Urlaubsziel noch Spitzenreiter bei den Deutschen, dicht gefolgt von Italien (21,2 Prozent). Den dritten Platz teilen sich Kroatien (12,5 Prozent) und die Türkei (12,2 Prozent) nahezu.

Das deckt sich auch mit den Zahlen des Flugverkehrs. Laut Statista hatte sich 2020 der Anteil der Luftfahrt am Personenverkehr um mehr als zwei Drittel verringert, auf zwei Prozent. Inzwischen hat sich dieser Wert wieder mehr als verdoppelt, Tendenz steigend. Die Höchstwerte von vor der Pandemie haben wir zwar noch nicht wieder erreicht, aber wir befinden uns auf dem besten Weg dahin.

Eine Folge ist, dass die Wohnmobile wieder billiger werden. Dem Verkaufsportal Caravanmarkt24 zufolge würden „die gängigen Online-Marktplätze von Angeboten sowohl von Händlern als auch von Privatpersonen überflutet“. Junge Gebrauchtfahrzeuge verzeichnen dabei einen besonders hohen Wertverlust. Sprich: Viele derer, die sich in den letzten Jahren einen Camper angeschafft haben, wollen ihn jetzt wieder loswerden.

Warum in die Ferne schweifen?

Doch ganz so einfach ist es nicht. Statista verzeichnete für 2023 erneut einen Anstieg der Reisen in deutsche Gebiete. Dabei hätte man vermuten können, dass nach dem Zwangsurlaub im eigenen Land alle wieder weit weg wollten, als die Beschränkungen endlich aufgehoben wurden, dann aber gemerkt haben, dass es gar nicht immer eine Fernreise sein muss. Auf den zweiten Blick sind hier mehrere Faktoren ausschlaggebend.

Bereits 2017 veröffentlichte Statista eine Studie unter dem Titel „Die Deutschen reisen am liebsten im eigenen Land“. So eine neue Entdeckung ist das eigene Heimatland als Reiseziel also keineswegs. Außerdem ist Corona nicht die einzige Krise, die wir in den letzten Jahren durchlebt haben. Kriege, gestiegene Heizkosten und Inflation wirkten und wirken sich auf unsere Reisepläne aus. Viele Deutsche müssen sparen – immer noch. Und Flugreisen in ferne Ländern sind teurer als ein Wanderurlaub in der Sächsischen Schweiz. Die Zahl der Personen, die überhaupt keine Reise von mehr als fünf Tagen unternahmen, lag 2022 in Deutschland bei 32 Prozent, was laut Statista ebenfalls als Spätfolge der Pandemie zu werten ist.

Und dann: die Klimakrise. Spätestens seit Fridays for Future machen sich mehr Menschen um ihren CO2-Fußabdruck und Nachhaltigkeit Gedanken. So sind Reiseziele, die man mit dem Auto oder Zug erreichen kann, weiterhin beliebt. An die Nordsee oder in den Schwarzwald kommt man eben auch mit der Bahn. Für langfristige Prognosen ist es aber noch zu früh. Es bleibt abzuwarten, ob aus dem „Trend Heimaturlaub“ eine neue Reisegewohnheit der Deutschen wird oder ob wir uns an den heimischen Bergen, Flüssen und Seen irgendwann wieder sattgesehen haben werden und es uns wieder in die weite Welt zieht. Beziehungsweise: Was macht ihr so diesen Sommer?

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