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Nasreddin legt den Finger in die Wunde

Von Sophie Hubbe / 24. Juli 2017
Credits: Pixabay/ Logga Wiggler; Lizenz CC0

Er gilt als gleichsam weise, unterhaltsam und provokativ: Die Geschichten des Nasreddin Hodscha gehören zur türkischen Kultur wie die Narrenkappe zu Till Eulenspiegel. Sie zeigen per Satire Missstände auf.

Eines Tages ging Nasreddin über den Basar, als er aus einer Gasthausküche Schreie hörte. Der Wirt schimpfte: „Dieser Landstreicher hat einen Fladen aus der Tasche geholt und diesen solange über meinen Bratspieß gehalten, bis er nach Fleisch roch. Und jetzt zahlt er nicht.“ Nasreddin forderte den Bettler auf, sein Geld rauszuholen. Er schüttelte dessen Faust mit den Münzen und sprach zum Wirt: „Er hat den Duft deines Bratens gerochen und du hast den Klang seines Geldes gehört. Jetzt seid ihr quitt!“

Es sind Geschichten wie diese, die Menschen vom Balkan bis zu den Turkvölkern Zentralasiens zum Schmunzeln bringen. Obwohl die Geschichten des Nasreddin Hodscha, wie die Figur in der Türkei genannt wird, mehrere hundert Jahre alt sind, kennt sie auch heute noch jedes Kind. Regelmäßig finden Hoca-Nasreddin-Festivals statt, auf denen seine Anekdoten bühnenreif inszeniert werden. Der verschmitzte Nasreddin soll um das 13. oder 14. Jahrhundert im südwestlichen Teil Anatoliens gelebt haben. Zwar existieren historische Urkunden und ein Mausoleum mit seinem Namen, ob es ihn wirklich gegeben hat, ist aber fragwürdig. Sein Mythos jedenfalls lässt sich aus der türkisch-islamischen Kultur nicht wegdenken. Zu bedeutsam sind die Lehren, die er teilt, zu unterhaltsam seine Erzählkunst.

Der türkische Eulenspiegel

In Deutschland lässt sich Nasreddin wohl am ehesten mit der Figur des Till Eulenspiegels vergleichen. Er soll als umherstreifender Narr Anfang des 14. Jahrhunderts gelebt und die Menschen mit Streichen und Witzen unterhalten haben. Dabei nutzte der Schelm sprichwörtliche Redewendungen, um seine Mitmenschen bloßzustellen und Missstände in der Gesellschaft anzusprechen. Auch über Eulenspiegel gibt es eine Geschichte, bei dem er nach langem, hungrigen Warten auf sein Essen schließlich sein Brot im Geruch des Bratens tränkt. Als ihn der Wirt daraufhin auffordert zu bezahlen, weigert sich Eulenspiegel und sagt: „So viel Euch der Klang des Pfennigs hilft, soviel hilft mir der Geruch des Bratens in meinem Bauch.“

Der Chefredakteur der Europaausgabe der türkischen Tageszeitung Hürriyet, Celal Özcan, hat in einem zweisprachigen Buch die besten Geschichten von Nasreddin Hodscha zusammengestellt. Er ist sich sicher, dass jeder Türke mindestens einen „Schwang des tapferen Alltagshelden, Schlitzohrs und Querdenkers“ kennt. In dem Buch beschreibt er den Hodscha als einen islamischen, mittelalterlichen Gelehrten, der mit einem viel zu großen Turban auf dem Kopf verkehrt herum auf einem Esel reitet. Er sei schlagfertig, witzig, unkonventionell und zuweilen respektlos. Er fühle unbequemen Themen des Alltags auf den Zahn und zeige feiges sowie aufrichtiges Verhalten der Gesellschaft auf. Dabei gehöre es zu seinem Wesensmerkmal, dass Nasreddin konsequent Tabus breche und sich über Konventionen und Gesetze hinwegsetze.

So viel Euch der Klang des Pfennigs hilft, soviel hilft mir der Geruch des Bratens in meinem Bauch.

Die 27 Jahre alte Merve Akal aus Hamburg kennt Nasreddin aus ihrer Kindheit. Wie auch vielen anderen türkischstämmigen Kindern haben Merves Eltern Geschichten des Hodschas vorgelesen. Am stärksten ist der Kunstgeschichtsstudentin die Geschichte „Iss mein Pelz, iss!“ in Erinnerung geblieben. Diese beschreibt, wie sehr Geld und Statussymbole sich auf das soziale Leben auswirken. „Nasreddin Hodscha lebte in einer Zeit, in der es schwierig war, Kritik zu üben. Stets drohte die Gefahr, den Kopf durch den Henker des Sultans zu verlieren“, so Akal. Daher habe Nasreddin „gesellschaftliche Kritik ganz sachte, gleichsam mit Samthandschuhen, ausgeübt“, erklärt sie.

Satire gehört zum Islam

Die Figur des Nasreddins zeigt, dass Witz und Satire zur Geschichte des Islams gehören. Dennoch betonen Literaturwissenschaftler in der Türkei, dass Nasreddin oft falsch verstanden und als einfacher Komiker abgetan werde. Auch der in Deutschland lebende Cihan Sügür, Sprecher des Bündnisses Muslime in der Union, sieht in Nasreddin mehr als einen Spaßvogel: „Nasreddin Hodscha ist für mich die Personifizierung des türkisch-islamischen Weisen. Er ist die illustre Figur Anatoliens.“ Seiner Meinung nach sind die Erzählungen Nasreddins gerade auch für viele Erwachsene eine Richtschnur für Weltanschauung, Respekt, Witz, Kunst, aber auch Kritikfähigkeit.

Eine solche Bedeutung scheinen nicht alle Türken Nasreddin beizumessen. „Junge Türken nicken bestenfalls über die Tiefgründigkeit seiner Geschichten, sprechen vielleicht auch Dinge an, die schieflaufen. Aber zwischen dem, was gesagt wird und dem, was getan wird, besteht ein großer Unterschied“, sagt Stundentin Merve Akal. Sie hat das Gefühl, dass die meisten Türken Satire eher als etwas Bedrohliches wahrnehmen, wenn sie sie selbst betrifft. Journalist Celal Özcan sieht Humor als eine islamische Tradition an. Humor komme allerdings an seine Grenzen, wenn es um Polemik gegenüber Gott und dem Propheten gehe.

Nasreddin Hodscha hat vor solchen moralischen Grenzen keinen Halt gemacht. Womöglich genießt er deswegen bis heute eine so große Popularität.

 

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