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Nazım Hikmets Prophezeiung

Von Sedat Mehder / 5. Juni 2013

„Bir aĝaҫ öldü, bir millet uyandı“ „Ein Baum ist gestorben, ein Volk ist erwacht.“ Nazım Hikmet Manchmal wirken Zufälle wie eine Fügung. Als Nazım Hikmet diese Zeilen schrieb, konnte er nicht ahnen, was sich über ein halbes Jahrhundert später in seiner Heimat ereignen würde. Am 3. Juni jährte sich sein Todestag zum fünfzigsten Mal und aus seinen […]

„Bir aĝaҫ öldü, bir millet uyandı“
„Ein Baum ist gestorben, ein Volk ist erwacht.“
Nazım Hikmet

Manchmal wirken Zufälle wie eine Fügung. Als Nazım Hikmet diese Zeilen schrieb, konnte er nicht ahnen, was sich über ein halbes Jahrhundert später in seiner Heimat ereignen würde. Am 3. Juni jährte sich sein Todestag zum fünfzigsten Mal und aus seinen Zeilen wurde eine Prophezeiung.

Alles begann so klein und unscheinbar.
Als am 27. Mai eine Gruppe von Umweltaktivisten den Gezi Park am Istanbuler Taksim Platz besetzte, wusste noch keiner, dass dies die Keimzelle eines Aufstands werden würde. Sie wollten mit ihrer Aktion verhindern, dass der Park dem Erdboden gleich gemacht wird, um dort die größenwahnsinnigen Vorstellungen Erdoĝans in die Tat umzusetzen: den Wiederaufbau des Kasernengebäudes Halil Paşa Topcu Kışlası als Einkaufszentrum. Den Ministerpräsidenten schert es offenbar einen Dreck, dass nicht nur die gesamte Stadt bereits von ähnlich megalomanischen Shoppingcentern durchsetzt ist, sondern zudem weite Teile Istanbuls zunehmend einer Betonwüste ähneln.

Den Einwohnern fiel dies schon seit längerem auf, so entwickelten sie ein positives Gefühl für den Wert des Gezi Parks – jenen Ort, den sie eher mieden und nur durchquerten, um ihren Fußweg abzukürzen. Die Grünanlage galt als verrucht, weil es eine Heimstatt für Obdachlose war, ein Versteck für heimliche Liebespaare und ein Ort der Prostitution von Transvestiten. Dies änderte sich aber nach und nach. Wenn der Tiergarten die grüne Lunge Berlins ist, dann wurde der Gezi Park zum bescheidenen Sauerstofffläschchen der Istanbuler.

Dieser Fleck hat nun einen doppelten symbolischen Charakter erhalten. Er steht nicht nur für den Kampf um städtische Natur, sondern auch für den Freiheitsdrang der Menschen und deren Sehnsucht nach wahrhaftiger Demokratie.

Als am frühen Morgen des vergangenen Freitags die Polizei im Park anmarschierte, schliefen die Besetzer friedlich in ihren Zelten. Die Sicherheitskräfte schossen Tränengas in die provisorischen Unterkünfte, trieben die Aktivisten brutal heraus und verbrannten deren Zelte. Dies war die Initialzündung für eine bis dahin kaum vorstellbare Kettenreaktion. Zu den Umweltaktivisten, Künstlern, Intellektuellen und Oppositions-Politikern gesellten sich innerhalb kurzer Zeit weitere Menschen. Fans der drei bis aufs Blut verfeindeten Istanbuler Fußballclubs Fenerbahҫe, Galatasaray und Beşiktaş Ҫarşı schlossen sich zusammen, um gegen die Polizeiaktion zu demonstrieren. Was folgte, war ein Dammbruch. Tausende Bürger Istanbuls verließen ihre Häuser, um mit zu protestieren. Es sind Menschen aller sozialer Schichten und unterschiedlichster politischer Prägungen. Hausfrauen demonstrieren mit Professoren, Tagelöhner mit Unternehmern. Die türkische Zivilgesellschaft hat sich erhoben und organisiert sich zum Widerstand gegen die konservativ-islamische Politik der AKP.

Während am Tag der Räumung des Parks Bilder vom Taksim Platz um die Welt gingen, zeigte sich die Türkei Erdoĝans weltfremd. In den türkischen Medien wurde nichts darüber gebracht. Lediglich zwei unabhängige Fernsehsender berichteten rund um die Uhr. Doch das Vakuum der Berichterstattung füllten die Protestierenden schnell selbst. Trotz massiver Störungen der Telefon- und Internetverbindungen durch die Sicherheitsbehörden, twitterten User unermüdlich und teilten, so oft es ging, Videos in den sozialen Netzwerken.

Jede restriktive Maßnahme staatlicherseits bewirkte das Gegenteil in der Bevölkerung. Die Ignoranz der staatlichen Medien verstärkte das autoritäre Erscheinungsbild der Regierung. Noch mehr Menschen strömten auf die Straßen. Nicht nur in Istanbul, sondern auch in etlichen anderen türkischen Großstädten. Unter dem Motto Taksim ist überall! demonstrierten nun Hunderttausende. Aus dem Funken im Gezi Park wurde erst ein Buschfeuer in Istanbul und nun ein Flächenbrand im ganzen Land, dessen Flammen die Politik des Regierungschefs „verbrennen“ sollen.

Wegen des brutalen Tränengaseinsatzes skandieren die Menschen „Erdogan hat die Maske fallen gelassen, wir setzen sie auf!“ Gasmasken tragend protestieren die Massen gegen die scheinheilige Politik des „Sultan“. In den nun fast 11 Jahren der AKP-Herrschaft ist den Menschen klar geworden, dass nach der anfänglichen Demokratisierung und Modernisierung, verbunden mit dem Wirtschaftsboom und der Wiederwahl der AKP-Regierung, Erdoĝan nun sein wahres Gesicht zeigt.

Als er am Samstag das erste Mal öffentlich auftrat, erwarteten die meisten Menschen beschwichtigende Worte. Erdoĝan jedoch zeigte sich despotisch, bezeichnete die Demonstranten als plündernde und marodierende Handlanger der oppositionellen CHP, die ihn keinen Millimeter von seinem Plan des Wiederaufbaus der Kaserne abbringen werde. Das Atatürk-Kulturzentrum, das er unmittelbar nach Amtseinführung schließen ließ, wolle er abreißen und zudem eine Moschee am Taksim Platz bauen lassen.

Erdoĝan selbst zieht seine von vielen gefeierten Äußerungen aus seinen Anfangsjahren ins Lächerliche. Die AKP war angetreten, um die politischen und gesellschaftlichen Verkrustungen zu brechen, die die Führungseliten der „Beton-Kemalisten“ hinterlassen hatten. Diese haben jahrzehntelang Atatürk für ihre undemokratische Politik missbraucht, die AKP und andere politische Gruppierungen drangsaliert oder verbieten lassen. Erdoĝan und seine Gefolgsleute wiesen sie in ihre Schranken und entmachteten sie weitestgehend. Der AKP brachte dieses Vorgehen große Sympathien von all denjenigen ein, die darunter zu leiden hatten. Seit sie nun selbst an der Macht ist, wurde aus den Hoffnungen vieler eine große Enttäuschung. Der Ministerpräsident und seine Leute verhalten sich zunehmend selbst so, wie sie es einst den Kemalisten vorwarfen. Der Beton-Kemalismus wich dem Beton- und Regulierungswahn der islamischen Regierung. Die einen nutzten Atatürk für ihre Belange aus, die anderen den Islam.

Doch die protestierenden Menschen haben verstanden, dass sie sich nicht mehr ausnutzen lassen wollen, von keiner Seite. Dafür kämpfen sie. Tag und Nacht.
Und ich werde jetzt wieder öfter Nazim Hikmet lesen. Wer weiß, was er noch voraus gesehen hat.

***********************************

Aktuell ist Sedat Mehder fast jede Nacht in den Straßen rund um den Taksim Platz unterwegs, bepackt mit seinen Fotokameras und einer Gasmaske. Seine Aufnahmen erzählen mehr als nur von dem einen Moment. Wir freuen uns sehr darüber, hier eine Auswahl seiner Fotos zeigen zu dürfen! Einige stehen für sich, andere bedurften einer kurzen Ortsangabe, Kontextklärung oder Übersetzung. Wir hoffen, dass das gut genug gelungen ist.
Die Bilder entstanden in der Nacht vom 03. auf den 04. Juni.

Werbetafel mit Graffiti. Oben: Eine Verbindung aus Recep und Cop, das wir den Schlagstock der Polizei steht. Und die Aufforderung draufzuhauen.
Drunter: Geh‘ zu Deiner Mutter, Tayyip Terrorist.
Rechts in blau: Feige Medien!
rot: „Aufstand!“; blau rechts: „Feige Medien“; #direngeziparki: „Durchhalten Gezi Park!“
Demonstrant mit Mundschutz, im Hintergrund Werbetafel mit dem Graffito: OC TAYYIP. OC steht für Hurensohn, Tayyip ist der Vorname von Erdogan.

Fotografin, neutralisiert mit einem Gemisch aus Wasser und Talcid, ein Medikament gegen Übersäuerung des Magens, die Wirkung des Tränengases.

links: „Es fängt erst an“; mitte: „Die Glühbirne ist geplatzt, Hurensohn Tayip“ (Eine Anspielung auf das Logo der AKP); rechts: „Die Glühbirne kannst Du Dir in den Arsch schieben“

"Wir folgen Deiner Spur" (Wir sind auf Deinem Pfad)
„Wir folgen Deiner Spur“ (Wir sind auf Deinem Pfad)

Barrikaden-Bau. Plakataufschrift: „Für eine saubere Umwelt, Hand in Hand.“

Protest-Pause um 04.30 Uhr in der Nacht.
Protest-Pause um 04.30 in der Nacht.

Nicht nur „typische“ Demonstranten protestieren, auch Menschen in Abendkleidern, im Smoking oder im Cluboutfit nehmen spontan an den Protesten teil.

Mutter, Sohn und Guy Fawkes
Demonstranten in einer Seitenstraße
Anwohnerin in Besiktas. Wie viele andere Anwohner auch, feuert sie die Demonstranten mit Kochlöffel und Topf an und zeigt sich soldarisch mit ihnen.
„Hätten wir Angst vor Gas, würden wir nicht furzen!“
Brennender Müll, morgens um 06.00 Uhr in der Istiklal-Straße
„Wirf keinen Nebel, Hurensohn!“
Straßenbarrikade. Plakataufschrift: „Für eine saubere Umwelt, Hand in Hand.“ Im Hintergrund Demonstranten.
„Komm doch auch“

Bushaltestelle mir Atatürk-Signatur als Graffito
„Faschist des Jahres“
„chemischer Tayyip“
ganz oben, auf dem eigentlichen Werbeplakat: „In seiner leckersten Form…“

rechts oben orange: „Der beschwipste Junge“ (Anspielung auf das Alkoholverbot); mitte spanisch: Das vereinte Volk kann nie besiegt werden; über dem Roten mittig: „Mörderin AKP“;
erste Zeile: „Regierung tritt zurück“; „Mörder Tayyip“, letzte Zeile: „Recop Tazyik Gazdogan“ Anspielung auf den Namen Erdogans, sinngemäß: mit dem Knüppel draufhauender Gasfalke
Istiklal-Straße. Die Bedeutung erklärt sich von selbst.
Ein Gemisch aus Wasser und Talcid, Medikament gegen Übersäuerung des Magens, wird versprüht, um die Wirkung von Tränengas zu neutralisieren.
In diesen Behältern befand sich mal Tränengas. Es sind Hülsen von Tränengaspatronen, die von den Polizisten verschossen werden.
Ein effektives Mittel gegen Tränengas: Wasser mit Talcid vermischt, einem Mittel, das bei Übersäuerung des Magens genutzt wird.

Demonstranten ziehen durch die Straßen

Polizisten, die Demonstranten daran hindern wollen, in Richtung des Dolmabahce Palastes zu ziehen. Er diente Sultanen als Residenz. Kemal Atatürk nutze ihn als Regierungssitz und Residenz, bevor Ankara zur Hauptstadt wurde. Der Palast wird heute für Staatsbesuche genutzt.
Wie oben.
Werbetafel mit Graffito: „Ich beobachte Euch! K. Atatürk.“

5 Antworten zu “Nazım Hikmets Prophezeiung”

  1. Von Faudel am 6. Juni 2013

    Ein schöner Blogtext und sehr beeindruckende Bilder!
    Passen sie bitte auf sich auf.

  2. Von amgdalenka am 7. Juni 2013

    Klasse texte, großartig photos – Danke schön. Alles Gute für die Mutigen. Be careful, please.

  3. Von Dietmar Molthagen am 7. Juni 2013

    Vielen Dank für den sehr beeindruckenden Einblick in die Ereignisse vor Ort in Wort und Bild!

  4. Von Erol Gezer am 11. Juni 2013

    Sehr beeindruckende Fotos von Sedat Mehder .Der Text spricht mir aus der Seele ! Nichts ist erschreckender als die Passivität der Menschen .In einer Zeit wo das Haus verlassen mit 3% Akkurestkapazität schon als Wagnis gilt,sollten wir uns immer bewußt sein,dass Passivität noch nie zu irgendetwas geführt hat. Verantwortung übernehmen heißt, aktiv zu reagieren .Ihr Mut wird von der Hoffnung genährt. Alle Hoffnungen können wahr werden wenn Mut eine Zunge hat.Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut der Mutigen.

  5. Von Emina am 12. Juni 2013

    Es ist schwer zu dem Thema eine pro/contra Debatte zu gestalten, weil wir uns wohl einig sind, wie mutig und unerschütterlich die jungen Menschen in der Türkei für ihre Rechte einstehen. Vor allem ist es schön, dass sich eine unglaublich Gruppendynamik entwickelt hat, die so weit über Staatsgrenzen reicht. Für mich ist jeder einzelne Demonstrant, der der Volkswut ein Gesicht gibt, ein Held.

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