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„Nel mio nome“ – Transidentitäten in Italien

Von Sophia Hörhold / 1. März 2022
picture alliance / Zoonar | Max

“Nel mio nome“ erzählt die Geschichten von Nic, Leo, Andrea und Raff – vier Männer, die sich alle ihre Namen selbst ausgesucht haben, vier Transmänner. Mit ihnen begibt sich Filmemacher Nicolò Bassetti auf die Suche nach Identität.

Im Zentrum des italienischen Dokumentarfilms “Nel mio nome“ (engl.: “Into my Name“) stehen die Biografien von vier jungen Männern, die alle in Bologna leben: Nicolò Sproccati, Leonardo Arpino, Andrea Ragno und Raffaele Baldo. Sie stammen aus verschiedenen Teilen Italiens und haben nicht unbedingt viel gemeinsam. Raff schraubt an seinem Fahrrad herum. Andrea schreibt Kurzgeschichten und Gedichte auf seiner Schreibmaschine. Nic ist viel in der Natur unterwegs und sucht verlassene urbane Orte auf. Und Leo arbeitet an einem Podcast.

Dass die vier neben einer scheinbar ganz normalen Männerfreundschaft auch noch etwas anderes verbindet, lässt sich erst nach einigen Szenen erahnen, die eine deutliche Veränderung der jeweiligen Personen aufzeigen. Es ist das zentrale Thema des Dokumentarfilms: Transsexualität. Auf dieser Ebene sind die Männer einander verbunden und unterschützen sich gegenseitig auf ihrem gemeinsamen Weg.

Mädchenfarbe“: rosa

Einer der leitenden Produzenten des Films ist Elliot Page. Der kanadische Schauspieler, Filmproduzent und Transgender-Aktivist hatte seinen großen Durchbruch als Teenager mit der weiblichen Hauptrolle im Film “Juno“ und blickt auf eine schauspielerische Karriere als Frau zurück. Ende 2020 outete sich Page als transsexuell und non-binär. Seine Mitwirkung an “Nel mio nome“ gleicht darum einer Schirmherrschaft.

Bassetti reduziert die Männer nicht auf ihr Transsein. Man sieht sie beim Essen mit ihren Partnerinnen, im Garten, beim Tanzen. Aus allen erdenklichen Blickwinkeln widmet er sich ihren Identitäten, in denen Transsexualität eine Rolle spielt, die sie aber nicht völlig ausmacht. Vor der Kamera berichten sie offen von ihrer Suche nach Geschlechterzugehörigkeit. Andrea beschreibt, wie er als Kind gefragt wurde, ob er Junge oder Mädchen sei und nicht gewusst habe, was er antworten solle – das eine wäre ihm nicht richtig vorgekommen, aber dem anderen fühlte er sich nicht zugehörig. Raff wählt mit seinem Freund die Farbe für sein neues Fahrrad aus – rosa, die „Mädchenfarbe“, die er früher nicht mochte und die jetzt, wo er weiß, wer er ist, und zu sich steht, seine Lieblingsfarbe ist.

Zu Gast auf der Berlinale: Cast von „Nel mio nome“ (Foto: Vera Keddigkeit)

Auch der tatsächliche Übergang von Frau zu Mann wird gezeigt. Ein Teil der Protagonisten führt eine Art Videotagebuch über die fortlaufende Hormontherapie. Nach und nach verändern sich Stimmen und Gesichtszüge, es wachsen ihnen Barthaare. Zwei der Männer werden bei ihrer Mastektomie – ihrer Brustentfernung – bis in den OP begleitet. Später präsentieren sie sich gegenseitig das Ergebnis und vergleichen ihre Narben. Die Zuschauenden werden Zeugen, wie die beiden ihrer Identität als Männer optisch ein Stück näherkommen.

Was wäre, wenn Transpersonen nicht Menschen wären, die ihr Geschlecht geändert haben, sondern Menschen, die sich einen neuen Namen ausgesucht haben?

Nicolò Bassetti

Ausgerechnet das katholisch geprägte Italien hat 1982 eines der ersten Gesetze in Europa zum Thema Geschlechtsumwandlungen verabschiedet. Es trennt die körperliche Anpassung auf Basis chirurgischer Eingriffe von der juristischen Anerkennung des neuen Geschlechts. Ob eine angleichende Operation als „angemessen“ angesehen wird und genehmigt werden kann, entscheidet ein Gericht. Für ein Urteil war und ist, wie in vielen anderen europäischen Ländern mittlerweile auch, ein vorab erstelltes psychiatrisches Gutachten erforderlich. Das Perfide daran: Bis zu einer gesetzlichen Neuregelung 2015 galt qua italischen Rechts ein chirurgischer Eingriff zur Umwandlung der Geschlechtsorgane als notwendige Bedingung für die Berichtigung des Geschlechtes in offiziellen Ausweisdokumenten.

So zermürbend der Prozess auch heute noch ist, jährlich entschieden sich in Italien zuletzt immerhin rund 60 Personen dafür, diesen Weg zu gehen. Zum Vergleich: Im Nachbarland Österreich sind es bei einer Bevölkerung, die mit neun Millionen Einwohner nur knapp ein Sechstel der Italienischen ausmacht, allerdings mehr als dreimal so viele.

Die Geschichte seines Sohnes

„Es ging mir nie darum, mich wie ein Mann zu benehmen. Ich wollte einfach nur einen männlichen Körper.“ Nic, Leo, Andrea und Raff erzählen ihre Geschichten selbst. Die subtile Herangehensweise des Films gibt den Zuschauenden vor allem anfangs wenig konkrete Informationen. Erst aus Leos Aufnahmen für seinen Podcast gehen Informationen über die einzelnen Charaktere hervor. Bassetti setzt auf die Authentizität der Männer. Boulevardeske Schlagzeilen und Plattitüden bleiben außen vor – mit Erfolg.

Die Protagonisten sind nahbar, werden in ihrem Tun beobachtet. Interviewszenen wirken oft nicht als solche, da die Männer häufig wie beiläufig von sich erzählen oder durch die weiten Kameraeinstellungen der Eindruck entsteht, man würde mit ihnen am Tisch sitzen oder mitlaufen. “Nel mio nome“ zeichnet bewusst den ganz normalen Alltag der Protagonisten nach.

Zwei Jahre lang hat Regisseur Bassetti die Protagonisten für seinen zweiten Dokumentarfilm auf ihrem Weg begleitet. Durch die filmische Annäherung erfasst er gewissermaßen auch die Geschichte seines Sohnes, der ebenfalls ein Transmann ist.

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