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Nicht mehr einfach kaufen

Von Bettina Ehbauer / 8. Januar 2015
Jürgen Nießen / pixelio.de

Immer schneller, besser, moderner: Das verspricht uns die Werbung. Und wir kaufen und kaufen ohne nachzudenken. Langfristig zufrieden macht uns dieser Konsumwahn nicht – aber er ist längst zur Belastung für Umwelt und Gesellschaft geworden. Ein Plädoyer für eine neue Bescheidenheit. Wir haben es mal wieder überlebt. Vorbei ist sie, die Weihnachtszeit. Sie bedeutet für […]

Immer schneller, besser, moderner: Das verspricht uns die Werbung. Und wir kaufen und kaufen ohne nachzudenken. Langfristig zufrieden macht uns dieser Konsumwahn nicht – aber er ist längst zur Belastung für Umwelt und Gesellschaft geworden. Ein Plädoyer für eine neue Bescheidenheit.

Wir haben es mal wieder überlebt. Vorbei ist sie, die Weihnachtszeit. Sie bedeutet für viele Menschen alles andere als Besinnlichkeit und Einkehr. Statt dem Ursprung des Festes zu gedenken und eine ruhige Zeit mit ihren Liebsten zu haben, verbringen die meisten die letzten Wochen des Jahres voller Hektik und Stress in den Einkaufszentren und Fußgängerzonen dieses Landes.

Alle Jahre wieder stürzen wir uns in der Vorweihnachtszeit in einen Kaufrausch. 219 Euro plante der Durchschnitts-Deutsche im Jahr 2014 für Weihnachtsgeschenke ein.

Kaufen für den kurzen Kick

Wir wollen Familie und Freunden eine Freude machen und scheitern dabei doch meist. Wenn unsere Gaben nicht schon gleich beim Auspacken nur wenig Begeisterung beim Beschenkten auslösen, ist die Freude darüber spätestens ein paar Wochen oder Monate danach verflogen.

Die Funktionen des neuen Smartphones sind dann nicht mehr aktuell genug, das schlankere Nachfolgermodell des Tablets bereits auf dem Markt oder der teure Mantel gefällt nicht mehr: Wir wollen wieder konsumieren.

Wieder kaufen wir, zeigen, was wir haben und wer wir sind, zeigen, dass wir mithalten können oder unserer Zeit und unserem Umfeld sogar voraus sind. Längst geht es bei diesem Konsumwahn nicht mehr darum, Grundbedürfnisse zu befriedigen und sich oder anderen einen lange gehegten Wunsch zu erfüllen.

Wir konsumieren für ein immer kürzer andauerndes Hochgefühl und aus Gründen des sozialen Vergleichs. Was unser Nachbar sich leisten kann, das können wir schon lange. „Keeping up with the Joneses“ (mit Familie Jones, sinnbildlich für die Nachbarn, mithalten) ist in den USA längst zum geflügelten Wort geworden.

Wir definieren uns und unseren Wert dadurch, was und wieviel wir kaufen und besitzen. Die Werbung treibt uns dazu an. Etwa 5.000 Werbebotschaften sind wir Tag für Tag ausgesetzt – vielen davon unbewusst. Sie suggerieren uns: Das, was wir haben, ist nicht gut genug. Wir haben die falsche Kleidung, das falsche Handy, das falsche Auto. Die gute Nachricht, so wird vorgegeben: Das Richtige ist nur einen Shopping-Trip entfernt.

Kaputt nach Plan

Neben dem gefühlten Wertverlust, den die Industrie durch ihre Werbebotschaften antreibt, wird unsere Konsumspirale auch durch die sogenannte geplante Obsoleszenz am Laufen gehalten. Elektronische Geräte werden von der Industrie absichtlich so produziert, dass sie kurz nach dem Ablauf der Garantiezeit kaputt gehen. Rund 137 Milliarden unnötige Euro pro Jahr bezahlen Verbraucher wegen minderwertig konstruierter Geräte.

Niedrige Preise garantieren, dass der Konsumstrom nicht abreißt. Andere Menschen bezahlen dafür, dass wir billig konsumieren können – Menschen in Entwicklungsländern, deren Rohstoffe ausgebeutet werden, um den Produktkreislauf am Leben zu erhalten, sowie Arbeiter in den Ländern, in die die Produktion ausgelagert wird.

Die Löhne dort reichen kaum zum Leben, die Arbeitsbedingungen sind oft katastrophal – wie unter anderem der Einsturz einer Fabrik im bengalischen Sabhar mit 1.127 Toten im Jahr 2013 zeigte.

Doch wir verdrängen nicht nur die Auswirkungen unseres Konsumwahns auf unsere Mitmenschen. Wir ignorieren auch, dass das empfindliche Gefüge unserer Umwelt ins Wanken gerät. Unser Handeln ist nicht nachhaltig, Müllberge wachsen ins Unermessliche, giftige Nebenprodukte entstehen bei der Produktion unserer Güter, natürliche Ressourcen schwinden dahin.

Allein in den vergangenen drei Jahrzehnten wurde ein Drittel der weltweiten Rohstoffvorkommen verbraucht. Würde jeder Mensch so viel konsumieren wie ein durchschnittlicher US-Bürger, bräuchten wir fünf Erden, um genug Rohstoffe in unsere Materialwirtschaft einspeisen zu können.

60 Prozent aller Konsumgüter sind bereits sechs Monate nach ihrer Anschaffung nicht mehr in Gebrauch. 50 Millionen Tonnen Elektroschrott entstehen jedes Jahr weltweit. Ein Großteil davon wird in Entwicklungsländer exportiert, um die teure Entsorgung in den Industrienationen zu umgehen.

In den ärmeren Regionen belasten die giftigen Materialien und die Dämpfe, die bei deren Verbrennung entstehen, die Gesundheit der Menschen. Diese Menschen durchforsten unsere aussortierten Geräte nach Resten wiederverwertbarer Rohstoffe, um mit deren Verkauf ein paar Euro im Monat zu verdienen.

All diese negativen Konsequenzen unseres übermäßigen Konsums blenden wir aus, während wir uns in den Filialen großer Modeketten alle paar Wochen mit billiger Kleidung eindecken oder Handyverträge abschließen, die uns jedes Jahr das neueste Smartphone-Modell garantieren.

Das wäre noch ein Stück weit nachvollziehbar, wenn uns der Kaufrausch wenigstens ein nachhaltiges Gefühl der Zufriedenheit verschaffen würde. Die Gleichung „Mehr Besitz bedeutet mehr Glück“ stimmt aber nicht. Wir besitzen immer mehr und werden doch nicht zufriedener.

Bewusster Konsum als Zukunftsmodell

Immer mehr Menschen versuchen deshalb, aus dem Wahnsinn der Konsumspirale auszubrechen. Co-Konsum und Minimalismus sind in den vergangenen Jahren zu Schlagworten für ein neues Lebensgefühl geworden. Die Ökonomie des Teilens liegt im Trend. Sie steht für einen neuen, bewussteren und nachhaltigeren Umgang mit unseren Ressourcen.

Die wachsende Beliebtheit geteilter Autos, geliehener Rasenmäher und getauschter Kleider zeigt: Wahrer Reichtum bedeutet, von materiellen Dingen unabhängig zu sein. Unser psychisches Wohlbefinden profitiert von den neuen Modellen des Teilens und Reduzierens.

Wer alles sofort anschafft, dem fällt es schwer zu beurteilen, was er wirklich will und was ihm wichtig ist. Wir haben uns von unserem Besitz und voneinander entfremdet. Wir haben es verlernt, zu geben, zu teilen, gemeinsam etwas herzustellen und Lösungen zu finden. Wir machen immer mehr Überstunden, um uns die Dinge leisten zu können, von denen wir kurzfristig annehmen, dass wir sie brauchen.

Wir müssen uns wieder auf unsere wirklichen Bedürfnisse besinnen und uns frei machen von falschen Sehnsüchten.

Wir brauchen kritisch denkende, umweltorientierte Konsumenten, die weg vom Massenkonsum wollen. Wir sollten Dinge wieder selbst herstellen, tauschen, verleihen und kreativ sein. Wir sollten uns häufiger fragen, welche Auswirkungen unsere Entscheidung für ein bequemes Leben auf andere hat. Wir sollten wieder mehr Wert auf die Qualität statt auf die Quantität unserer Produkte legen und uns um die Zusammenhänge in unserem Wirtschaftssystem Gedanken machen.

Denn dieses System stößt an sein Grenzen. Das Umdenken hat gerade erst begonnen, dabei ist es dringend nötig.

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