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Wenn Ratten sich mit Texten plagen

Von Daniel Lehmann / 18. Februar 2016
Robert Kramnitz

Von der Straße auf die Bretter, die die Welt bedeuten: In der Theatergruppe Ratten 07 können Obdachlose kreativ zurück ins gesellschaftliche Leben finden. Manchmal hängt der Erfolg einer Aufführung an einem Fahrschein.

Berlin ist bunt, Berlin ist aufregend. Doch kaum ein anderes Fleckchen der Hauptstadt ist so spannend wie das RAW-Gelände im Süden des Stadtteils Friedrichhain. Auf 51.000 Quadratmetern tummeln sich etliche Clubs, Bars, ein Freiluftkino, eine Skatehalle und vieles mehr. Insbesondere an Wochenenden ist das Gelände ein Hotspot für tausende Feierwütige. In vier Gebäuden des ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerks haben auch mehr als 70 soziokulturelle Projekte ihre Räume.

Eines davon ist das Obdachlosentheater Ratten 07. Zurzeit ist Probenpause, weshalb nur wenig Betrieb bei den Ratten herrscht. Wenn eine Produktion ansteht, finden drei bis vier Mal pro Woche mehrstündige Proben statt. Wegen der Pause ist Regisseurin Uta Kala momentan mit Büroarbeit beschäftigt. Zu tun hat sie reichlich: Requisiten und Kostüme wollen organisiert, Termine mit Bühnen vereinbart werden. „Die Arbeit an einem Stück ist noch längst nicht alles, drumherum ist viel mehr Aufwand nötig“, sagt Kala, die seit 2012 ausschließlich für die Ratten 07 tätig ist.

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Foto: Christoph Hühne (zum Vergrößern einfach Anklicken)

Theater ohne Doppelbesetzung

Ende Januar war die Premiere für das Stück „Gegen den Fortschritt“ im Berliner Ballhaus Ost angesetzt. Da zu viele Darsteller krankheitsbedingt ausfielen, musste der Auftritt in der ursprünglich gedachten Form auf Mai verschoben werden – was beim Veranstalter nicht gut ankam. Dieser muss nun erneut die Presse informieren, Werbung schalten und Tickets verkaufen. „Eine Premiere zu verschieben, das gilt im Theater eigentlich als No-Go“, sagt Uta Kala. Die Ratten hätten aber als Premierenersatz eine Leseperformance abgehalten, die immerhin dem zufällig anwesenden Autor des Stücks gefallen haben soll.

Dass ein Auftritt ins Wasser fällt oder auf irgendeine Art beeinträchtigt wird, ist bei den Ratten 07 schon häufiger ein Problem gewesen. Mitunter seien Darsteller einfach nicht erschienen. Ob nun aus gesundheitlichen Gründen, fehlender Motivation – oder weil die Fahrt zum Auftrittsort eine zu hohe Hürde ist.

„Nicht jeder hier kann sich immer eine Fahrkarte leisten, eine Aufführung im Theaterhaus Mitte wird da schon schwierig“, erzählt Kala. Selbst das Erscheinen bei den Proben ist nicht immer gewährleistet. Einen Transporter oder Ähnliches hat die Gruppe nicht. Weil eine Doppelbesetzung nicht möglich ist, stoßen die Ratten zuweilen personell an ihre Grenzen – von der notwendigen Pressearbeit, der allgemeinen Organisation und anderen für die Theaterproduktion relevanten Aufgaben ganz zu schweigen.

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Foto: Christoph Hühne

Manche verschwinden für ein paar Jahre

Derzeit zählen etwa zehn Personen zum Ensemble, die teilweise auch unabhängi von ihrer Tätigkeit als Spieler Aufgaben übernehmen. Heinz ist am längsten dabei, er spielt bereits seit 18 Jahren bei den Ratten. Der Jüngste in der Runde ist 28 Jahre alt. Von einem festen Stamm an Schauspielern zu sprechen, wäre aber falsch. „Dafür ist die Gruppe zu dynamisch. Manche bleiben plötzlich einfach ein paar Jahre weg und kommen dann wieder“, sagt Kala. Sie hat daher längst aufgegeben zu erfassen, wie viele Menschen insgesamt bei den Ratten mitgemacht haben. „Die Verbundenheit bleibt trotzdem, das Ganze hier hat etwas von einer Familienstruktur“, sagt sie.

Die Geschichte dieser Familie, die intern gern als „Gründungsmythos“ bezeichnet wird, beginnt im Jahre 1992. Der schottische Regisseur Jeremy Weller setzte in seinem „Die Pest“-Projekt neben professionellen Darstellern auch Obdachlose ein. Nach Abschluss des Projekts wollten sieben Obdachlose die Theaterarbeit fortsetzen, was von Weller aber nicht vorgesehen war. Kurzum gründeten sie mit der Unterstützung von Roland Brus und Anna Scheer die unabhängigen Ratten 07. Die Ziffer steht für die Anzahl der Gründungsmitglieder, die Ratte steht für die lebendige Requisite, die nach Produktionsschluss ebenfalls verstoßen wurde und in den Obdachlosen fürsorgliche Pfleger fand.

Ein Weg zurück in ein geregeltes Leben

Als Träger fungierte damals die Volksbühne Berlin, die unter anderem einen Keller in der Mulackstraße für Proben bereitstellte und sich mit vielen ehrenamtlichen Mitarbeitern engagierte. Über den Förderverein Freunde der Ratten werden bis heute Spenden gesammelt und Förderanträge für das Theaterprojekt gestellt. 2002 lösten sich die Ratten von der Volksbühne, um die Arbeit autonom fortzusetzen. In den mittlerweile mehr als 23 Jahren ihrer Existenz können die Ratten auf 56 Produktionen, etliche Ausstellungen, Straßentheateraufführungen und weitere Projekte zurückblicken.

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Foto: Thomas Lobenwein

Für Obdachlose ist das regelmäßige Mitwirken im Theater eine Chance, den eigenen Alltag auszublenden und sich auf den Weg zurück in ein bürgerliches Leben zu machen – was aber auch seine Zeit braucht. „Unsere Darsteller haben häufig ein Alkoholproblem, konsumieren Drogen, haben kein Geld, keine Wohnung und keine Arbeit. Es dauert, in der Situation wieder Fuß zu fassen“, so Kala. Eine Erfolgsgarantie biete auch das Theater nicht.

Keine Therapieeinrichtung

Ein ausdrückliches Drogen- oder Alkoholverbot gibt es bei den Ratten 07 nicht. „Wir machen Theater und sind keine Therapieeinrichtung. Deren Arbeit könnten wir hier gar nicht leisten“, sagt Uta Kala. Solange ein Teilnehmer spielfähig ist, gebe es für ihn keine Konsequenzen. Vielen helfe der Kontakt mit der Gruppe und der schauspielerische Ehrgeiz dennoch, um eine Sucht in den Griff zu bekommen.

Besondere Unterschiede zu anderen Theatergruppen kann Uta Kala ansonsten nicht feststellen: „Wie überall sind die Leistungen sehr unterschiedlich. Wir haben sehr gute Sprecher, dafür fällt manchen das Lernen der Texte schwerer.“ Sie freut sich, dass ihre Schauspieler ernst genommen werden, und nimmt gern in Kauf, wenn die Kritik in den Medien und bei den Zuschauern so ausfällt wie bei einer „normalen“ Theatergruppe. „Die Bezeichnung Obdachlosentheater ist genau genommen eine fürchterliche Stigmatisierung. Unsere Darsteller wollen Beifall für eine gute Leistung, nicht für ihren Lebensweg.“

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