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Occupy Identity!

Von Bobby Rafiq / 21. Januar 2012

WTF! Ja, W T F ! Was bleibt einem auch anderes übrig? Wie soll man denn sonst in Zeiten von Neonazi-Terror und innenpolitischer Blindgängerei mit dem Schreiben beginnen? Ja, ich habe Schaum vorm Mund. Dazu stehe ich – genauso wie zu den zu Fäusten geballten Händen in meinen Hosen­taschen, wenn ich von der braunen Mordserie […]

WTF! Ja, W T F !

Was bleibt einem auch anderes übrig? Wie soll man denn sonst in Zeiten von Neonazi-Terror und innenpolitischer Blindgängerei mit dem Schreiben beginnen?
Ja, ich habe Schaum vorm Mund. Dazu stehe ich – genauso wie zu den zu Fäusten geballten Händen in meinen Hosen­taschen, wenn ich von der braunen Mordserie höre. Vom Umgang mit ihr ganz zu schweigen!

Hans-Peter Uhl, innenpolitischer Sprecher der Unions­fraktion im Bundestag, soll kürzlich während einer Podiums­diskussion bezüglich der Morde der Zwickauer Zelle gesagt haben, dass eine gute und vernünftige Einwanderungs­politik zum Ziel haben müsse, keine Kampf­gruppen am rechten Rand entstehen zu lassen. Man könne nicht die ganze Welt umarmen.

Ich frage mich, wie es den Angehörigen der Opfer ergehen muss, wenn sie von solchen Äußerungen erfahren. Erst wurden die Toten jahrelang kriminalisiert, als Teil einer „Türken-Mafia“ stigmatisiert und nun sollen sie selbst Schuld an ihrer Ermordung gewesen sein. Wären sie nicht nach Deutsch­­land gekommen, dann wären sie wohl nicht drauf­gegangen. Das ist die eigentliche Botschaft dieses alten Man­nes, der von Deutschland im Jahre 2012 bestenfalls so viel Ahnung hat wie Guttenberg vom Urheberrecht.

Generation Rostock-Lichtenhagen

Es ist nicht neu, dass Politprominenz dem rechten Pöbel nach dem Mund redet.
Ich bin Teil der Generation Rostock-Lichtenhagen. Im August jährt sich die Pogromwoche zum 20. Mal. Damals war ich 16 Jahre alt. Damals, als tagelang ein wütender Mob vor einem Asylbewerberheim randalierte und ein Wohnheim für viet­namesische „Gastarbeiter“ in Brand steckte. Damals, als Hundertschaften von Polizisten und Tausende von Schau­lustige dem Mob bei der Arbeit zuschauten. Sie alle hatten braunes Blut geleckt! Damals, als Politiker schmal­lippig die Taten verurteilten, um anschlies­send lange Monologe über die vermeintlich überfremdete Republik von sich zu geben. Damals, als Bundestagsabge­ordnete, übrigens fraktions­übergreifend, behaupteten, man müsse die Sorgen der Straße ernst nehmen. Damals, als sich die Politik zum Steigbügel­halter von Brandstiftern und Mördern machte. Damals, als schließlich der Artikel 16 unserer Verfassung beschnitten wurde.
Mein persönliches (Un-)Bild des Jahres war das eines Mannes, der betrunken, mit einer voll gepinkelten Jogginghose bekleidet und das Trikot der Nationalelf tragend, den Arm zum Hitlergruß hob – in Rostock-Lichtenhagen.

Dieses Bild ist Teil der Deutschland-Ikonographie meiner Generation geworden. Zuvor gab es bereits Bilder aus Hünxe und Hoyerswerda, wenig später aus Mölln, im Jahr darauf aus Solingen, jenem Ort, an den unser damaliger Bundeskanzler nicht reisen wollte, um, in die Augen der Angehörigen blickend, sein Beileid zu bekunden.
Das ist eine andere Zeitrechnung. Das ist ein anderes Deutsch­landbild. Es hat all jene Deutsche und Migranten geprägt, die sich tatsächlich oder im übertragenen Sinne als Kanaken, Bimbos und Fidschis beschimpfen lassen mussten und weiter­hin müssen. Egal, wie sie sich verhalten. Egal, was sie machen und erst recht egal, wie sehr sie sich bemühen, sich mit diesem Land zu identifizieren.

© .marqs / photocase.com

Deutsches Kontinuum der Xenophobie

Wenn man bedenkt, dass die Zwickauer Zelle bereits Mitte der Neunziger an ihren Plänen gesessen haben soll, dass 1999 Roland Koch Autogramme gegen „Ausländer“ sammelte, dass nach dem 11. September 2001 der gemeine „Muselmane“ in den Fokus einer immer unsachlicher geführten öffentlichen Diskussion rückte, die vor knapp anderthalb Jahren mit „Deutschland schafft sich ab“ ihren vorläufigen Höhepunkt erreichte, dann gibt es seit der Einheit ein vermutlich noch daten­reicheres deutsches Kontinuum der Xenophobie, des Ressentiments und der Ablehnung als in den vierzig Jahren zuvor.
Islamkonferenzen, Integrationsgipfel, Einbürgerungs­tests, Wertediskurse und Extremismusklauseln wirken vor solch einem Hintergrund wie blanker Hohn.
Aus dieser Perspektive nimmt man 20 Jahre gesamtdeutsche Geschichte einfach anders wahr als die große Mehrheit! Übrigens schreibe ich hier nicht über ein ostdeutsches Problem, es betrifft alle deutschen Himmelsrichtungen.

Diese Republik kann in vielerlei Hinsicht stolz auf sich sein: Sie hat quasi über Nacht aus einem geteilten ein vereinigtes Land gemacht. Sie hat sich doch zumindest aus einem der vielen unsinnigen Kriege herausgehalten. Sie hat den bis­herigen Höhepunkt der Finanzkrise ganz gut überstanden. Sie besitzt ein Rechtssystem, worum sich andere Staaten die Finger wund lecken. Sie hat eine Frau als Bundeskanzler, einen Rollstuhlfahrer als Finanz- und einen Schwulen als Außenminister.
Das alles lässt sich vor allem im tatsächlichen oder po­tentiellen Vergleich mit anderen Ländern ganz groß be­jubeln. Wenn das Land aber nicht will, dass all diese Lor­beeren zum peinlichen Feigenblatt der deutschen Nach­kriegsgeschichte verkommen, dann muss es anfangen, sich selbst ernster zu nehmen und die eigenen Ansprüche zum eigentlichen Maß­stab machen.

Über den so oft bemühten Verfassungspatriotismus sollte nicht nur schwadroniert, er sollte gelebt werden. Und wenn es nur ein Patriotismus dem ersten Artikel gegenüber wäre. Erst wenn dies geschieht, kann man Politiker für voll nehmen, die behaupten, dass Integration keine Einbahn­straße sei. Dann wäre nämlich klar, dass dieser Satz für beide Seiten gilt. Für die Minderheiten wie auch für die Mehrheitsgesellschaft.

© leicagirl / photocase.com

Wir und Ihr

Einschub:
– An dieser Stelle könnte mein Text eigentlich enden. Soll er aber nicht. Ich will Euch mitteilen, was bei mir hinter den Kulissen los ist. Wir können noch so viele Lichter gemeinsam zusammenketten, mahnend wachen, demonstrieren, dis­kutieren. Was bleibt, ist ein gefühlter Riss. Skepsis.
Was nützt der Aufstand der Anständigen, wenn es am An­stand der Rückständigen fehlt? Mein Kopf wehrt sich ge­gen den folgenden Satz, aber mein Bauch ist diesmal schnel­ler, und ich weiß, dass es vielen so geht: Es gibt leider weiterhin ein Wir und ein Ihr. Jedem bleibt selbst überlassen, welchem Personalpronomen er sich im anschließenden Abschnitt zugehörig  fühlt.
Willkommen in meinem Backstagebereich –

Wir wissen aber, dass das so schnell nicht passieren wird. Wir wollen und werden nicht mehr länger warten. Wir lassen uns nicht mehr durch Lippenbekenntnisse hinhalten.

Lange haben wir um etwas herumgetänzelt, geredet, debattiert, gejammert und uns zu Opfern stilisiert. Lange haben wir uns geweigert, etwas anzunehmen, was uns zwar nicht angetragen oder gar angeboten wurde, was aber Fakt war, ist und für immer bleiben wird. Ob es vielen von Euch oder von uns gefällt, spielt dabei keine Rolle. Wir werden unsere Identität vor uns hertragen, sie mit Würde prä­sentieren. Denn im Gegensatz zu den Ewiggestrigen können wir stolz sein auf das, was wir sind. Denn wir haben etwas dafür getan, es ist uns nicht in den Schoß gefallen. Wir sollten und sollen es nicht qua Geburt sein. Wir haben reflektiert, wir haben argumentiert, wir haben uns mit beiden Seiten bewusst auseinandergesetzt, wir waren deprimiert und euphorisiert. Wir haben konstruiert und Entscheidungen getroffen. Jetzt sollen es alle wissen: WIR ist Teil dieses Landes!

Wir werden kämpfen! Um Deutungshoheit, Definitions- und Gestaltungsmacht! Um Kunst, Kultur, Medien und Politik! Wir brau­chen nicht Eure Anerkennung. Wir erkennen uns selber an! Wir lassen die Fremdbestimmung hinter uns und bestimmen selbst!

Vergesst „Migrationshintergrund!“ Seid einfach nur Grund! Ein einziger Grund! Ein Grund, dieses Land noch liebenswürdiger, noch vielfältiger, noch offener und tatsächlich verfassungspatriotisch zu machen!

Wer, wenn nicht wir?

Occupy Identity!

 

Artikelbild (oben):
mys / photocase.com

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