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Occupy Zukunft

Von Erkan Türkel / 4. Juni 2013

Reizgas. In Unmengen. Überall Gasrauch. Im ganzen Land. Ich sehe unvorstellbare Bilder im Fernsehen. Seit Tagen. Im einzigen, internationalen, Sender, der die ganzen Geschehnisse zeigt.Vor einer Moschee in Istanbul werden Menschen, die friedlich demonstrieren, mit Gas-Bomben der Polizei attackiert. In der Moschee liegen Verletzte am Boden. Überall. Wenn Erdogan noch härter gegen das eigene Volk […]

Reizgas.

In Unmengen.

Überall Gasrauch.

Im ganzen Land. Ich sehe unvorstellbare Bilder im Fernsehen. Seit Tagen. Im einzigen, internationalen, Sender, der die ganzen Geschehnisse zeigt.Vor einer Moschee in Istanbul werden Menschen, die friedlich demonstrieren, mit Gas-Bomben der Polizei attackiert. In der Moschee liegen Verletzte am Boden. Überall. Wenn Erdogan noch härter gegen das eigene Volk vorgeht, ist er schnell weg. Das hoffe ich. Das hoffen fast alle.

Es ist die erste Niederlage, die allererste Backpfeife, die er vom Volk bekommen hat. „Sultan“ Erdogan ist fassungslos. Seine Stimme klang am Sonntag, ein Tag nachdem die Polizei aus Taksim abgezogen ist, nicht mehr so sicher. Nicht mehr so großkotzig. Er ist wütend und sagt: „Die Kaserne wird auf jeden Fall wiedererbaut werden. Nicht nur das, sondern auch eine Moschee werden wir in Taksim bauen. Wir, nur wir entscheiden was gebaut wird, und nicht diese Freibeuter.“

Man sieht es ihm an. Das ganze hat ihn getroffen. Was vor einigen Tagen nur eine Aktion von Umweltschützern war, die Bäume gegen ein Bauvorhaben der Regierung schützen wollten, ist inzwischen ein Volksaufstand. Ein Aufstand das nicht mal von den stärksten Optimisten erwartet wurde. Alle waren da, alle haben mehr oder weniger von dem Tränengas abbekommen. Liberale, Kommunisten, Kemalisten, aber auch die große Menge von apolitischen Menschen.

„Unser Nationalgetränk: Tränengas“
Eine Demonstrantin in der Nähe des Taksim Platzes.
(c) Yunus Emre Tolan

Der Aufstand gegen die autokratische Regierung Erdogan findet nicht nur in Istanbul statt. Sondern auch in Ankara, Izmir, Adana, Bursa und anderen Städten. Das türkische Volk protestiert. Die Antwort sind Gasbomben aus der Luft. Die türkische Polizei setzt Hubschrauber dafür ein. Die Wasserwerfer erblinden mindestens drei Menschen. Es gibt niemanden, der im Zentrum von Istanbul nicht mehr oder weniger Reizgas der stärksten Sorte abbekommen hat. Ein junger Mann ist sogar daran gestorben. Die Polizei geht mit so einer unglaublichen Härte vor, das sogar Mitglieder und Minister der Erdogan-Partei AKP es übertrieben finden und kritisieren.

Und die türkischen Medien?

Das Bild, das sie der Öffentlichkeit in den letzten Tagen geben, ist meiner Meinung nach zutiefst beschämend. Letzten Freitag und Samstag, als die bisher größten Strassenkämpfe stattfanden zwischen Polizei und Volk, habe ich mich durch alle wichtigen Nachrichtensender gezapft. NTV (nicht zu verwechseln mit n-tv Deutschland) zeigte eine Sendung über die guten Restaurants in der Türkei.

Auf CNN-Türk gab es eine Dokumentation über Pinguine.  CNN-International dagegen sendete die erschreckenden Livebilder aus Istanbul.

In zwei anderen Nachrichtensendern liefen Tele-Shop Sendungen. Der staatliche TRT, der 10 nationale Sender, darunter einen reinen News-Kanal hat, verschwieg den Protest völlig. Von Taksim auch hier nichts zu sehen. Darf ich dabei an „Gleichschaltung“ denken?

Dass Erdogan Facebook und Twitter als „Unheil“ bezeichnet, ist da nur folgerichtig. Das sind sie auch für ihn. Denn die sozialen Medien haben die Rolle des kritischen Journalismus übernommen. Ein bekannter türkischer Kolumnist, Bekir Coskun schrieb am Sonntag, dass die Presse gnadenlos versagt hat, dass diese Aufgabe aber von Millionen von Facebook- und Twitternutzern übernommen haben. Millionen von Journalisten, Redakteuren und Fotografen liefen Informationen. Man kann einfach nichts mehr verbergen. So leid es mir für Erdogan auch tut.

Zum Schluss eine persönliche Bemerkung. Ich habe in Istanbul studiert und habe viele sehr gute Freunde dort. Einige von den sind politisch, aber für die Mehrheit ist oder besser gesagt war Politik bis zum Tag von Taksim etwas, das sie nicht berühren wollten. Erdogan schien übermächtig und stark. Alle fühlten sich auf der Verliererseite und nahmen das auch so hin. Hauptsache, die Miete ist bezahlt.

Seit Taksim klingt das anders.  Ein Freund, der noch nie auf einer Demo war und der die Türkei eigentlich nur an Raki und Meze Abenden „gerettet“ hat, sagte mir gestern, „Erkan, wir haben Blut geleckt und wir werden wieder kommen, immer wieder kommen!“

Sorry, Herr Erdogan. Wir fangen erst an. Die Türkei gehört uns, nicht Ihnen. Occupy Zukunft!

Titelfoto: (c) Yunus Emre Tolan

Ein Ü-Wagen einer TV-Anstalt, von Demonstranten aus
Wut demoliert, weil die meisten Medien
kaum bis gar nicht oder regierungstreu berichten.
Direkt am Taksim Platz, in der Nähe des Hotels  The Marmara

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