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Selbst ist das Dorf

Von Daniel Lehmann / 25. Februar 2016
Credits: Siebenlinden;

Strohballenhäuser statt Hochhaussiedlung: Im Ökodorf Sieben Linden leben Menschen nachhaltig und selbstversorgt – und entschleunigen so ihren Alltag.

Nur noch 16 Prozent der Deutschen werden laut Statistischem Bundesamt im Jahre 2050 auf dem Land wohnen, aktuell sind es 25 Prozent. Weltweit leben einer UN-Studie zufolge 2050 zwei Drittel aller Menschen in Städten. Im Schatten der rasanten Urbanisierung haben sich längst Konzepte etabliert, die diesem Trend entgegenwirken, wenn auch bislang noch in deutlich kleinerem Umfang.

Das Ökodorf Sieben Linden in der Altmark in Sachsen-Anhalt ist ein solches Anti-Urbanisierungs-Konzept. Das Gemeinschaftsprojekt macht seit 1997 vor, wie ein ökologisch, ökonomisch und sozial nachhaltiges Leben fern der Metropolen aussehen kann. Auf einem inzwischen 81,5 Hektar großen Stück Land versuchen derzeit rund 140 Menschen weitgehend selbstversorgt und umweltschonend zu leben.

Umweltfreundliche Strohballenhäuser

Auf sieben Hektar Land betreiben sie ökologischen Gartenbau. Das so produzierte Obst und Gemüse deckt 70 Prozent des Gesamtbedarfs im Dorf ab. Was fehlt, kaufen die Bewohner von einem Bio-Großhändler dazu. Gegen einen Pauschalbeitrag gibt es in den Vorratsräumen Lebensmittel zur freien Verfügung und Mahlzeiten aus der Gemeinschaftsküche. Auch Feldfrüchte, Getreide und Hülsenfrüchte wollen die Menschen in Sieben Linden in Zukunft anbauen. Bis zu 300 Personen sollen im Ökodorf später leben.

Untergebracht sind die Dorfbewohner zumeist in Niedrig-Energiehäusern in Strohballenbauweise oder Bauwagen. Bei diesen Häusern werden in ein Holzgerüst gepresste Strohballen als Wandmaterial verwendet, das besonders gut dämmt. Von außen und innen wird das Ganze mit einer Lehmschicht verputzt. Die Rohstoffe für den Häuserbau stammen größtenteils aus der Region, teilweise sogar vom Gelände des Ökodorfs. Geheizt wird mit Solarenergie und mit Holz, überwiegend aus dem eigenen Wald. In den Häusern sorgen Holzvergaserheizungen für sehr geringe Abgaswerte. Eigene Photovoltaikanlagen erzeugen 60 Prozent des benötigten Stroms.

Langwieriges Aufnahmeverfahren

Seit 2007 wohnt der Filmemacher Michael Würfel in Sieben Linden. Zu seiner Motivation, aus Hannover in das Ökodorf zu ziehen, sagte er 2012 in einem Spiegel-Interview: „Ich war einfach genervt von der Stadt. In Hannover wohnte ich wegen meiner damaligen Freundin, obwohl ich nie dort leben wollte. Ich fand die ganze Werbung, den dichten Verkehr unerträglich. Ich habe mich permanent genötigt gefühlt, dieses oder jenes cool zu finden und zu kaufen.“

Wer in Sieben Linden leben möchte, muss sich auf einen längeren Annäherungsprozess einstellen. Das erste Kennenlernen erfolgt unter anderem bei den sogenannten Projektinformationstagen, die an neun Wochenenden im Jahr stattfinden. An diesen Tagen werden die grundlegenden Mechanismen und Aufgaben im Dorf vorgestellt. Im Anschluss können sich Interessierte für einen siebentägigen Intensivkurs anmelden, in dem konkreter über die Organisationsstruktur und den Gemeinschafts- und Projektbau im Ökodorf gesprochen wird.

Sieben Linden ist kein Therapieort

Erst dann besteht die Möglichkeit, von Sieben Linden eine Einladung zum zweiwöchigen Gemeinschaftskurs zu erhalten, der jährlich über Ostern stattfindet. Anschließend wählen die Bewohner unter den Interessierten aus, wer für eine einjährige Probezeit aufgenommen wird. Ist diese vorüber, müssen mindestens zwei Drittel der Dorfbewohner einer Aufnahme zustimmen, sonst ist die Bewerbung gescheitert. „Der Bewerbungsprozess in Sieben Linden war zwar langwierig, aber ich konnte in Ruhe prüfen, ob ich mit den Menschen dort auch leben will“, so Michael Würfel.

Grundsätzlich steht das Tor zu Sieben Linden jedem offen. Eine bevorzugte Weltanschauung, Religion oder spirituelle Neigung gibt es nicht. „Sieben Linden ist allerdings kein Therapieort, hier wird kein Mensch ohne Perspektive aufgefangen“, stellt Marina Schedlbauer vom Infobüro-Team des Dorfes klar. Ältere Personen und Menschen mit Behinderung seien aber voll in die Gemeinschaft integriert.

Die Menschen wollen entschleunigen

„Die Mischung hier ist sehr bunt: von jungen hippen Menschen über Selbstversorger bis zu Eltern, die für ihre Kinder ein anderes Umfeld suchen“, so Michael Würfel. Das Zusammenleben ist geprägt von regelmäßigen Veranstaltungen im Dorf sowie ehrenamtlicher Mitarbeit. Menschen mit ähnlichen Interessen leben als Wohngemeinschaft zusammen in einem der Strohballenhäuser. So ist den Nachbarschaftshäusern „81,5“ beispielsweise ein unkompliziertes Nebeneinander mit gegenseitiger Unterstützung wichtig, während das Haus „Brunnenwiese“ Bewohner vereint, denen Spiritualität und Heilung besonders wichtig sind.

„Dass das Konzept der Ökodörfer Potenzial hat, zeigt sich an den jüngsten Erfolgsbeispielen“, sagt Marina Schedlbauer. So sei die erst 2010 ins Leben gerufene Gemeinschaft Schloss Tempelhof im Nordosten Baden-Württembergs mit 90 Erwachsenen und 30 Kindern schon jetzt fast so groß wie Sieben Linden. Man betrachte sich aber nicht als Konkurrenten, sondern tausche sich unter anderem über das Globale Ökodorf-Netzwerk Europa miteinander aus.

Schedlbauer beobachtet, dass das Interesse an Sieben Linden über die Jahre spürbar gestiegen ist. „Die Leute rufen hier an und sagen, wie unzufrieden sie mit ihrem Leben sind“, sagt Marina Schedlbauer. Angesichts momentaner und immer wiederkehrender Krisen finde langsam ein Umdenken statt. „Das Ego steht bei vielen nicht mehr im Vordergrund. Sie wollen mehr zusammenrücken, teilen und vor allem ihren Alltag entschleunigen.“

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