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Oh, wie schön ist Panama?

Von Nico Schmolke / 16. Februar 2016
Nico Schmolke

Panama ist das Paradies, so die deutsche Vorstellung seit Janoschs Kinderbuch-Klassiker. Wer vor Ort ist, merkt schnell: Das Paradies ist gar nicht so einfach zu finden.

Der Bär entdeckt im Fluss eine mit „Panama“ beschriftete Holzkiste, die nach Bananen riecht. Er sagt zu seinem Freund: „Tiger, weißt du eigentlich, dass in Panama alles viel schöner ist? Wir müssen sofort nach Panama.“

Die Vorstellung vom Paradies war geboren. Mit einem Schlag machte der Kinderbuchautor Janosch im Jahr 1978 das kleine Land am südlichen Ende Zentralamerikas deutschlandweit bekannt. Die Vorstellung vom Paradies war geboren. „Oh, wie schön ist Panama“ – kaum ein Deutscher, der diesen Buchtitel nicht kennt. Doch wie viel Paradies steckt wirklich in Panama?

Station 1: Panama-Stadt
Das Herz Panamas ist die Hauptstadt, Panama-Stadt, in der die Hälfte der Bevölkerung des Landes zu Hause ist und sich fast die gesamte Wirtschaft konzentriert. Lebenselixier ist der Panama-Kanal. Er verbindet Pazifik und Atlantik und ist die Geldmaschine des kleinen lateinamerikanischen Staates.

In keinem anderen Staat der Welt sind mehr Schiffe angemeldet. Panama lebt vom Transit und der Containerwirtschaft. Neben dem Schiffsverkehr sind die Banken das zweite ökonomische Schwergewicht, vor allem dank geringer Steuern. Dadurch macht der Dienstleistungssektor mehr als 80 Prozent der Wirtschaftsleistung aus.

Kein lateinamerikanisches Land wächst schneller als Panama, Menschen aus der ganzen Welt kommen zum Arbeiten in das Land. Neue Bürotürme bereichern die atemberaubende Skyline der Hauptstadt, der gewaltige Panama-Kanal wird ausgebaut, neue Häfen, Krankenhäuser entstehen, es boomt an allen Ecken und Enden. Ein erstes Paradies wäre gefunden, ein wahres Steuer-, Banken- und Wirtschaftsparadies. War es das, was Janosch mit dem paradiesischen Panama meinte?

Carlos, 26 Jahre alt, ist zum Arbeiten nach Panama gekommen. Er stammt aus Venezuela, wartet auf ein Visum für Kanada, und will in der Zwischenzeit gutes Geld verdienen. Für ihn ist Panama kein Paradies. „Die Vorstellung vom Paradies wird euch vielleicht verkauft, damit ihr Panama besucht.“

Zwar gebe es viele schöne und sichere Orte, mit der Zeit hat Carlos für sich selbst den touristischen Reiz des Landes entdeckt. Doch wenn er in Panama-Stadt unterwegs ist, sieht er auch die anderen Seiten: Viele Menschen schlafen trotz des Booms unter Brücken, arbeiten ohne jede Absicherung als Tagelöhner, sammeln Müll, lotsen Touristen zu Sehenswürdigkeiten. Offene Abwasserkanäle machen die Menschen krank. Hochhäuser, Armensiedlungen, Strandpromenaden und restaurierte Altstadt stehen dicht an dicht, dazwischen Taxis und Busse und wenig Ruhe. Lebensqualität und gerechte Verteilung sehen anders aus.

Station 2: Hochhäuser am Pazifik

Am Freitagabend verlassen Zehntausende die Stadt in Richtung Westen und quälen sich im endlosen Stau zu ihren Wochenenddomizilen an der Pazifikküste. Wer es sich leisten kann, hat dort Wohnungen in Hochhäusern direkt am Meer angemietet. Aus europäischer und US-amerikanischer Sicht sind diese riesigen Wohnungen mit Meeresblick richtig billig.

Linda ist 65 Jahre alt und pensionierte Krankenschwester aus den USA. Sie wohnt seit zwei Jahren in Panama. Für ihre Wohnung im neunten Stock mit großem Balkon direkt am Meer zahlt sie gerade mal 1.400 US-Dollar pro Monat. Die Wohnung ist eigentlich für sechs Menschen ausgelegt, aber Linda verbringt dort ihren Ruhestand allein. Nur Hündin Kathi ist an ihrer Seite.

Für Linda ist Panama tatsächlich das Paradies. Unter der Woche, wenn die Städter arbeiten, ist kein Mensch am traumhaft flachen Sandstrand. Dann reitet Linda auf ihrem Pferd durch Sand und Wasser in den Sonnenuntergang hinein. Sie ist keine Millionärin und doch kann sie es sich leisten, sich ihren Kindheitstraum zu erfüllen. „Ich bin ein Beach-Girl. Ich wusste, eines Tages werde ich direkt am Strand wohnen, mit einem Pferd und allen Freiheiten, die einem das Leben gibt“, erzählt sie.

Schön ist diese Ecke Panamas abgesehen vom Strand jedoch weniger, Touristen aus dem Ausland verirren sich kaum hierher. Wegen der vielen ausländischen Ruheständler schießen riesige Malls nach US-amerikanischem Vorbild aus dem Boden, die Kombination aus weißen Hochhäusern und gruseligen Brachflächen ist keine Augenweide. Im Einklang mit der Natur? Fehlanzeige. Müll liegt herum, Plastik wird verbrannt, im Supermarkt gibt es trotz lokaler Landwirtschaft Importprodukte. Die Pensionäre wollen es so.

Station 3: Kuna-Inseln

Vielleicht liegt das Paradies also woanders in Panama. Die Kuna-Inseln bieten Strand, Palmen, Sonnenschein, leckeren Fisch und unzählige Kokosnüsse, fern jeglicher Zivilisation. Kommt das nicht der Vorstellung von Janosch nahe, von ursprünglichem Leben? Wenn etwas Paradies sein muss, dann die Inseln der Kuna Yala, einem indigenen Volk im Nordosten Panamas.

Seit etwa 1800 leben die Kuna Yala auf hunderten Inseln entlang der Küste. Touristen können Ausflüge zu dorthin buchen und in Holzhütten schlafen. In drei Minuten sind die meisten Inseln umrundet, Strand, Meer und Sternenhimmel übertreffen jede noch so bemühte Beschreibung. Nachts steigt der Mond aus dem Meer, und er ist so rot, wie man es sonst nur von der Sonne kennt, wenn sie in das Meer eintaucht. Ja, hier lässt es sich für ein paar Tage leben, ohne Internet, ohne Terminkalender, ohne Schuhe. Für viele Touristen ist das ein wahres Paradies.

Kathi, 24 Jahre alt, ist nur für einen Tag auf einer der Inseln. Ab und an macht sie dort ein bisschen Urlaub, keinesfalls aber am Wochenende. Sie ist auf einer Nachbarinsel geboren und aufgewachsen, gehört also den Kuna Yala an. Jetzt studiert sie auf dem Festland. Am Wochenende sei alles voller Touristen, sagt sie genervt. „Natürlich, die Jobs sind lebensnotwendig, endlich verdient unser Volk Geld.“

Doch die Natur leidet, Korallenriffe werden zerstört, die Ruhe des abgeschiedenen Volkes ist dahin. Die meisten jungen Kunas verlassen ihre Heimat, um zu studieren und zu arbeiten. Einst bewohnte kleine Inseln werden entvölkert, andere sind zu Touristen-Hochburgen mutiert. Das Flair der unberührten Inseln, bewohnt von Indigenen, ist nur in den Reisekatalogen zu finden. Vor Ort muss man es angesichts des Tourismusbooms und des Geldwahns einiger Kunas lange suchen. Dennoch, für Kathi bleibt ihre Heimat paradiesisch, der Natur wegen.

Für den Kuna Pali sind vor allem die finanziellen Gewinne durch die Touristen paradiesisch. Pali verwaltet eines der Feriendomizile. Abends liegt er in seiner Hängematte und scrollt stundenlang durch seine Facebook-Chronik. „Im September besuche ich meine Freundin in München“, sagt er.

Ein Dorfleben gibt es auf seiner Insel schon lange nicht mehr. Pali war früher sportlich wie alle Kunas, erzählen einige Feriengäste, jetzt hat er einen Bauch, oft schenkt er Rum aus. Der Alkohol scheint zu kompensieren, dass es auf der Insel zwar Geld zu verdienen, aber kein Leben zu leben gibt.

Das viele Geld der Touristen landet in den Taschen weniger. Auf den Hauptinseln der Kunas stapelt sich der Müll, es stinkt, fast alle Bäume sind abgeholzt, die Hütten stehen dicht an dicht. Kein Wunder, dass viele junge Kunas gehen. Den Touristen wird dieser Teil der Realität nicht vorenthalten, mit dem Boot geht es an den Inseln vorbei. Doch viele ignorieren diese Kehrseite gerne für ihr kleines privates Urlaubsglück.

Panama kann Paradies sein, herrliche Regenwälder und Strände, saftige Früchte und nette Menschen. Doch auch die Pappe als Bett auf der Straße ist Panama. Genauso wie zerstörte Kultur- und Naturlandschaft. Ein lauter, dreckiger Ort, der hinter seiner schönen Fassade vor allem eines ist: unbarmherzig.

Autor Janosch hatte Panama für sein Buch damals zufällig ausgewählt. Der Name höre sich so schön an, sagt er immer wieder in Interviews. Nur: Realität und Vorstellung finden selten zusammen. Tiger und Bär kommen nie in Panama an. Sie landen wieder in ihrem alten Zuhause, im falschen Glauben, Panama gefunden zu haben, und fühlen sich doch wie im Paradies. Am Ende heißt es deshalb bei Janosch:

„O Bär“, sagte der kleine Tiger, „ist das Leben nicht schrecklich schön?“ „Ja“, sagte der kleine Bär, „schrecklich und schön.“ Genau wie Panama.

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