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debatteAlle zusammen?

Von Christina Mikalo / 31. März 2017
Credits: Pixabay/ hannahalkadi; Lizenz CC0

Kinder mit und ohne Handicap sollen in Deutschland gemeinsam unterrichtet werden. So steht es in Artikel 24 der seit 2009 geltenden UN-Behindertenrechtskonvention. Ein klarer Fall also. Eigentlich.

Laut einer Pressemitteilung des Deutschen Instituts für Menschenrechte wird „über Inklusion zwar viel geredet, aber die Strukturen zur Verwirklichung von Inklusion werden in Bund, Ländern und Kommunen nicht ausreichend geschaffen.“ Es hapert also, wie sooft, an der Umsetzung.

So besuchen noch immer vergleichsweise wenig Kinder Regelschulen. „Im Schuljahr 2015/16 hatten 7,1 Prozent aller Schüler einen diagnostizierten sonderpädagogischen Förderbedarf. Von diesen wurden nur 37,7 Prozent an allgemeinen Schulen unterrichtet“, sagt der Bildungsforscher Klaus Klemm.

Keine Schulpflicht für behinderte Kinder bis 1960

Der Wert ist gering. Aus historischer Sicht ist er dennoch ein Gewinn. Früher wurden behinderte Schüler deutlich öfter ausgegrenzt als heute.

Laut dem Internetportal Intakt blieben Menschen mit Handicap vor 1960 meist von der Schulpflicht befreit. Sie lernten zu Hause oder in Heimen. Förderschulen, die auf ihre Bedürfnisse eingingen, gab es nicht.

Das änderte sich erst, als Eltern und Lehrer Einrichtungen wie die Marburger Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind gründeten. 1968 entstand mit der Aktion Sonnenschein das erste inklusive Modell – und machte im wahrsten Sinn des Wortes Schule. Nach und nach führten die Bundesländer eigene Inklusionskonzepte ein. Heute gibt es eine Vielzahl verschiedener Ansätze.

Genau das ist nach Klemm ein Problem. „Von bundesweit vergleichbaren Chancen auf Teilhabe an Inklusion kann noch keine Rede sein.“ Besonders deutlich werde das am Vergleich von Stadtstaaten und Bundesländern: Während in Bremen fast 70 Prozent aller Förderschüler an Regelschulen lernen, sind es in Hessen nur 21,5 Prozent.

Je höher die Bildung, desto weniger Inklusion

Doch nicht nur auf Länderebene unterscheidet sich der Inklusionsanteil erheblich. „Unverändert gilt in Deutschland: Je höher die Bildungsstufe, desto geringer sind die Chancen auf Inklusion“, so Klemm. Das heißt: In Kitas spielen Kinder mit und ohne Handicap meist gemeinsam. Auf den weiterführenden Schulen sieht das anders aus – nur jeder zehnte Förderschüler besucht die Realschule oder das Gymnasium. Zum Vergleich: In der Grundschule beträgt der Inklusionsanteil 46,9 Prozent.

Auch gehen viele Behinderte auf Sonderschulen, wodurch sie kaum in Kontakt zu Gleichaltrigen ohne Handicap kommen. Trotzdem wird gemeinsames Lernen laut Klemm immer mehr zum Regelfall.

Doch ist Inklusion stets der richtige Weg? Kinder mit Handicap müssen oft individuell betreut werden. Das gelinge spezialisierten Förderschulen häufig besser als Regelschulen, meint der Präsident des Deutschen Lehrerverbands Josef Kraus. Inklusion sei nur dann sinnvoll, wenn „begründete Aussichten bestehen, dass ein Schüler das Bildungsziel der betreffenden Schulform erreichen kann und die Regelklasse durch die Inklusion nicht über Gebühr beeinträchtigt wird.“

Klemm sieht das anders: „Studien zeigen, dass Eltern, deren Kinder in inklusiven Klassen lernen, den Unterricht der Lehrkräfte deutlich positiver wahrnehmen als Eltern, deren Kinder in Klassen ohne Kinder mit Behinderungen lernen.“

Jedes Land integriert anders

Während in Deutschland noch über Inklusion diskutiert wird, ist das gemeinsame Lernen in anderen Staaten bereits Alltag.

In Frankreich verpflichtet das „Rechts- und Chancengleichheitsgesetz“ Schulen zur Aufnahme behinderter Kinder. Förderschulen kommen nur bei starker körperlicher oder geistiger Beeinträchtigung in Frage.

In Italien gibt es dagegen schon seit 40 Jahren keine Sonderschulen mehr. Mit individuellen Lernplänen nehmen Schüler mit Handicap teilweise am regulären Unterricht teil. Darüber hinaus werden sie in gesonderten Fächern betreut.

Auch in Großbritannien gibt es kaum Förderschulen. Nur Kinder mit schweren Behinderungen lernen getrennt, alle Anderen machen den Regelunterricht mit. An jeder Schule gibt es zudem einen Koordinator für „spezielle pädagogische Anforderungen“.

Seit 1975 existiert in den USA der „Individuals with Disabilities Education Act“, der das gemeinsame Lernen von Kindern mit und ohne Behinderung ermöglicht. Rund 60 Prozent aller behinderten Heranwachsenden besuchen reguläre Schulen.

Nicht in allen Ländern schreitet die Inklusion derart voran: Obwohl Russland 2012 die UN-Konvention unterzeichnet hat, wird der Großteil der Kinder mit Handicap nach wie vor gesondert unterrichtet.

Nicht nur Deutschland ist also weit von einer gelungenen Umsetzung des Abkommens entfernt. Um das zu ändern, „brauchen wir mehr Vorbereitung der Schulen, bessere Fort- und Weiterbildung der Lehrkräfte und – von Land zu Land unterschiedlich ausgeprägt – mehr zusätzliche Lehrerstellen und Mittel für die Umrüstung der Schulen auf inklusives Unterrichten“, glaubt Klemm.

Daneben könnte es helfen, Inklusion breit zu diskutieren – damit das Projekt nicht zum Blindflug wird.

 

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Pro | Nicht nur theoretisch möglich

Contra | Bitte mehr Anspruch

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