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proPapier statt PDF

Von Christina Mikalo / 4. August 2017
Credits: Pixabay/ Gellinger; Lizenz CC0

In Zeiten des eBooks sind gedruckte Texte überflüssig? Von wegen! Wer auf Papier liest, hat mehr davon als nur einen Zeitvertreib. Ein Plädoyer für das gedruckte Wort.

Winston Churchill hatte ein besonderes Verhältnis zu Büchern: „Wenn du nicht all deine Bücher lesen kannst, dann nimm‘ sie wenigstens zur Hand, streichle ein wenig über sie, schau‘ etwas hinein, lasse sie irgendwo auffallen und lies die ersten Sätze, auf die dein Auge fällt, stelle sie selbst aufs Bord zurück, ordne sie nach deinen Vorstellungen so, daß du wenigstens weißt, wo sie sind.“ Nicht nur für Churchill waren Bücher Kostbarkeiten.

Gut für das Gehirn

Zunächst zu den kognitiven Vorteilen des Lesens auf Papier: Wie der Wissenschaftsjournalist Ferris Jabr in der Zeitschrift Spektrum schreibt, betrachten wir Lesen oft als etwas Abstraktes. Tatsächlich werden Texte in unserem Kopf jedoch regelrecht „abgetastet“. Im Gehirn sind daher auch Regionen für das Lesen zuständig, die sonst Objekte erkennen – einen Apfel beispielsweise.

Lesen ist für unser Gehirn ein Mix aus Sehen, Motorik und Sprache. Viele Dinge passieren gleichzeitig. Weil Lesen uns deshalb enorm fordert, mag es unser Gehirn, wenn Texte einfach und fühlbar daherkommen – und Papier lässt sich viel besser „befummeln“ als ein Bildschirm.

Auch dem Auge tut es gut, wenn es sich auf eine Buchseite anstatt auf einen grellen Screen richten kann, auf dem im Minutentakt die neueste Whatsapp-Nachricht aufblinkt. Scrollen ist Gift für die Konzentration: hoch, runter, all das in einem Affentempo – stressig! Ruhe bringt uns dagegen die klare Struktur der Papierseite.

Erinnern und Einfühlen

„Halt!“, schreien jetzt die Kindle-Jünger. Nur, weil unser Gehirn es manchmal gern bequem mag, sollen wir Harry Potter weiter auf Papier lesen? Ganz genau – aber nicht nur deshalb.

Eine Studie der norwegischen Stavanger Universität hat das traditionelle mit dem digitalen Lesen verglichen. 50 Leser bekamen eine Kurzgeschichte vorgelegt. Die eine Hälfte las sie in Buchformat, die andere digital mit dem Kindle. Danach sollten die Teilnehmer den Inhalt wiedergeben. Die Kindle-Leser schnitten dabei deutlich schlechter als die Buchleser ab.

Warum ist das so? Laut dem Buchwissenschaftler Adriaan van der Weel verknüpfen wir beim Lesen Textpassagen mit ihrer Lage im Buch. Diese Fähigkeit, einen Inhalt einer Position im Text zuzuordnen, schult das Erinnerungsvermögen. Die haptische Erfahrung des Umblätterns verstärkt diese Wirkung möglicherweise noch.

Jede neue Seite führt uns also ein Stück tiefer hinein in eine fiktive Welt. Kein Wunder, dass Lesen die Fantasie fördert! Bücherleser entwickeln darüber hinaus Empathie, erweitern ihren Wortschatz und ihre Fähigkeit zum abstrakten Denken nachweislich besser als Nichtleser oder Digitalleser. Denn ähnliche Lerneffekte hat man für das Lesen am Bildschirm bislang nicht nachgewiesen.

Rebellion gegen den Gerätezwang

Trotz der vielen Vorteile, die das Lesen gedruckter Texte für uns bietet, greifen laut dem Berliner Tagesspiegel vor allem Jugendliche in ihrer Freizeit immer weniger zu Büchern.

Sind die Vorzüge des Lesens auf Papier vielleicht im Geräte-Dschungel vergessen worden?

Elektronische Geräte existieren heute überall. Schon Babys werden von ihren Eltern mit iPads abgelenkt. Darin sieht die Erziehungswissenschaftlerin Theresa Schillhab eine Gefahr: Je mehr wir uns unseren Geräten zuwenden, desto weniger erfahren wir die materielle Welt selbst. Schillhab zufolge würden eigene, unmittelbare Erlebnisse seltener. Stattdessen befassten wir uns nur fast nur noch mit dem, was auf YouTube, Instagram oder Snapchat passiert.

Noch weiß die Forschung nicht sicher, was die Dauernutzung von Medien psychologisch langfristig mit uns macht. Gesellschaftlich jedoch steige der Druck, elektronische Geräte zu nutzen, sagt van der Weel. Warum aber sollte ich mir ein Tolino kaufen, wenn ich nicht weiß, ob ich damit meinem Gehirn und meinen Gefühlen etwas Gutes tue?

Lesen ist eine emotionale Angelegenheit. Sicher würde es mich sehr wütend machen, wenn mir in einer Schlüsselszene eines Romans der Strom ausgeht oder das eBook herunterfällt und kaputt geht. Mit einem Buch aus Papier kann das nicht passieren: Kaffeeflecken und Eselsohren sind Liebesbekundungen der Selbstvergessenheit, in die ich beim Betreten einer fiktiven Welt (hoffentlich) gerate.

Gedruckte Texte haben aber nicht nur einen persönlichen Wert. Sie tragen auch ein Stück menschliche Kulturgeschichte in sich. Gerade alte Bücher sind oft aufwändig verziert. Kein Wunder, dass Churchill sie auf so liebevolle Weise beschrieben hat: „Lass‘ sie deine Freunde sein; lasse sie auf alle Fälle deine Bekannten sein.“

 

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