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contraWarum wir selten selbst bestimmen

Von David Sahay / 15. April 2016
Credits: Caro Wallis/ flickr; Lizenz CC BY-NC-ND 2.0

Wir werden bestimmt von Rücksichtnahme, Zwängen und Pflichten. Vieles davon tarnt sich als freie Entscheidung. Die wahre Selbstbestimmung bleibt meistens auf der Strecke.

Ist jemand unabhängig, regelt und vertritt seine Angelegenheiten selbst, heißt das Selbstbestimmung. Zumindest im Wörterbuch. Denn die Selbstbestimmung gibt es nur auf dem Papier. Hat man eins zur Hand, kann man sie sich, wenn man denn will, selbst ausrechnen: Ein Nullsummenspiel. Denn zunächst müssen wir abziehen, was die Selbstbestimmung beschneidet.

Laut der Soziologie orientieren wir uns nach der Geburt gleich an unseren Eltern, Lehrern und Mitmenschen, werden „sozialisiert“. Wie unser Umfeld denkt, fühlt und handelt, übernehmen wir für uns. „Kurzum: Das Menschenkind ist amoralisch und abhängig“, schreibt etwa der deutsche Soziologe Heiner Meulemann in „Soziologie von Anfang an“. Gleich zum Start leben wir also das Gegenteil von Selbstbestimmung.

Freiheit muss man sich leisten können

Auch später bleibt Selbstbestimmung für uns eigentlich unmöglich, denn fast jede Entscheidung im Leben kostet Geld. So bin ich Journalist geworden, weil mein Vater es sich leisten konnte: Er ermöglichte meine schlecht bezahlten Nebenjobs bei namhaften Zeitungen, unbezahlte Praktika und die Privatschule für Reporter.

Wir sind nur so frei, wie es unsere finanzielle Situation erlaubt. Deshalb gehen die meisten von uns arbeiten. Wer sagt, er lebe, um zu arbeiten, sein Job sei total toll und selbstbestimmt, der horche in sich hinein: Arbeiten bedeutet, für einen Zeitraum bezahlt zu werden, in dem man lieber etwas anderes machen würde. Das ist immer der Fall. Gibt es nichts Besseres, als gerade im Büro sitzen oder mit Laptop im Park?

Mit Kind fällt das Entscheiden schwerer

Wir arbeiten also nicht selbstbestimmt. Daran hat die moderne Wirtschaft, die uns scheinbar immer mehr Freiräume lässt, eigentlich nichts geändert. Denn Projektarbeit, flache Hierarchien und Homeoffice werden erkauft durch eine unsichere Zukunft.

Wir sind flexibler, können aber auch schlechter planen. Ohne planbare Karriere ist auch der Rest des Lebens nicht wirklich selbst zu bestimmen. Das beschreibt auch der amerikanische Soziologe Richard Sennett in seinem Buch „Der flexible Mensch“. Er fragt: „Wie aber können langfristig Ziele verfolgt werden, wenn man im Rahmen einer ganz auf das Kurzfristige ausgerichteten Ökonomie lebt?“ Sennett gibt die Antwort später selbst: Das wird schwierig.

Selbst unsere eigenen Ziele stehen am Ende unserer Selbstbestimmung im Weg. So ein Ziel könnte etwa die Geburt und Erziehung eines Kindes sein. Damit übernehmen wir erstmals ernsthaft Verantwortung für mehr als uns selbst.

Liebesbeziehungen zu Partnern können wir beenden. So werden laut dem Statistischen Bundesamt etwa 35 Prozent aller in einem Jahr geschlossenen Ehen im Laufe der kommenden 25 Jahre geschieden. Mit Kind aber fällt nicht nur die Scheidung schwerer, sondern jede Entscheidung. Jeder unserer Wünsche und jedes unserer Ziele muss sich der Verantwortung unterordnen. Wieviel Freiraum bleibt da für die Freiheit?

Jeder will frei sein

Doch selbst ohne Kinder haben wir Pflichten. Als Teil einer Gesellschaft haben wir sogar eine Verantwortung: Wir sollten wählen gehen, Steuern zahlen, müssen uns versichern. Wir sind eine Solidargemeinschaft, die vieles von einer Regierung für alle bestimmen lässt. Leistungen vom Staat werden von allen anteilig bezahlt. Selbst, wenn wir krank werden, kommen alle dafür auf. So werden die Freiheiten des Einzelnen erst von vielen ermöglicht.

Umgekehrt heißt das aber auch: Selbstbestimmung hört da auf, wo die Freiheit der anderen anfängt. Und auch die haben Wünsche und Ziele. Ob lautes Musikhören in der eigenen Wohnung oder die Flitzertour durch den Park: Wir nehmen Rücksicht auf unsere Mitmenschen und opfern dafür ein Teil unseres freien Willens.

Besser einen Bart

Egal also, ob in Familie, Bekanntenkreis, Job oder Gesellschaft: Wir üben uns in Rücksichtnahme, Zwängen und Pflichten. Was übrig bleibt, können wir wirklich selbst bestimmen. Es gibt sie schon, die Selbstbestimmung. Jedoch nur in einem eng umgrenzten Rahmen.

Das muss nicht schlecht sein. Denn wo wir selbst bestimmen können, sind wir auch häufig von scheinbar endlosen Möglichkeiten überfordert. Ich zum Beispiel wünsche mich manchmal in der Zeit zurück. Oder ich wünsche mir zumindest einen Bart. Das wäre eine Entscheidung, die immer wieder hip sein wird. Die regle und vertrete ich erstmal nur für mich selbst. Und ich sähe ziemlich unabhängig damit aus. Was also hindert mich am Bart? Ich muss nur noch schnell diesen Artikel veröffentlichen.

 

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