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proImpfen dient dem Schutz aller

Von Severin Schmidt / 9. April 2015
flickr http://bit.ly/1MsDvhO / CC BY 2.0

Eine an klare Kriterien gekoppelte Impfpflicht schützt die Bevölkerung. Individuelle Glaubensgrundsätze sind zweitranging, wenn es um die Gesundheit aller geht.

Während des Masernausbruchs in Deutschland im Winter 2014/2015 sind hunderte von Kindern an Masern erkrankt, manche daran gestorben – trotz guter gesundheitlicher Versorgung der Bevölkerung und einfachem Zugang zu Impfstoffen.

Deutschland hat sich als Mitglied der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verpflichtet, Masern bis 2015 zu eliminieren und ist an diesem Ziel gescheitert. Das ist ein Offenbarungseid: Es wird Zeit für die Einführung der gesetzlichen Impfpflicht. Nur durch eine höhere Impfquote kann ein erneuter Ausbruch der Masern verhindert werden.

Keine Abhärtung im Stahlbad schwerer Krankheiten

Masern sind eine hoch ansteckende Krankheit, die gefährliche Komplikationen zur Folge haben kann. Laut dem Robert-Koch-Institut sterben in entwickelten Ländern zwischen 0,05 und 0,1 Prozent der an Masern erkrankten Personen. 0,1 Prozent der Erkrankten entwickeln eine postinfektiöse Enzephalitis, eine Entzündung des Gehirns, die zum Tod oder zu lebenslangen Behinderungen führen kann. Masern sind keine harmlose Kinderkrankheit.

Viele Impfgegner behaupten, es stärke ein Kind, wenn es an Masern erkranke. Hinter dieser Annahme schimmert ein problematisches Weltbild durch, das davon ausgeht, dass Menschen auf ihrem Lebensweg abgehärtet werden müssen und dass dies am besten im Stahlbad schwerer Krankheiten geschieht.

Dennoch sind nicht alle Argumente gegen das Impfen falsch. Beim Impfen sind schwere Nebenwirkungen möglich. Die Frage nach dem Zusammenhang mit Allergien ist zumindest nicht abschließend beantwortet, wobei einiges dagegen spricht, dass Impfungen die Entwicklung von Allergien begünstigen. Schwere Nebenwirkungen sind dennoch sehr selten. Die Wahrscheinlichkeit einer Erkrankung an Masern mit einem gefährlichen Verlauf ist dagegen deutlich höher.

Abwägung der Interessen

Ziel muss es sein, Masern und andere gefährliche Infektionskrankheiten zu eliminieren. Gerade die Personen, die nicht geimpft werden können, insbesondere Säuglinge und Menschen mit Autoimmunkrankheiten, müssen durch den Staat geschützt werden. Dieser Schutz ist nur durch eine hohe Impfquote möglich. Bei Masern sollte – nach Angaben der WHO – eine Quote von 95 Prozent erreicht werden.

Da wir in Deutschland gegenwärtig weit von diesem Ziel entfernt sind, wird über verschiedene Maßnahmen zur Erhöhung der Impfquote diskutiert, darunter intensive Aufklärung und Information. Letztere Maßnahmen sind sicher erforderlich. Allerdings wissen wir auch, dass ein harter Kern von Impfgegnern nicht für wissenschaftliche Argumente zugänglich ist. Da nützt auch die beste Informationskampagne nichts. Das Mittel der Aufklärung allein ist somit nicht geeignet, um die Impfquote zu erhöhen.

Impfgegner berufen sich auf ihre Persönlichkeitsrechte. Bei den meisten Streitfragen in einer Gesellschaft müssen Handlungen und Meinungen akzeptiert werden, auch wenn sie nur von wenigen Menschen geteilt werden. Allerdings findet diese Freiheit ihre Grenzen dort, wo sie andere Menschen in ihren Rechten einschränkt oder gar körperlich gefährdet. Das ist bei der Verweigerung der Impfung der Fall, wenn die Impfquote zu niedrig ist. Hier werden Kinder gefährdet, die sich selbst nicht wehren können. Es ist die Aufgabe des Rechtsstaates, in diesen Fragen einen Ausgleich zu schaffen. Bleibt die Impfquote zu niedrig, hat der Staat keine andere Wahl, als die gesetzliche Impfpflicht einzuführen.

Klare Kriterien für eine gesetzliche Impfpflicht

Eine gesetzliche Impfpflicht muss an klare Kriterien gekoppelt werden. Zunächst sollte die gesetzliche Impfpflicht nur dann greifen, wenn die Impfquote zu niedrig ist. Die Einführung eines Impfzwangs muss sachlich gut begründet sein. Die Impfquote sollte in einem wissenschaftlichen und transparenten Verfahren festgelegt werden.

Außerdem müssen die Gründe für das Impfen sowie die Vor- und Nachteile transparent dargelegt werden. Die Ständige Impfkommission, Gesundheitsämter, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung und nicht zuletzt Ärzte müssen verständlich und umfangreich über das Impfen informieren und als Gesprächspartner zur Verfügung stehen. Der Skepsis vieler Menschen muss mit Transparenz und darf nicht mit Arroganz begegnet werden. Das gilt auch – und gerade – für die pharmazeutische Industrie und medizinisches Personal. Viele Institutionen wie das Robert-Koch-Institut informieren bereits umfangreich.

Des Weiteren muss die Entscheidung für eine gesetzliche Impfpflicht nach einer breiten gesellschaftlichen Debatte vom Bundestag getroffen werden. Eine schnelle Einführung auf dem Verordnungsweg ohne Debatte würde für noch mehr Misstrauen sorgen und wäre kontraproduktiv.

Die Einführung einer gesetzlichen Impfpflicht mögen manche als unverhältnismäßigen Eingriff in ihre Lebensweise empfinden. Doch wir leben nicht in einem Staat, der individuelle Glaubensgrundsätze über den Schutz der Bevölkerung stellt. Zum Glück.

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Eine Antwort zu “Impfen dient dem Schutz aller”

  1. Von Miriam Godau am 5. November 2015

    Die gesetzlichen Impfpflicht ist ein schwieriges Thema bei Kindern – denn die Eltern entscheiden bisher laut Gesetz allein ob oder ob nicht. Dennoch verlangen viele Kindertageseinrichtungen Impfbescheinigungen. Was können die Einrichtungen tun wenn die Bescheinigung nicht vollständig ist?

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