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contraVerzicht auf Selbstkontrolle bringt keine Vorteile

Von Lilith Diringer / 28. Februar 2022
picture alliance / imageBROKER | Burkhard Sauskojus

Den neuesten Teil von Harry Potter nicht schauen zu dürfen, nur weil das entsprechende FSK-Alter noch nicht erreicht war, war in der Schulzeit Dauerthema. Nervigen Einschränkungen zum Trotz erkenne ich heute doch auch Sinnhaftes an der nicht ganz so freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft.

Veröffentlicht wird durch offizielle Medien in Deutschland nur das, was von der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) geprüft wurde. Der Schwerpunkt der Wiesbadener Einrichtung – die Altersangabe – hängt insbesondere von Gewaltdarstellung sowie sexuellen Szenen ab. Themen also, denen ein Kind nicht ausgesetzt sein sollte. Worum es nicht geht: Zensur.

Die psychologischen Effektekritischer“ Filme

Es geht um die Frage, ob Reife oder Verträglichkeit derartiger Inhalte überhaupt an ein Alter geknüpft werden können. Schließlich weise jede Person einen unterschiedlichen Erfahrungsschatz auf und der Umgang mit medialen Inhalten sei individuell verschieden, heißt es seitens der KritikerInnen. Durch medizinische und psychologische Forschung ist allerdings längst bekannt, dass bestimmte Altersgruppen grundsätzlich mit speziellen Darstellungen überfordert sind. Eine FSK-Kennzeichnung bewahrt womöglich nicht nur vor Albträumen und schlaflosen Nächten, sondern auch vor langfristig negativen Folgen.

Vorschulkinder seien dabei besonders langfristig beeinträchtigt durch das Zeigen von Gewalthandlungen, die an Urängste, wie z.B. Trennungen oder Tod erinnern, lautet eines der vordergründigen Argumente für die FSK. Leuchtet ja auch ein: Verstörende Leichenbilder oder schockierende, unerwartete Szenen können zur Entstehung von Ängsten führen. (Nicht nur bei Kindern.) Auch wenn mit zunehmendem Alter die Verarbeitungsfähigkeit von äußeren Einflüssen und Eindrücken in den allermeisten Fällen voranschreitet.

Kinder mittleren Alters, sprich Sechs- bis Elfjährige, reagieren besonders auf Darstellungen, die sehr realistisch sind und bereits Erlebtes in Erinnerung rufen können. Infolgedessen kann die Sorge entstehen, dass auch ihnen derart schreckliche Dinge (erneut) widerfahren können, Angstzustände nehmen dadurch zu, sagt die Wissenschaft. Klingt plausibel.

Zugleich können gewaltverherrlichende Darstellungen ganz allgemein bei ZuschauerInnen nicht nur in einer passiven Beeinflussung münden. Bei Gewalthandlungen unter Kindern stellt sich nicht umsonst die Frage, ob sie diesen negativen Umgang mit Auseinandersetzungen nachahmen oder woher sie etwa plötzlich Schimpfwörter kennen. Man darf vermuten, dass bestimmte Szenerien gerade Kindern als Vorlage für ihr Verhalten dienen werden.

Die positive Wirkung von Filmen mit niedriger Altersfreigabe

Im Gegenzug können Sendungen und Filme, die mit einer niedrigen Altersfreigabe versehen werden, eine positive Grundstimmung verbreiten. Auch vorhersehbare Happy Ends sind mitunter gar nicht langweilig, sondern können Kindern Durchhaltevermögen und Konfliktlösungswege aufzeigen. Außerdem kann die Vermeidung von Gewalt als Positivbeispiel erlernt werden, indem sich die ZuschauerInnen mit einer entsprechend handelnden Protagonistin identifizieren.

Orientierung statt Verbot

Letztlich liegt die Entscheidung bei den Erziehungsberechtigten. Denn sie können ihr Kind am besten einschätzen. Jugendliche selbst äußerten sich in einem Schreibworkshop des Berliner Tagesspiegel positiv zur FSK – als Orientierungshilfe für ihre Eltern. Diese könnten schließlich nicht jeden Film vorab anschauen und jedes Spiel testen, um festzustellen, ob das, was da zu sehen ist, auch kindgerecht sei, so die einhellige Meinung.

Und selbst wenn – Eltern sind in erster Linie Eltern, keine PsychologInnen. Ihnen fehlt im Zweifel das theoretische Wissen: Was auf dem heimischen Sofa auf den ersten Blick in Filmen und Werbesendungen nicht verstörend wirkt oder aus Erwachsenensicht als harmlos aufgefasst wird, kann unterschwellig bei Kindern oder Jugendlichen, bei denen die mentale Entwicklung noch nicht abgeschlossen ist, ungeahnte Auswirkungen zeigen. Wieso dieses Risiko eingehen? Hier kann die möglichst objektive Einschätzung von Fachleuten wie der Grundsatzkommission der FSK vorbeugen.

FSK–Guideline: nicht ob, sondern wie konsumieren

Die FSK bietet aber nicht nur eine Orientierung bei der Auswahl der Filme, sondern auch in der Art und Weise, wie mit diesen umzugehen ist. Das Ziel ist ja nicht unbedingt, heikles Material vorzuenthalten. Stattdessen sollte man es gemeinsam ansehen und reflektieren. Eine Altersbeschränkung ist am Ende sowieso kein striktes Verbot, sondern eher ein Warnhinweis: mit Vorsicht zu genießen.



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