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ProDie Städte den Menschen zurückgeben

Von Sebastian Fobbe / 31. Januar 2023
picture alliance / Zoonar | Oleksandr Latkun

Wer in Deutschland zu Fuß geht oder Rad fährt, muss mancherorts um sein Leben fürchten. Viel zu lange konzentrierte sich die Stadtplanung auf’s Auto. Es wird Zeit, das zu ändern und die Menschen in den Vordergrund zu stellen, nicht ihre Fahrzeuge.

Freiburg beweist Mut: Die Stadt will die jährlichen Preise für’s Anwohnerparken anheben und das kräftig. Wer sein Auto künftig vor der Haustür abstellen möchte, soll demnächst bis zu 480 Euro pro Jahr zahlen. Damit sollen die Autofahrenden auch die Kosten mittragen, die sie verursachen, so der Plan. Denn Autos stinken, machen Lärm, verschleißen die Fahrbahn und verpesten die Umwelt mit Abgasen und Reifenabrieb. Das alles hat seinen Preis, der je nach Stadt unterschiedlich hoch ist. In der angeblichen Fahrradstadt Münster zahlen Autofahrende fürs Anwohnerparken zurzeit übrigens nur schlappe 17 Euro. Pro Jahr!

In Freiburg, immerhin Groß- und Universitätsstadt in Baden-Württemberg, wo die Autoindustrie rund ein Viertel des gesamten Umsatzes erwirtschaftet, hat die Preiserhöhung erwartbar für Entrüstung gesorgt. So teuer sind Anwohnerparkausweise ja sonst nirgendwo in Deutschland. Genützt hat eine Klage gegen die steigenden Gebühren aber nicht. Ein Gericht hat die 480 Euro nun bestätigt – ein Urteil mit Ansage für die Verkehrswende im ganzen Bundesgebiet.

Die Botschaft hinter dieser politischen Entscheidung ist mehr als deutlich geworden. Autofahren soll künftig unattraktiv werden. Die teuren Anwohnerparkausweise sollen die Menschen in kurzer Zeit dazu motivieren, auf’s Fahrrad umzusteigen, den Bus zu nehmen oder innerstädtisch ganz einfach zu laufen.

Verkehrssicherheit geht alle an

Das Vorgehen ist richtig und wichtig. Denn mit den steigenden Gebühren ebnet Freiburg den Weg in Richtung einer autofreien Innenstadt. Preise sind dabei ein starkes Signal und allein klimapolitisch ist es notwendig, die Anzahl der Privatautos drastisch zu reduzieren. Es gibt aber noch ein weiteres Argument, den Verkehr neu zu regeln: Unsere Straßen sind einfach gefährlich.

Dazu ein kurzer Überblick: 2021 kamen rund 2.500 Menschen im Straßenverkehr ums Leben. Für 2022 hat das Statistische Bundesamt die Zahl der Verkehrstoten noch nicht veröffentlicht. Vieles deutet aber darauf hin, dass im vergangenen Jahr noch mehr Menschen bei Verkehrsunfällen gestorben sind. Der ADAC schätzt die Zahl auf etwa 2.700 Personen.

Besonders gefährlich in den Innenstädten ist es für Fußgänger:innen und Radfahrende. Sie machen mehr als die Hälfte der über 700 Opfer aus, die 2021 innerorts bei Verkehrsunfällen gestorben sind. Ein zu hoher Preis, den wir für unsere Mobilität zahlen!

Und obwohl die Faktenlage so klar ist, bleibt der Aufschrei aus. Zumindest in Deutschland. Die Städte und Gemeinden haben bislang noch keine ambitionierten Pläne aus der Schublade gezogen, die den Stadtverkehr sicherer machen könnten. Vielleicht auch, weil das bedeuten könnte: Die Deutschen müssten sich in den Innenstädten von ihrem geliebten Auto verabschieden.

Vorbild Niederlande

Dass und wie es anders gehen könnte, zeigen die Niederlande. 1971 starben dort so viele Menschen im Straßenverkehr wie in keinem anderen Jahr seit der Aufzeichnung entsprechender Daten. Besonders traurig: Rund 400 der gezählten 3.300 Verkehrstoten waren Kinder. Diese Erkenntnis setzte eine Bewegung in Gang, die bis heute die Wahrnehmung in den Niederlanden prägt.

Vielerorts schlossen sich besorgte Eltern zusammen, die sich mit der erschreckenden Realität verunglückter Kinder im Straßenverkehr nicht mehr abfinden wollten. Sie gründeten eine Kampagne namens „Stop de Kindermoord“, die ein Umdenken im gesamten Land maßgeblich voranbrachte. Heute sind niederländische Innenstädte deshalb weitgehend autofrei.

Besonders eindrücklich ist diese Entwicklung in De Pijp, einem Stadtteil im Süden von Amsterdam. Heute ein gentrifiziertes Hipsterviertel, lebten dort in den 1970er Jahren vorwiegend Familien der Arbeiterklasse. Damals wehte im heutigen niederländischen Fahrradparadies noch ein anderer verkehrspolitischer Wind. De Pijp glich einem riesigen Parkplatz, die beengten Straßen waren mit Autos vollgestopft.

Fünfzig Jahre später können die kleinen Bewohner:innen von De Pijp wieder sorgenfrei auf der Straße spielen. Sie brauchen die Autos nicht zu fürchten, weil dort viele Straßen verkehrsberuhigt oder zumindest baulich von den Geh- und Radwegen abgetrennt sind.

Es braucht Mut für radikale Konzepte

Oder wir machen es gleich wie Schweden: Das Land in Skandinavien setzt seit den 1990er Jahren ein radikales Sicherheitskonzept um, das null Verkehrstote pro Jahr anpeilt.

Die sogenannte „Vision Zero“ – auch wenn sie in den letzten dreißig Jahren nie erreicht wurde – hat einen großartigen Effekt: Nirgendwo sonst in Europa sind die Straßen so sicher wie in Schweden. Dank Tempolimit, harten Strafen für Raser:innen, null Toleranz bei Alkohol am Steuer und eben Alternativen zum Autoverkehr.

Auf deutschen Straßen heißt es hingegen weiterhin: „Vorsicht, Auto!“ Es wird also höchste Zeit, die Stadt den Menschen darin zurückzugeben.



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