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contraKapitalismuskritik – Ja, aber nicht bei mir

Von Anna Steinmeier / 31. Oktober 2019
Credits: Photo by freestocks.org on Unsplash;

Kritik am Kapitalismus zu äußern ist einfach. Wie Likes vergeben. Bis das eigene Verhalten angepasst werden muss, dann kommen viele an ihre Grenzen und verstummen. Vielleicht auch weil klar ist, so schnell lässt sich das System nicht ändern.

Für mich ist unstrittig, dass sich an dem kapitalistischen System, in und mit dem wir leben, etwas ändern muss. Es ist ungerecht und vergrößert die Kluft zwischen Arm und Reich mit steigenden Mieten und geringen Löhnen einerseits sowie wachsenden Kapitalgewinnen und Vermögenserträgen andererseits. Doch ist es damit an seine Grenzen gekommen? Wer sich individuell gegen kapitalistische Strukturen stellt, schadet nicht dem System, sondern meist nur sich selbst.

It’s the economy, stupid!

Man versucht jetzt, im kapitalistischen System antikapitalistisch zu leben. Die Freunde gratulieren zum Mut, sich gegen das System zu stellen, die Sonne strahlt und die Welt ist ein besserer Ort, so scheint es. Und dann? Nichts weiter passiert. Selbst wenn sich hier und da Einzelne aus dem System ausklinken, ändert das dieses System nicht. Dass sich durch die Entscheidung eines Menschen bisher weder der freie Markt noch die Verteilung des Kapitals hat revolutionieren lassen, wird bei aller Motivation schnell vergessen. Spätestens, wenn man keinen Job hat, stellt man fest, dass Idealismus schlecht den Kühlschrank füllt.

Kapitalismus, was war das nochmal?

Überhaupt scheinen die meisten Kapitalismuskritiker nicht einmal zu verstehen, was ihn genau ausmacht und wie er volkswirtschaftlich funktioniert. Kapitalismus ist zu einem Modewort für alles Schlechte geworden: Umweltzerstörung, hohe Mieten, Lohndumping und grenzenloser Konsum. Die allenthalben zu beobachtende Gier im Wirtschaftsleben ist aber nur zum Teil dem kapitalistischen System als solchem anzulasten. Selbst in sozialistischen Wirtschaftssystemen gab es eine Elite, die sich persönlich bereichert hat. Hallo, Korruption! Abgesehen von dem unterschiedlichen Menschenbild beider Systeme ist somit auch der Kapitalismus ein von Menschen geschaffener Rahmen für ihr wirtschaftliches, menschliches Handeln. Darum ist alles Negative, das mit dem Kapitalismus in Zusammenhang gebracht wird, letztendlich auf menschliches Verhalten zurückzuführen. Wie human das Ganze ausgelegt wird, steht auf einem anderen Blatt.

Konsumkritischer Konsum ist immer noch Konsum

Fridays for Future sorgen seit einem Jahr für Proteste gegen das System. Gleichzeitig wird in Deutschland so viel gekauft wie lange nicht. Während sich Textilunternehmen mit der Inszenierung ihres vermeintlich nachhaltigen Verhaltens in der Werbung übertreffen, sind ihre Preise doch konstant niedrig. Und nicht zuletzt: Auch Fairphones, also fair gehandelte Handys, und Bio-Obst unterliegen kapitalistischen Regeln; konsumkritischer Konsum bleibt trotzdem Konsum. Alternativen wie Tauschbörsen und Flohmärkte funktionieren letztlich auch nach kapitalistischen Regeln. Und selbst das gesetzliche Grundeinkommen gibt eingeschworenen Marx-Lesern Anlass zur Kritik, weil das Produktionskapital weiterhin auf Unternehmerseite bleibt. Für Einzelne können 1000 Euro mehr oder weniger im Monat dagegen entscheidend sein, ob sie ihren Lebensunterhalt bestreiten können oder nicht. Diese Diskussionen über “den“ Kapitalismus haben eines gemeinsam: Sie bewegen sich im Diffusen und bleiben dadurch so entspannt ungenau, dass sich danach alle in ihrer Kritik einig sind und trotzdem bequem nach Hause fahren können, ohne sich selbst ändern zu müssen. Über diese Grenze hinaus gehen nämlich die wenigsten.

Zehn Leute haben tausend Meinungen

So gesehen gibt es bereits eine beachtliche politische Gruppe gegen kapitalistische Strukturen. Doch selbst diese Gruppe ist in sich zerstritten. Ist dieses System gestürzt, welches System soll es danach geben? Kommunismus, Sozialismus, Anarchie? Hier fehlt eine eindeutige Richtung, Zukunftsutopien jeglicher Form bleiben schwammig, nur dagegen ist man schonmal, darin ist man sich einig.

Reformen statt Revolution

Dabei ist der gangbare Weg, das kapitalistische System nachhaltig durch eine anhaltend gemeinschaftliche Bewegung von innen heraus zu reformieren. Stück für Stück für Stück – und ja, das wird noch lange dauern. Neue Regularien sind nur ein Anfang, aber kein Systemsturz. Es müssen bereits vorhandene Gesetze, die beispielsweise den Kapitalmarkt regeln, durch die Politik in der Breite verschärft und nicht nur verschriftlicht, sondern richtig umgesetzt werden. Es müsste echte finanzielle Reformen geben, die an die Substanz von Besitzenden gehen, die deswegen noch lange nicht in den Ruin getrieben werden. Es braucht mehr Geld in Steuern statt in Konsum. Das wäre unangenehm, würde uns aber aus den Rosa-Wolken-Diskussionen über den Kapitalismus holen. Doch dazu scheint niemand derzeit ernsthaft bereit. Politiker sind am Ende des Tages eben auch nur Menschen, die im kapitalistischen System konsumieren. Zu einfach gedacht? Gegenfrage: In zwei Monaten ist Weihnachten. Wer will seinen Kindern statt Geschenken lieber Kapitalismuskritik unter den Baum legen?

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