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contraEcht mühsam

Von Nadine Tannreuther / 26. Februar 2021
picture alliance / Westend61 | Ezequiel Giménez

Sekundenschneller Austausch, praktisch immer und überall erreichbar: Die Digitalisierung macht Kontakthalten so viel einfacher als je zuvor. Doch digitale Kommunikationswege verhindern die soziale Isolation leider nicht, sondern zögern sie nur hinaus.

Im März 2020 erhielt mein Smartphone kurzzeitig eine ganz neue, entscheidende Bedeutung: Es stieg vom modernen Unterhaltungstool zur “Überlebensmaschine“ auf. Ich befand mich im Skiurlaub in Österreich und schaute während einer längeren Gondelfahrt auf das blinkende Display: mehrere verpasste Anrufe, viele Emails und ein Dutzend Nachrichten auf Whatsapp und Telegram. Der Grund? Die Corona-Pandemie erzwingt den ersten Lockdown – und ich bin mit meiner Begleitung über Nacht mitten im „Krisengebiet“ gelandet.

Telefonieren, texten oder (Video-)chatten: Über die digital-technischen Möglichkeiten war ich wahrscheinlich so froh und dankbar wie noch nie zuvor, womöglich wären wir sonst (zumindest vorerst) nicht so problemlos vor der Grenzschließung nach Deutschland zurückgekehrt.

Ein gutes Jahr ist seitdem vergangen. Nun sitze ich mehr oder weniger – teilweise freiwillig – zu Hause fest, um die persönlichen Kontakte auf ein Minimum zu reduzieren, um dabei mitzuhelfen, die Ausbreitung des Corona-Virus einzudämmen. Keine Treffen, keine Kultur, kaum Ablenkung. Ein Stück weit Vereinsamung? Absolut. Die Alternative? Die Bildschirmzeit erhöhen und auf digitale Möglichkeiten ausweichen. Das Ergebnis? Kopfschmerzen und schlechte Laune. Die vergangenen Monate haben mir verdeutlicht: Den Bedarf an einem Mindestmaß an sozialem Austausch decken technische Kommunikationslösungen zwar in gewisser Weise ab, verhindern jedoch nicht die damit einhergehende Vereinsamung in der Isolation, die die Pandemie von uns verlangt. Letztendlich ersetzt keine rein technisch übertragene Kommunikation den physischen Kontakt, der all unsere Sinne beansprucht.

Digital eindimensional

Sich auf Dauer nur in dieser digitalen Dimension zu “bewegen“, entfernt uns auch von uns selbst. Werfen wir nur mal einen Blick auf den Startpunkt eines jeden Lebens, die Geburt. Wir kommen zur Welt und mit das Wichtigste ist weiterhin die physische Verbindung zum Mutterkörper. Wir werden unverzüglich im direkten Hautkontakt auf den Bauch der Mutter platziert, es findet das sogenannte „Bonding“ statt, ein intensiver Haut-zu-Haut- und Blickkontakt, der zur Mutter-Kind-Bindung beiträgt.

In Pandemiezeiten müssen Smartphone, Tablet, Laptop und Co. den sozialen Austausch in Form und Quantität weitgehend ersetzen. Einverstanden. Das Gute: Wir können weiter kommunizieren und das schnell, barrierefrei und unbegrenzt. Doch was ist mit der Qualität dieser Kommunikation?

Unbestritten ist: Auf dem elektronischen Weg geht so einiges verloren. Warum das so ist, versucht das Kommunikationsquadrat (oder auch Vier-Ohren-Modell genannt) des Kommunikationswissenschaftlers Friedemann Schulz von Thun zu erklären. Demnach lässt sich eine Nachricht in vier verschiedene Ebenen unterteilen: die Sachebene, die Selbstoffenbarung, die Beziehungsebene und der Appell. Die Sachebene definiert vorrangig, was inhaltlich gesagt wird, also Daten, Fakten und Informationen. Mit dem Appell will der Sender durch die Aussage etwas bewirken, eine direkte Handlung oder eine Änderung der Haltung des Gegenübers. Doch ausgerechnet das könnte nach hinten losgehen. Denn mit den einschränkenden digital-technischen Kommunikationsmitteln können auf der Ebene der Selbstoffenbarung sowie der Beziehungsebene schwerwiegende Missverständnisse auftreten. Wer spricht, gibt (unbewusst) einiges von sich preis und ermöglicht “Einblicke“ in die Gefühlswelt und Persönlichkeit und vieles mehr. Dazu gehört auch scheinbar Profanes. Problematisch dabei: Beispielsweise lässt sich über Videochat kein Geruch ermitteln. Ist mir mein Gegenüber sympathisch, kann ich ihn oder sie überhaupt „riechen“? Diese Frage bleibt unbeantwortet. Doch selbst eine einzelne fehlende Information kann die Beziehungsebene beeinflussen, die darüber hinaus weiterhin auch von Wortwahl, Körpersprache und Mimik abhängt. Die Folge: Misskommunikation, Unverständnis, Frust.

Der Austausch bleibt oberflächlich

Eine Vereinsamung in der (Corona-)Isolation lässt sich mittels digitaler Kommunikation auffangen, aber nicht verhindern. Denn irgendwann kommunizieren wir weniger, um dieser unvollständigen und damit auch mühsamen Art sich zu verständigen zu entgehen. Dumm nur, wenn parallel die Regierung trotzdem darauf setzt, dass auch die Generation der Groß- und Urgroßeltern etwa über eine eigene Emailadresse und das dazugehörige Know-How verfügt. Dann steht mit der bloßen Wahl der Kommunikationsmittel mehr auf dem Spiel als die Frage nach der sozialen Isolation. Ohne internetfähigen PC keine Emailadresse, ohne Email kein Impftermin. Von der finanziellen Grundvoraussetzung für solche modernen Geräte fange ich gar nicht erst an. Kann das gewollt sein?

Gibt es dennoch Licht im Dunkeln? Vielleicht anhand eines Beispiels aus Australien. 2008 war ich zu Gast in „Down Under“. Nach meiner Rückkehr schlief der Kontakt zu meiner Gastfamilie mit den Jahren ein. Doch seit Mitte 2020 skypen wir einmal im Monat. Eigentlich eine schöne Entwicklung. Wäre da nicht das Gesprächsthema. „Wie ist es bei euch mit Corona?“, heißt es jedes Mal. Der Austausch bleibt also trotz Annäherung eher oberflächlich. Australiens Sonne und die Herzlichkeit der Menschen vor Ort vermisse ich nun umso mehr.

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