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contraMeine Daten gehören mir!

Von Steffen Haake / 30. April 2019
Credits: Danko Münzel/ Flickr;

Personalisierte Werbung setzt auf den Verlust von Privatsphäre. Was andere in Kauf nehmen, geht mir eindeutig zu weit.

Ich habe mit individueller Ansprache und lernender künstlicher Intelligenz (KI) erhebliche Probleme. Ich möchte in der Konsum- und Werbewelt lieber anonym unterwegs sein. Warum auch nicht? Zwar darf man sich nicht beschweren, wenn beispielsweise „Gefällt mir“-Angaben auf Facebook zu einem gewissen Grad ausgewertet werden (man gibt sie schließlich freiwillig an). Wenn jedoch private Chats herangezogen und Gespräche heimlich abgehört werden, dann hört der personalisierte Werbespaß auf.

Verdecktes Abhören über Spracherkennung

Facebook etwa scheint beim Smartphone zum gezielten Abhören von werberelevanten Infos auf das Mikrofon zuzugreifen. Wie überaus praktisch, dass zum Konzern inzwischen auch Plattformen wie Messenger, Whatsapp und Instagram gehören! Das TV-Magazin Plusminus ging also dem Verdacht nach, dass alle diese Dienste Audiodaten missbrauchen: Sie kauften sich vier Handys, installierten die genannten Apps und autorisierten den Zugriff. Bei zweien wurde das Mikro abgeklebt. Dann sprachen die Redakteure vor den vier Endgeräten über Reisen. Danach zeigten ihnen die Anwendungen – ohne aktive Nutzung der Apps – dazu Empfehlungen an. Noch passgenauer wurde die Werbeanzeigen, nachdem die Tester telefoniert hatten. Bei abgeklebten Mikros fand das hingegen gar nicht statt.

Eine derartige Totalüberwachung ist, freundlich ausgedrückt, höchst bedenklich. Noch hat dieses zielgruppenorientierte Targeting jedoch Schwächen; oft wird irrelevante Werbung zu Produkten, die man schon hat oder nicht haben will, angezeigt. Als Facebook-Nutzer erleichtert mich das, weil KI doch noch nicht alles begreift – aber eines ist sicher: Die Datenanalysen werden effizienter werden.

Bei einem Besuch im Silicon Valley in San Francisco habe ich mich darüber mit einem damaligen Facebook-Entwickler unterhalten. Er offenbarte mir: „Einen genauen Überblick über den Algorithmus hat niemand. Machine Learning bedeutet, dass er sich durch KI weiterentwickelt. Zwar könnten wir ihn abschalten, doch ihn zu kontrollieren geht nur punktuell. Dieser Algorithmus hat erheblichen Einfluss auf Konsumverhalten, Gefühle und auch politische Wahrnehmung.“

Marktmacht dank Werbedaten

Zukünftig wird der Markt mit Werbedaten enorm wachsen. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) berichtete, dass der stationäre Handel stagniere, während der Internethandel jedes Jahr um zehn Prozent steige. Nicht wenig Geld bei einem erwarteten deutschen Einzelhandel in Höhe von beachtlichen 537 Milliarden Euro – und der Markt bewegt sich weiter. Denn Konzernriesen wie Google und Amazon kennen ihre Kunden dank deren Profile genau. Die Datenmenge von Amazon hat Besitzer Jeff Bezos zum reichsten Mann der Welt gemacht, übrigens fast ohne Steuern zu zahlen. Das Finanzmedium Bloomberg schrieb jüngst, dass Amazon-Mitarbeiter sich weltweit täglich Tausende aufgezeichnete Alexa-Privatgespräche von Echo-Nutzern anhören und heimlich abschreiben – eine Praxis, die in den AGBs keine Erwähnung findet.

Die Folge? Aus Sorge vor der US-Übermacht arbeiten deutsche Händler immer mehr zusammen. Um auch ohne Login-Daten aufzuspüren, welche Nutzer sich auf welchen Websites befinden, können Unternehmen E-Mail-Adressen von Kunden so chiffrieren, dass sie trotzdem eine wiedererkennbare Kennung erhalten. Diese gleichen die Onlineshops dann untereinander ab und können damit ihre Werbung besser steuern.

Schöne neue Werbewelt?

Eine große Rolle spielen auch Cookies, kleine Textdateien, mit denen Web­sites einen Internetnutzer wieder­erkennen. Beim Schlie­ßen des Browsers werden sie auf dem PC ge­spei­chert, um sie beim nächsten Aufruf wieder anzuwenden. Sie ermög­lichen der Website, sich an Nutzer anzu­passen.

Für Werbetreibende erfüllen Cookies natür­lich einen anderen Sinn: Zwar speichern die Textdateien keine konkreten Personenangaben, sie ermöglichen es aber, nutzerspezifische Onlineaktivi­täten über diverse Web­sites hinweg nachzu­vollziehen. Jeder Nutzer sieht dadurch eine andere, ganz persönliche Werbewelt. Für die virtuellen Werbeblasen gibt es in Millisekunden Versteigerungen auf Onlineplattformen mit künstlicher Intelligenz als Auktionator.

Klar, wer seine Daten im Netz bereitwillig preisgibt, der muss zu einem gewissen Grad auch damit rechnen, dass sie genutzt werden und er nicht anonym bleibt. Onlineplattformen sind heute aus unserem privaten und öffentlichen Leben nicht mehr wegzudenken. Das Recht auf Privatsphäre und der Schutz derselben muss aber auch auf den virtuellen Marktplätzen gelten: Gerade für diejenigen, die eher unbedenklich mit ihren Daten umgehen. Denn diese Tatsache allein gibt Internetgiganten wie Facebook noch lange nicht das Recht, sie zu missbrauchen. Personalisierte Werbung sollte daher – Stichwort: Datenschutzgrundverordnung – viel strenger reglementiert und eingeschränkt werden.

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