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Renovierungsbedarf

Von Marlene Thiele / 2. August 2016
Credits: Ștefan Jurcă/ flickr: "Landsberg am Lech"; Lizenz CC BY-NC-ND 2.0

Veraltete Moralvorstellungen, zahlreiche Skandalmeldungen: Seit Jahren hat die katholische Kirche mit Mitgliedsverlusten zu kämpfen. Um das zu ändern, muss sie ihre Grundsätze überdenken.

Ein frischer Wind pfeift über die Domplatte, es ist gerade hell geworden und die letzten Nachtschwärmer fliehen in die Dunkelheit der U-Bahn-Schächte. Mit dem Glockengeläut finden sich etwa 50 Gläubige zur ersten Sonntagsmesse im Kölner Dom ein. Es gibt keine Zwischenfälle, keine Femen-Aktivistin springt auf den Altar.

Nur ein streng riechender Obdachloser verbindet Nützliches mit Nötigem und holt sich seinen Segen schlafend in der überdachten Sakramentskapelle. Man rückt etwas von ihm ab, belässt es aber bei dieser stummen Kritik und verschwindet nach dem Friedensgruß zügig und wortlos. Dass die meisten Messbesucher im Rentenalter sind, ist laut Susanne Cornet von der Domseelsorge der Regelfall. „Ein wenig schwanken die Zahlen natürlich. In den Ferien sind es manchmal ein paar mehr, die in die Messe kommen“, sagt Cornet.

Für die Zweifler gehört ein Messbesuch sowieso nicht ins Wochenendprogramm. Oft bleiben sie einige Jahre Kirchenmitglieder, ohne sich zugehörig zu fühlen, ehe sie sich irgendwann entscheiden, aus der Kirche auszutreten. Möglich ist das zum Beispiel im Kölner Amtsgericht. Kosten: 30 Euro.

„In die Kirche gehe ich sowieso nicht, das Geld spende ich lieber“, sagt eine 27 Jahre alte Lehrerin, die im Amtsgericht darauf wartet, dass ihre Nummer aufgerufen wird. „Von der Kirche kommen doch nur schlechte Nachrichten“, ergänzt ein Journalist in den Dreißigern. Er meint damit die immer wieder auftretenden Skandalmeldungen rund um Kindesmissbrauch und unlautere Bereicherungen einzelner Geistlicher.

Zwei Millionen Mitglieder weniger in den vergangenen zehn Jahren

Die beiden Austrittswilligen sind nicht alleine. Die Deutsche Bischofskonferenz verzeichnet für die katholische Kirche einen jährlichen Verlust von rund 200.000 Mitgliedern. Zwar sinkt die Zahl der Austritte langsam, die Neueintritte übersteigt sie aber noch immer maßlos. 2014 hatte die katholische Kirche 23,94 Millionen Mitglieder, 2015 waren es nur noch rund 23,76 Millionen.

In den vergangenen zehn Jahren hat die katholische Kirche in Deutschland mehr als zwei Millionen Mitglieder verloren. Die Mündigen gehen und mit ihnen bleibt getaufter Nachwuchs aus. Die Gemeinde schrumpft und vergreist. Wer auf dem Papier die Konfession behält, nutzt die Angebote immer zurückhaltender. Den meisten fehlt die Verbindung zwischen modernem Alltag und kirchlicher Tradition.

Jugendkirchen für den christlichen Nachwuchs

Mit den sogenannten Jugendkirchen gibt es seit einigen Jahren ein Konzept, um junge Menschen zur Kirche zurückzuführen. Unter Aufsicht eines Seelsorgers wird den Jugendlichen meist eine ganze Kirche zu Verfügung gestellt, in der sie selbst Gottesdienste organisieren können.

Die Münchener Kirche „Zum guten Hirten“ ist seit 2009 in jugendlicher Hand. Das Gebäude ist Teil eines Klosterkomplexes, sodass erst beim Eintreten die alternative Gestaltung offensichtlich wird: Statt gereihter Holzbänke sind halbkreisförmig Stühle aufgestellt. In ihrer Mitte reflektiert das Metall vom Altar den roten Schein einer modernen Lichtanlage. Dahinter befindet sich eine 25 Quadratmeter große Leinwand. Die etwa dreißig Messbesucher sind im Schnitt 18 Jahre alt.

Mit bayrischem Dialekt begrüßt sie der 34 Jahre alte Pfarrer Josef Steindlmüller „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“, ehe er zu „Voll krass, Alter“, dem Motto des Gottesdienstes überleitet: „Voll krass, was da im ersten Brief des Apostel Paulus steht: ‚Wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg‘!“

Um Missverständnisse vorzubeugen, erklärt der Jungpfarrer seinem Publikum die Parabel der Bibel. „Es geht um die Schulung des Herzens, sich stets auf gute Gedanken zu prüfen“, so Steindlmüller. Eine einfache Übertragung, die im diesseitig bezogenen Leben jedoch sehr weit gegriffen scheine. Daraus folge das Unverständnis des Kirchlichen: „Voll krass, du gehst in die Kirche?“

War der Messbesuch früher selbstverständlich, stünden die Gläubigen heute zunehmend unter Rechtfertigungsdruck. Wer glaubt, wird kritisiert. Den gläubigen Jugendlichen bereitet das Sorge: Frei formulieren sie Fürbitten, die Jugend möge zum Glauben finden, dazu stehen und Freude daran haben. Der kleine Kreis rückt zusammen, fasst sich rings um den Altar an die Hände, betet gemeinschaftlich, singt und empfängt schließlich die Kommunion. Dann verabschieden sie sich mit dem Friedensgruß.

Im Ablauf unterscheidet sich dieser Gottesdienst also nicht von der Messe im Dom. Doch ist die Sprache jünger und es gibt die zusätzlichen Erklärungen. Außerdem finden die Jugendlichen viele Gleichgesinnte in ihrem Alter.

Die Werte dem Zeitgeist anpassen

Das Konzept geht auf: Derzeit gibt es in Deutschland schon etwa 130 katholische Jugendkirchen, zu denen immer wieder neue hinzukommen. Es entwickelt sich ein kleiner Widerstand, der die alten Werte dem Zeitgeist anpasst. Damit agiert die Jugendkirche ebenso wie der Reformator Papst Franziskus, der der Kirche ein neues Gesicht zu geben scheint.

Auch in mehreren deutschen Städten vollzieht sich derzeit ein Generationswechsel im oberen Klerus: Zum Beispiel bekommen die Bistümer Berlin, Hamburg und Limburg bald einen neuen Bischof – davon sind 1,4 Millionen Katholiken betroffen. Eine Renovierung der katholischen Kirche ist vielleicht die einzige Möglichkeit, ihrem langsamen Verfall entgegenzuwirken. Noch besteht Hoffnung für sie.

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