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So viel mehr als Musik

Von Daniel Lehmann / 21. Mai 2015
United Nations Photo, CC-BY-NC-ND-2.0 // Conchita Wurst, ESC-Gewinnerin 2014, singt im Büro der Vereinten Nationen im Internationalen Zentrum Wien.

Der größte Musikwettstreit des Kontinents, der Eurovision Song Contest, ist seiner ursprünglichen Bestimmung entwachsen. Er ist ein sensibles Barometer für den gesellschaftlichen Wandel in Europa und ein kreatives Forum für den sozialen Austausch. Man muss nur den richtigen Ton treffen.

Wenn am 23. Mai in Wien das Finale des 60. Eurovision Song Contests (ESC) über die Bühne geht, wird es nicht nur für Musikfans spannend. Denn die Jubiläumsausgabe des Liederwettbewerbs dürfte fortsetzen, was sich in den vergangenen Jahren zunehmend abgezeichnet hat. Neben der künstlerischen Komponente entwickelt sich die Großveranstaltung zum Schauplatz für politische Statements und gesellschaftliche Botschaften. Dabei sind diese laut dem offiziellen Reglement eigentlich untersagt.

Armenien gedenkt Völkermord

Das hält beispielsweise die armenische Band Genealogy (englisch für Abstammung) nicht davon ab, mit ihrem Beitrag „Face the Shadow“ an den Völkermord an den Armeniern zu erinnern. Allein in den Jahren 1915 und 1916 starben mehrere hunderttausend Armenier bei Massenmorden und Folterakten, die auf Geheiß der Regierung des Osmanischen Reichs durchgeführt wurden. Da sich die Opferzahlen nicht mehr genau rekonstruieren lassen, schwanken die Schätzungen je nach Quellenlage bis hin zu 1,5 Millionen Toten. Unabhängig davon gelten diese Ereignisse mittlerweile aber so oder so bei der Mehrheit der Historiker als weltweit erster geplanter Genozid des 20. Jahrhunderts.

Die Türkei, Nachfolgestaat des Osmanischen Reichs, erkennt die Taten bis heute nicht an. Erst Ende April kritisierte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan Bundespräsident Joachim Gauck und weitere Politiker dafür, in Reden zum 100. Jahrestag des Massakers den Begriff „Völkermord“ verwendet zu haben und kanzelte die Darstellung des Binnenstaates als „armenische Lügen“ ab. Bei Liedzeilen wie „Face every shadow you denied“ (stell dich den Schatten, die du geleugnet hast) fällt es da nicht schwer, einen Adressaten zu finden, den die Armenier mit ihrem Song „Face the Shadow“ erreichen wollen.

Die Türkei sorgt sich um traditionelle Werte

Deutlich abgeschwächt klingt die Beschreibung und Interpretation des armenischen Beitrags auf eurovision.tv, der Online-Präsenz des Wettbewerbs. Hier heißt es lediglich, „Face the Shadow“ sei ein kraftvoller Lobgesang auf Frieden, Einheit und Liebe („a powerful anthem about peace, unity, and love“).

Für einige Turbulenzen dürfte der Auftritt von Genealogy dennoch sorgen, zumal das Verhältnis der Türkei zum Eurovision Song Contest ohnehin gelinde gesagt angespannt ist. In den vergangenen zwei Jahren gab es keine türkischen Beiträge zum ESC. Nicht etwa, weil sich das Land nicht qualifizieren konnte, sondern weil es freiwillig auf die Teilnahme verzichtete. Als vornehmlicher Grund wurden zwar zu schlechte Einschaltquoten des staatlichen Fernsehsenders TRT angegeben, Türkei-Kenner vermuten dahinter allerdings eine Maßnahme der konservativen Regierung, die sich um ihre traditionellen Werte sorgt.

Dafür spricht, dass die erstmalige Absage der Türkei unmittelbar auf die Veröffentlichung von Filmmaterial erfolgte, welches zwei sich küssende Darsteller während einer Probe in Vorbereitung zum Eurovision Song Contest 2013 in Schweden zeigte. Nicht-heterosexuelle Handlungen werden in weiten Teilen der Türkei nach wie vor als Sittenverfall betrachtet. Um diese Haltung zu verdeutlichen, wurde kurz darauf mit dem Turkvision Song Contest sogar ein eigenständiger Wettbewerb ins Leben gerufen, für den nur Länder mit größeren türkischsprachigen Bevölkerungsteilen wie Aserbaidschan und Usbekistan teilnahmeberechtigt sind. Im Februar dieses Jahres verkündete der Sender TRT nun etwas überraschend, 2016 wieder beim Eurovision Song Contest antreten zu wollen.

Das Gesicht gegen Diskriminierung

Das Motto des diesjährigen Wettbewerbs lautet „Building Bridges“. Eine große Brücke hat bereits Conchita Wurst errichtet. Die 26-jährige Sängerin und Kunstfigur von Travestiekünstler Thomas Neuwirth, die mit ihrem ESC-Sieg in Kopenhagen Österreich die diesjährige Gastgeberrolle und einen festen Platz in der Finalrunde bescherte, ist nach Einschätzung der Süddeutschen Zeitung schon jetzt „das Gesicht eines ganzen Kontinents gegen Diskriminierung“. Nach ihrem Triumph beeindruckte sie auch neben der Show-Bühne mit charismatischen Auftritten im Europaparlament in Brüssel und vor den Vereinten Nationen an der Seite von UN-Generalsekretär Ban Ki-moon in Wien.

Manche vermuten, Conchita Wurst habe weniger wegen ihres gesanglichen Talents als wegen ihrer Botschaft gewonnen. Doch selbst wenn dies der Fall sein sollte, spricht das nur umso mehr für die Wandlung des Wettbewerbs zum Abbild der Lage in Europa. Conchita Wursts Erfolg zeigt der Türkei, wie antiquiert die dortigen Ansichten im Vergleich zu anderen Ländern sind. In Wien sensibilisiert Armenien für ein wichtiges Thema der eigenen Geschichte.

Kulturelle Veranstaltungen sind stets auch immanent politisch. Trotzdem sollte die Europäische Rundfunkunion als Ausrichter darüber nachdenken, die Regeln über politische Botschaften häufiger großzügig auszulegen. Damit es am Ende wieder heißt: Freier Dialog und Vielfalt… zwölf Punkte!

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