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„Software kann Schüler da abholen, wo sie sind“

Von Yves Bellinghausen / 25. Dezember 2017
Credits: Pixabay/ Wokandapix; Lizenz CC0

Roboter können manche Aufgaben sogar besser wahrnehmen, aber vollständig ersetzbar sind Pädagogen nicht. Sagt die Leipziger Bildungswissenschaftlerin und Psychologin Brigitte Latzko.

sagwas: In welchem Jahr brauchen wir keine Lehrer mehr in den Schulen?

Brigitte Latzko: In gar keinem Jahr! Künstliche Intelligenz kann Lehrer unterstützen und wird das wohl auch in Zukunft immer mehr tun. Aber komplett ersetzen wird sie Lehrer niemals.

Was können Lehrer denn, was digitale Anwendungen niemals können werden?

Sie als Schüler können eine Online-Lernplattform benutzen und stundenlang selbstständig lernen, aber irgendwann – das garantiere ich Ihnen – haben Sie eine Frage, die Sie lieber mit einem echten Menschen besprechen und nicht mit einer Maschine. Zum Beispiel, wenn ein Schüler nicht weiß, wie er mit den Lerninhalten umgehen soll. Die sozial-emotionale Interaktion zwischen dem Lehrer und dem Schüler können Computer einfach nicht nachstellen. Ich glaube auch nicht, dass sie das in absehbarer Zeit können werden.

Und was genau ist das, was Software nicht kann?

Die Lehrer-Schüler-Beziehung ist schon seit der Antike ein wichtiger Teil des Lernens. Ein Lehrer ist immer auch dazu da, einen Schüler zum Lernen anzuspornen. Der Lehrer stellt Fragen, um die Schüler zum Nachdenken anzuregen oder auch, um zu überprüfen, ob die Schüler es wirklich verstanden haben. Software hat zwar Belohnungssysteme, kann aber nicht mit kritischen Fragen eine intrinsische Motivation anregen. Software kann Wissensbausteine vermitteln, aber diese dann auch wirklich anzuwenden oder richtig einzuordnen, davon ist sie noch sehr weit entfernt. Als Assistenten für die Lehrkraft eignen sich Computerprogramme dagegen sehr gut, etwa um die besagten Wissensbausteine zu vermitteln.

Was ist der Unterschied zwischen der Vermittlung eines Wissensbausteins und seiner Anwendung?

Ganz klassische Wissensbausteine sind Vokabeln. Dafür gibt es schon seit Jahren Computeranwendungen. Da können Programme dann auch Rückmeldungen geben, Rechtschreibfehler kennzeichnen und ähnliches. Aber dieses Wissen dann zu vernetzen, sodass der Schüler eine Sprache wirklich sprechen lernt, das geht nicht am Computer. Dazu muss er sie in alltäglichen Situationen anwenden.

Bildung hängt vor allem ab von der Lehrer-Schüler-Beziehung, sagt Brigitte Latzko. (Foto: Brigitte Latzko)

Manche Schüler fänden es wahrscheinlich ganz schön, wenn manch ein Lehrer durch einen Roboter ersetzt würde.

Richtig. Alles, was es Positives über die Lehrer-Schüler-Beziehung zu sagen gibt, kann man auch ins Negative spiegeln. Wir haben in Deutschland eine Schulpflicht. Unsere Lehrer können wir uns nicht wirklich aussuchen. Schüler, die sich in einem guten Umfeld wiederfinden, können sich glücklich schätzen. All die negativen Emotionen, die so eine Lehrer-Schüler-Beziehung mit sich bringen kann, persönliche Antipathie etwa, die hätte man mit einem Roboter wohl nicht. Hier liegt sicher eine Stärke von Robotern: Sie können gleichberechtigter unterrichten und gerechtere Noten verteilen. Der Roboter hat keine Vorurteile.

Frei von Diskriminierung sind auch Online-Lernplattformen, auf die theoretisch alle Zugriff haben. Demokratisiert das digitale Lernen die Bildung?

Da bin ich skeptisch. Ich glaube nicht, dass Online-Bildung Kindern aus bildungsferneren Schichten per se den Zugang erleichtert. Grundlegend ist ein Interesse an Bildung im Elternhaus selbst. Das können digitale Medien keinesfalls kompensieren. Ich brauche auch Eltern, die gemeinsam mit den Kindern die Angebote nutzen. Wenn das nicht der Fall ist, ist es auch egal, dass die Bücher oder die Softwareprogramme nicht genutzt werden.

Aber Software kann sich besser auf die einzelnen Schüler einstellen.

Das ist sicherlich eine große Stärke. Die Software kann die Schüler da abholen, wo sie sind – nämlich auf unterschiedlichen Wissensständen. Die Schulklassen sind heute schon sehr heterogen. Mit den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen im Hinterkopf, werden wir in Zukunft wohl noch mehr Unterschiedlichkeit in den Klassenzimmern haben. Individualisiertes Lernen mit dem Computer kann uns da helfen, mit unterschiedlichen Lerngeschwindigkeiten oder Wissensständen umzugehen.

Eine Antwort zu “„Software kann Schüler da abholen, wo sie sind“”

  1. Von Anonymous am 29. Januar 2018

    Gute Frau

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